Sport
Viele Plätze blieben im Meisterschaftsendspiel 1953 leer. Sie waren für Fans aus Ost-Berlin reserviert gewesen und erinnerten während des Finals an den blutig niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR.
Viele Plätze blieben im Meisterschaftsendspiel 1953 leer. Sie waren für Fans aus Ost-Berlin reserviert gewesen und erinnerten während des Finals an den blutig niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR.(Foto: Klaus Westenich)

Fußball-Finale im Schatten des 17. Juni: "Schade, dass es nur 90 Minuten dauerte"

Von René Wiese

Vor 60 Jahren treten der 1. FC Kaiserlautern und der VfB Stuttgart im Berliner Olympiastadion zum Endspiel um die Fußball-Meisterschaft an. Auf den Rängen klaffen große Lücken, die Plätze sind für Fans aus Ost-Berlin reserviert. Doch dort herrscht nach dem Volksaufstand des 17. Juni 1953 der Ausnahmezustand. Einige Fans robben dennoch über die Grenze.

Im mit 90.000 Zuschauern gefüllten Berliner Olympiastadion breitet sich am 21. Juni 1953 Stille aus. Alle Fußballspieler auf dem Platz verharren an der Stelle, wo sie das Signal des Schiedsrichters erreicht hat. Der Kapitän des 1. FC Kaiserslautern und Spielführer der Nationalmannschaft Fritz Walter senkt mit niedergeschlagenen Augen und ineinandergelegten Händen den Blick. Gleich einem stummen Gebet gedenken der VfB Stuttgart und der 1. FC Kaiserslautern zusammen mit den Zuschauern im weiten Rund der Opfer des Volksaufstandes des 17. Juni in Ost-Berlin und der DDR.

Bilderserie

In den Morgenstunden des 17. Juni 1953 hatte sich eine Streikwelle unter den Arbeitern und Beschäftigten in ganz Ost-Berlin ausgebreitet, die in einen gewaltigen Protestzug durch die Stadt mündete. Sowjetische Panzer zerschlugen die spontane Demonstration mit militärischer Gewalt. Über fünfzig Menschen wurden getötet und Tausende verhaftet. Seitdem herrschte in Ost-Berlin der Ausnahmezustand. Und im Westen sollte Fußball gespielt werden.

Aufgeschreckt von diesen Ereignissen fragte ein besorgter DFB telefonisch beim ausrichtenden West-Berliner Fußballverband an. Nur einen Tag nach dem Volksaufstand rumorte es nämlich gewaltig in der Gerüchteküche. Es wurde geraunt, dass das im West-Berliner Olympiastadion geplante Endspiel um die Deutsche Meisterschaft ausfallen müsse. Die Kritiker der sportpolitischen Vergabepraxis durch den DFB-Spielausschuss fühlten sich nun bestätigt. Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft fand seit 1950 nun schon zum dritten Mal aus solidarischen Gründen in Berlin statt.

Demonstration der organischen Zugehörigkeit

Die Austragung nationaler und internationaler Veranstaltungen war für die geteilte und isolierte Stadt eine überlebenswichtige Demonstration der organischen Zugehörigkeit zum bundesdeutschen Sport geworden. West-Berlin und das Olympiastadion wurden infolgedessen aus sportpolitischen Gründen bevorzugt von der DFB-Spitze mit der Austragung des Endspiels um die Deutsche Meisterschaft bedacht. Bis zur Einführung der Bundesliga 1963 vergab der DFB deshalb allein sechsmal das Finale nach Berlin.

Das Meisterschaftsfinale in Berlin war immer auch ein politisches Zeichen.
Das Meisterschaftsfinale in Berlin war immer auch ein politisches Zeichen.(Foto: privat)

Die Antwort auf die DFB-Anfrage ließ nicht lange auf sich warten. "Wenn de S-Bahn nich fährt, marschier'n wa halt ins Olympiastadion" lautete die im launigen Berliner Dialekt gehaltene, aber optimistische Antwort eines Berliner Offiziellen. Nachdem der Pressewart des Berliner Verbandes versprach, dass im Notfall die West-Berliner Verkehrsbetriebe den S-Bahn-Ausfall kompensieren würden, gab der DFB offiziell Entwarnung und verkündete: "Das Endspiel ist nicht gefährdet!"

