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Hitzige Atmosphäre an der Bremer Brücke:  Leipzigs Trainer Ralf Rangnick versucht, seine Spieler zu beruhigen.
Hitzige Atmosphäre an der Bremer Brücke: Leipzigs Trainer Ralf Rangnick versucht, seine Spieler zu beruhigen.(Foto: imago/Picture Point LE)
Dienstag, 11. August 2015

Provokationen im Spielertunnel: Rangnicks Leipziger geben sich entrüstet

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Was sich beim DFB-Pokal in Osnabrück abspielt, ist ein Eklat für den deutschen Fußball. Leipzigs Trainer Ralf Rangnick bietet ein Wiederholungsspiel an, sagt aber auch, dass der Abbruch nach der Attacke auf den Referee kein Zufall war.

Der Verein Rasenballsport Leipzig polarisiert seit der Gründung im Jahr 2009, und das deutschlandweit. Doch ein solcher Medienrummel wie an diesem Montagmittag herrscht auch am Trainingszentrum am Cottaweg selten. Die zahlreichen Journalisten waren mit Übertragungswagen, Kamerateams und Mikrofonen angerückt, um zu erfahren, was Leipzigs Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick zum DFB-Pokal-Skandal samt Spielabbruch in Osnabrück zu sagen hat.

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Nachdem Schiedsrichter Martin Petersen am Montagabend in der ersten DFB-Pokal-Runde zwischen VfL Osnabrück und RB Leipzig in der 71. Minute von einem Feuerzeug am Kopf getroffen wurde, hatte er die Partie beim Stand von 1:0 für die Gastgeber abgebrochen. Ein außerordentlicher Eklat für den deutschen Fußball, der die Aggressionen gegenüber Schiedsrichtern und den Spießrutenlauf von RB Leipzig in fremden Stadien gleichermaßen betrifft. In schwarzem Trainingsanzug und mit ernster Miene trat Rangnick vor die Kameras und sagte: "Wurfgeschosse waren gestern an der Tagesordnung, unsere Spieler und Betreuer wurden mit Bierbechern und Feuerzeugen beworfen und bespuckt. Dass das Spiel abgebrochen wird, ist die logische Konsequenz."

Zwar wertete Rangnick die Attacke in erster Linie als Angriff auf den Schiedsrichter. "Es wäre aber auch mehrfach möglich gewesen, dass Spieler von uns getroffen werden." Der 57-Jährige betonte, dass er die von einem Großteil der 13.000 Osnabrücker Fans entfachte, euphorische Stimmung an der Bremer Brücke nicht pauschal verurteilen wolle. "Teilweise war es eine gute Pokalatmosphäre durch die Fans, die ihre Mannschaft unterstützen wollte. Aber es war eben auch nicht nur eine kleine Minderheit, die mehr wollte als nur unterstützen." Deswegen sei es am Ende auch kein Zufall gewesen, dass dieses Spiel nicht regulär abgepfiffen, sondern abgebrochen wurde.

"Erfolg steht hinter Tradition"

Ähnlich überhitzt wie teilweise auf den Rängen nahm RBL-Kapitän Dominik Kaiser die Situation auf dem Rasen wahr. "Einige Spieler von Osnabrück haben auf dem Platz extrem provoziert. Da waren auch die Auswechselspieler beteiligt, wie sie Davie Selke angegangen sind. Das schürt Hass", sagte der 26-Jährige. Im Vorfeld war die Partie von den VfL-Fans als Duell zwischen Tradition und Kommerz aufgebaut worden. "Weiterkommen ist der Lohn - Erfolg steht hinter Tradition" hatten die Osnabrücker Ultras für die Stadion-Choreografie auf ein Banner gepinselt. Osnabrücks Spieler, aber auch die Verantwortlichen, hatten von Beginn an jeden gewonnenen Zweikampf, jede erfolgreiche Grätsche gegen die technisch beschlagenen Leipziger wie einen Torerfolg gefeiert.

Petersen geht es besser

Der im DFB-Pokalspiel zwischen dem VfL Osnabrück und RB Leipzig von einem Feuerzeug am Kopf getroffene Schiedsrichter Martin Petersen befindet sich auf dem Weg der Besserung. "Er hat eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Es geht ihm aber den Umständen entsprechend gut und er ist bald wieder einsatzbereit", teilte Ralf Köttker mit. Die für Freitagabend angesetzte Auslosung der zweiten Runde steht derweil auf der Kippe. Sie finde nur statt, wenn Rechtssicherheit vorliegt", sagte der Pressesprecher des DFB. Beide Vereine haben bis Donnerstag Zeit, zu dem Eklat Stellung zu nehmen.

Der Jubel richtete sich bei einigen Akteuren jedoch nicht in erster Linie an die eigene Mannschaft oder die Fans, sondern teils übersteigert gegen die wenig beliebten Gäste aus Sachsen. Der schmale Grat zwischen nötiger Aggressivität, um einen Favoriten zu beeindrucken und unsportlichem Verhalten, wurde spätestens dann überschritten, als VfL-Auswechsler Michael Hohnstedt den Leipziger Angreifer Davie Selke nach einer vergebenen Chance aufgeregt bepöbelte. "Dass die Spieler von Osnabrück nach der Chance von Davie Selke in den Sechzehner reinströmen, fand ich sehr krass", sagte Kaiser. Und auch nachdem der Schiedsrichter die Partie unterbrochen hatte und die Spieler auf dem Weg in die Kabinen waren, hätten die Gastgeber weiter Streit gesucht. "Selbst im Spielertunnel ging es noch zur Sache, auch da wurde noch extrem provoziert", sagte Kaiser. Unter anderem seien RB-Spieler auf dem Weg zur Kabine aufgehalten worden. "Dass das nicht nur auf dem Platz passiert, sondern danach auch noch so weitergeht, schockiert mich."

Leipziger verlassen fluchtartig das Stadion

Nach acht Minuten, in denen Rangnick sein bis dato wenig überzeugendes Team auf die verbleibenden 20 Minuten einschwor, habe das Team dann die Nachricht vom Abbruch erreicht. Auf Wunsch der Osnabrücker Polizei duschten die RBL-Kicker in wenigen Minuten und verließen fluchtartig das Stadion. Solche Verhältnisse kannte man bisher nur aus Südamerika, wo Auswärtsteams bei Derbys das Stadion Minuten nach Abpfiff auch schon mal ungeduscht verlassen müssen. Als Osnabrücks Präsident Hermann Queckenstedt dem schockierten Publikum die Nachricht vom Spielabbruch mitteilte, war der Leipziger Teambus bereits vom Stadiongelände gerollt. Das eben noch so heißblütige Osnabrücker Publikum reagierte mit Schockstarre. VfL-Spieler Alexander Dercho sagte in der ARD-Sportschau: "Da werden Gegenstände auf Sportler geworfen. Da muss man sich auch mal fragen, was mit der Menschheit los ist. Tut mir leid, dafür habe ich kein Verständnis."

Und nun? Rangnick bot dem VfL ein Wiederholungsspiel an, "weil wir uns sportlich und nicht am Grünen Tisch für die nächste Runde qualifizierten wollen". Doch der erfahrene Klubentwickler weiß, dass das DFB-Sportgericht wenig auf derartige Vorschläge der Vereine gibt. Rangnick hatte einen ähnlichen Fall bereits 2011 zum Auftakt seiner zweiten Amtszeit bei Schalke 04 erlebt. Damals war die Partie der Schalker bei St. Pauli am Millerntor nach einem Becherwurf auf Linienrichter Torsten Schiffner in der 88. Minute abgebrochen worden. Im Unterschied zum aktuellen Eklat hatte Rangnicks Team damals mit 2:0 geführt. So wurde die Partie dann auch gewertet, und das ist auch in diesem Fall die wahrscheinlichere Variante.

Rangnick forderte anders als nach den Aggressionen gegen sein Team in der vergangenen Saison in Karlsruhe keine Solidaritätsbekundung seitens der Deutschen Fußball-Liga, dafür ein Mindestmaß an Respekt für sein Team ein. "Es wird sicher bei unseren Auswärtsspielen in der zweiten Liga nicht extrem freundschaftlich zugehen. Das erwarten wir auch nicht", sagte Rangnick. "Aber es muss gewährleistet sein, dass wir als Mannschaft, als Verein und vor allem die Schiedsrichter geschützt sind." Und Kaiser ergänzte: "Enge Stadien haben ihren Reiz." Doch wenn Spieler und Schiedsrichter in Gefahr seien, müsse man sich was überlegen. "Dass unsere Auswechselspieler bespuckt und beworfen werden, darf eigentlich auf keinem Fußballplatz der Welt stattfinden."

Quelle: n-tv.de

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