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Andy Selva Superstar. Zumindest in San Marino.
Andy Selva Superstar. Zumindest in San Marino.(Foto: Stefan Giannakoulis / n-tv.de)
Freitag, 11. November 2016

Wenn Andy Selva die DFB-Elf trifft: San Marino prophezeit den Sieg

Von Stefan Giannakoulis, Serravalle

Sie spielen in einer Liga mit dem Namen Campionato Dilettanti und treten an, um zu verlieren. San Marinos Fußballer tragen es mit Fassung und Humor. Vielleicht geschieht ja doch ein Wunder - gegen die DFB-Elf.

Während die deutschen Fußballer in Rimini trainierten, erlaubten sie sich in San Marino an diesem Donnerstagabend einen kleinen Scherz. Im Stadio Olimpico leuchteten die Flutlichter auf den vier herrlich altmodischen Masten, um zu testen, ob auch alles in Ordnung ist für das große Spiel. Und um sicherzugehen, schalteten sie auch die gar nicht einmal so altmodische Videoleinwand an. Sie funktionierte. In weißer Schrift auf rotem Grund stand dort: San Marino - Germany 1:0.  Der Torschütze: Andy Selva, gleich in der ersten Minute.

Fußball in San Marino
  • Die Weltrangliste der Fifa hat 211 Plätze; Rang 201: San Marino; Rang 2: Deutschland.
  • Seit Gründung vor 26 Jahren hat die Nationalelf 134 Mal gespielt - und 129 Mal verloren.
  • 5. Oktober 2016: Beim 1:4 in Norwegen gelingt das erste Auswärtstor in einer WM-Qualifikation. Torschütze: Mattia Stefanelli. "Das ist für mich und die ganze Nation etwas ganz Besonderes."
  • 15. November 2014: Ein 0:0 gegen Estland in der EM-Qualifikation bedeutet das Ende einer Serie von 61 Niederlagen.
  • 28. April 2004: Das 1:0 im Testkick gegen Liechtenstein ist der erste Sieg überhaupt. Und der bisher einzige.
  • 10. März 1993: In der WM-Qualifikation schafft San Marino ein 0:0 gegen die Türkei - der erste Punktgewinn.

Allerdings waren, so stand es geschrieben, erst zwei Minuten gespielt. Es gibt also doch noch Hoffnung für Bundestrainer Joachim Löw und seine Auswahl, die ab 20.45 Uhr (bei RTL und im Liveticker auf n-tv.de) zu ihrem vierten Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft 2018 in Serravalle antritt. Die ist mit ihren 11.000 Einwohnern die größte der neun Gemeinden des Zwergstaates, in dem 33.000 Menschen leben. Schön ist die Republik San Marino in der gleichnamigen Hauptstadt mit ihrem historischen Zentrum und der Burg auf dem Monte Titano, von dem aus der Blick bis zur Adria und nach Rimini reicht, wo die DFB-Elf logiert.

Campionato Dilettanti

Serravalle hingegen zeigt sich beim ersten Durchfahren als Kleinstadt, die von einer vierspurigen Schnellstraße geteilt wird. Beim ersten Spaziergang auch. Beim zweiten dann die Erkenntnis: Es gibt auch schöne Ecken. Und hier steht das Stadion mit seinen zwei Tribünen an den Längsseiten des Rasens und seinen 7000 Plätzen. Selbstverständlich ist es ausverkauft. Es ist ein bisschen so wie im DFB-Pokal, wenn der große Bundesligist in der ersten Runde beim Dorfverein antritt. Die lokale Sportzeitung "Lo Sportivo", die gestern am Kiosk im Einkaufszentrum Centro Commerciale Azzurro schnell ausverkauft war, kündigte es an: "Arrivano i campioni del mondo della Germania." Hier kommen die Weltmeister aus Deutschland. Als ob das nicht jeder wüsste.

Andy Selva Superstar - zumindest in San Marino gilt das für die Nr. 10.
Andy Selva Superstar - zumindest in San Marino gilt das für die Nr. 10.(Foto: AP)

Für den 201. der Weltrangliste geht es gar nicht darum, zu gewinnen. Natürlich nicht. Aber sie tragen es mit Fassung. Federico Mazza ist 34 Jahre alt, Innenarchitekt mit Büro in Serravalle unweit des Stadions, San-Marinese - und Fan. Normalerweise allerdings von Juventus Turin. Er sagt: "Natürlich verlieren wir." Das sei nicht das Problem. Was wolle man schon erwarten von einer Mannschaft, die Fußball als Hobby betreibt, deren Spieler sich Urlaub nehmen müssen, um sich auf die Spiele vorzubereiten. Die fast alle in der nationalen Liga spielen, die den Namen Campionato Dilettanti trägt. Die richtige Berufe haben wie die bei den Dorfklubs, die es auch im DFB-Pokal kaum noch gibt.

Klose und Matthäus in einer Person

Kapitän Matteo Favioli arbeitet in einer Keramikfabrik, Mittelfeldspieler Lorenzo Gasperoni in einer Lampenfabrik, Torhüter Aldo Simoncini verkauft Computer, Zwillingsbruder Davide ist Jurist. Angreifer Mattia Stefanelli ist Vermessungstechniker, Fabio Favioli, nicht verwandt mit dem Kapitän, stellt Jeans her, sein Abwehrkollege Davide Cesarini lässt sich zum Physiotherapeuten ausbilden. Sie alle und ihr Trainer Pierangelo Manzaroli treten an, um zu verlieren. Über 61 Spiele streckt sich die längste Niederlagenserie. Aber sie sind dabei und hier scheint das tatsächlich noch etwas zu zählen. Auch beim Publikum. Federico Mazza ist nur traurig, weil er keine Karte mehr bekommen hat. Einen Wunsch hat er: Dass es nicht wieder so ausgeht wie vor zehn Jahren, als die deutsche Mannschaft mit 13:0 gewann. Damals war er mit seinen Freunden im Stadio Olimpico. "Das war nicht schön, die Deutschen haben einfach nicht aufgehört."

Damit sind wir wieder bei Andy Selva, dem Mann, der heute Abend das 1:0 erzielt. Und Andy Selva ist nicht irgendwer. Er ist quasi der Miroslav Klose und der Lothar Matthäus San Marinos in einer Person. Er hat die meisten Tore in der Geschichte der Nationalelf seines Landes geschossen. Genau 8 - von insgesamt 21. Und er hat die meisten Länderspiele absolviert, nämlich 67. Er ist einer der wenigen seines Landes, der mal als Profi gespielt hat, in der dritten italienischen Liga bei US Sassuolo Calcio und bei Hellas Verona in der zweiten. Mittlerweile ist Selva, 1976 in Rom geboren, 40 Jahre alt. Er spielt wieder in San Marino, bei der Società Polisportiva La Fiorita. Und der Haken an der Sache könnte sein, dass er heute Abend nicht in der Startelf steht.

Natürlich war er auch an jenem 6. September 2006 dabei, als die deutsche Mannschaft kein Maß kannte, sich in einen Rausch spielte und die Amateure aus San Marino demütigte. Dieses Mal gehe es darum, sich so teuer wie möglich verkaufen. "Und nicht so viele Gegentore zu bekommen." Aber ein ganz kleines bisschen träumt er schon davon, auch heute zu treffen - gegen den Weltmeister. Und wer weiß, vielleicht leuchtet es heute Abend wieder auf der Videoleinwand: San Marino - Germany 1:0. Torschütze: Andy Selva.

Quelle: n-tv.de

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