Trotzdem hatte man sich nicht aller Probleme entledigt. Etwa 15.000 Ostmark-Karten warteten in den Vorverkaufskassen des direkt an der Sektorengrenze zu Ost-Berlin gelegenen Hertha-Platzes auf ihre Abholung. Seit Jahren hatte der DFB und der West-Berliner Fußball seine Verbundenheit mit den Anhängern in der DDR und Ost-Berlin dadurch zum Ausdruck gebracht, dass bei Fußballgroßereignissen in West-Berlin einige Kartenkontingente in Ostmark zur Verfügung gestellt wurden.

Verlockung der legendären "Walter-Elf"

Auch dieses Mal wurden die Fußballfreunde aus dem Osten vom Endspiel-Fieber erfasst. Keines der vergangenen Endspiele war derart mit Vorschusslorbeer bedacht worden wie dieses. Mit dem 1. FC Kaiserslautern und dem VfB Stuttgart standen sich die beiden erfolgreichsten Teams der letzten Jahre gegenüber. Der letztjährige Meister Stuttgart traf auf den Meister von 1951. In beiden Mannschaften versammelten sich allein sieben Nationalspieler, wobei die mit fünf Auswahlspielern bestückte "Walter-Elf" um die Brüder Fritz und Ottmar Walter bereits zu dieser Zeit einen legendären Ruf genoss.

Die Spieler beider Mannschaften wurden nach Ankunft in Berlin von den ersten Informationen über die Vorfälle im sowjetischen Sektor sichtlich überrascht. Nationalmannschaftskapitän Fritz Walter griff am Flughafen Tempelhof schnell zu den Tageszeitungen, um sich über den Volksaufstand in der DDR zu informieren. Sollte der Ausnahmezustand anhalten, würden nicht nur die Fans aus dem Osten, sondern auch tausende Schlachtenbummler aus Stuttgart und Kaiserslautern an den derzeit gesperrten Grenzübergangsstellen zur DDR nicht nach West-Berlin gelangen können.

Bei den Buchmachern waren die Pfälzer klarer Favorit. Sie hatten in der abgelaufenen Saison schöne Spiele gezeigt und die höchsten Siege eingefahren. Den Lauterern wurden auch deshalb gute Siegchancen eingeräumt, da Stuttgart auf seinen verletzten Außenläufer Karl Barufka verzichten musste. Ihm hätten die Fachleute es zugetraut, den Aktionsradius des in dieser Saison großartig aufspielenden Fritz Walter entscheidend einzuengen. So musste der Stuttgarter Mannschaftskapitän Robert Schlienz diese schwierige Aufgabe übernehmen.

Leere Plätze als Mahnung

Als einen Tag vor dem Spiel die Sektorenübergänge immer noch geschlossen blieben, beriet man im DFB darüber, was man mit den 15.000 noch nicht abgeholten Karten für den Ostsektor machen wolle. Da ungewiss blieb, ob die Sperre der Sektorengrenzen bis zum Spieltag aufgehoben sein würde, zögerte der DFB mit der Entscheidung, die Karten in Westmark in den Verkauf zu bringen. Zudem hatten sich einige DDR-Bürger in der Camouflage westdeutscher Fußballfans, denen der Transit nach West-Berlin mittlerweile erlaubt worden war, mit der Eisenbahn zum West-Berliner Organisationsbüro durchgeschlagen und im Namen ihrer Landsleute darum gebeten, die für sie reservierten Karten nicht weiterzugeben.

Kapitäne und direkte Gegenspieler: Lauterns Fritz Walter und der Stuttgarter Robert Schlienz.
Kapitäne und direkte Gegenspieler: Lauterns Fritz Walter und der Stuttgarter Robert Schlienz.(Foto: privat)

Am Tag des Finals wehen im Olympiastadion die Fahnen auf Halbmast. Die Mannschaftskapitäne Robert Schlienz und Fritz Walter führen ihre Teams in das Olympiastadion. Als um 15.00 Uhr das Spiel angepfiffen wird, unterbricht Schiedsrichter Ternieden die Partie für eine Gedenkminute. Der Blick der Zuschauer wendet sich in dieser Minute auch auf die leeren Blöcke im Kurvenbereich gegenüber dem Marathontor. Obwohl das Stadion ausverkauft ist, weisen die Tribünen große Lücken auf. Fast mahnend stehen sie stellvertretend für die politisch ernste Lage in der Stadt.

"Ein Triumph Fritz Walters"

Das mit einer Schweigeminute begonnene Spiel startet dann jedoch mit Rasanz. Schon 15 Sekunden nach dem Anpfiff zeigt der Schiedsrichter nach einem Foul an Ottmar Walter auf den Elfmeterpunkt, den jedoch sein Bruder Fritz verschießt. Die Stuttgarter geraten danach gehörig unter Druck. Insbesondere der einarmige Stuttgarter Mannschaftskapitän Robert Schlienz rettet des Öfteren in höchster Not. Das längst fällige Führungstor gelingt den Lauterern jedoch erst in der 38. Minute. Mustergültig köpft Fritz Walter zum 1:0 ein.

In der zweiten Halbzeit beherrschen die Lauterer souverän das Spielgeschehen. Nach einem Tor von Wagner erhöht der FCK auf 2:0. Dann erwachen die Schwaben aus ihrer Lethargie. Es folgt eine kurze Drangperiode der Stuttgarter, die mit einem schönen Schuss von Kronenbitter belohnt wird. Die Pfälzer lassen sich vom Anschlusstreffer der Stuttgarter jedoch nicht beeindrucken und spielen nun groß auf. Die konditionsstärkere, zweckmäßige und Mannschaft mit dem schöneren Fußball gewinnt letztendlich verdient das Spiel. Scheffler und Wenzel sorgen mit ihren sehenswerten Toren für den klaren 4:1-Endstand.

Insbesondere Fritz Walter überzeugte die Zuschauer mit seinem Spiel. "Kaiserslauterns Sieg ein Triumph Fritz Walters" titelte gar am nächsten Tag der "Kurier". Allein seinen Qualitäten wurde der hohe Sieg über die Stuttgarter zugeschrieben. Und DFB-Präsident Peco Bauwens lobte: "Der große Spieler eines großen Kampfes war Fritz Walter". Der 1. FC Kaiserslautern konnte mit dem 4:1 seinen Triumph von 1951 wiederholen, als die Walter-Elf an gleicher Stelle Preußen Münster mit 2:1 besiegt hatte.

"Schade, dass dieses Spiel nur 90 Minuten dauerte"

Die Stuttgarter Elf lief dagegen nur zuweilen zu ihrer sonstigen Form auf, hatte nie genügend Kraft und Kreativität, um entscheidend zurückzuschlagen. In das Lob über das großartige Spiel mischten sich trotzdem auch nachdenkliche Töne. Ein Ost-Berliner, dem es gelungen war das Spiel zu besuchen, gab in der Morgenpost nach Spielende zu Protokoll: "Es lohnt sich schon, um dieses Fußball-Volksfest zu erleben, robbenderweise die Sektorengrenze zu überschreiten. Ich glaube, ich würde es immer wieder tun. Schade, dass dieses Spiel nur 90 Minuten dauerte."

Die West-Berliner Sportpresse ließ trotz aller sportlichen Höhepunkte des Spiels genügend Raum in der Berichterstattung, um nach dem Volksaufstand des 17. Juni die Verbundenheit West-Berlins mit den Ostdeutschen herauszustellen. Einer der wenigen nach dem Spiel befragten DDR-Bürger aus Halle/Saale brachte stellvertretend für die nichtanwesenden Fußballanhänger aus dem Osten die momentane Gefühlslage auf den Punkt: "Sprechen die Lücken auf den Rängen nicht von der Verbundenheit der Westberliner für die Menschen in der Sowjetzone? So wie hier die Plätze für uns reserviert wurden, wird uns auch immer ein Platz in den Herzen der Westberliner freigehalten. Wir werden es eines Tages zu danken wissen, wenn wir nicht mehr auf Schleichwegen zum Endspiel kommen müssen."

Somit bleibt in den Annalen der deutschen Fußballgeschichte neben dem großartigen Spiel der Pfälzer ein Finale in Erinnerung, das nicht nur vom herausragenden Spiellenker und Torschützen Fritz Walter geprägt war, sondern auch mit einem Bild der Stille und Nachdenklichkeit einherging – nämlich just in jenem Augenblick, als ein Schiedsrichterpfiff das ganze Olympiastadion aus nichtsportlichen Gründen zum Schweigen brachte.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen