Sport
Mittwoch, 10. November 2010

Das Buch über Robert Enkes Leben: "Scheint alles sinnlos zu sein"

Stefan Giannakoulis

Robert Enke, das war einer, der als Fußballtorwart und auch außerhalb des Platzes alles im Griff hat - dachten wir. Bis er sich am 10. November vergangenen Jahres vor einen Zug warf und seinem Leben ein Ende setzte. In seiner Biographie zeigt Ronald Reng den Enke, der an Depressionen litt.

Es ist ein bedrückendes Buch über einen Torwart, der seinen Beruf liebte, aber mit dem Leben nicht zurechtkam.
Es ist ein bedrückendes Buch über einen Torwart, der seinen Beruf liebte, aber mit dem Leben nicht zurechtkam.(Foto: dapd)

Das Wichtigste zuerst: Lohnt es sich, dieses Buch zu lesen? Eindeutig ja. Die Geschichte von Robert Enke ist, wie könnte es anders sein, eine traurige Geschichte. "Ein allzu kurzes Leben." Ronald Reng nimmt sich 425 Seiten Zeit, sie einfühlsam und detailliert zu erzählen. Ohne Sensationsgier, ohne Voyeurismus. Er hat mit Enkes Frau Teresa, seinen Eltern, dem bestem Freund Marco Villa, dem Manager und Freund Jörg Nebelung und vielen anderen Menschen gesprochen, die mit Robert Enke zu tun hatten. Und der Autor zitiert aus Robert Enkes Tagebüchern, die einen Einblick in sein Innenleben geben.

Es ist ein bedrückendes Buch über einen Torwart, der seinen Beruf liebte, bei Hannover 96 und auch in der Nationalmannschaft erfolgreich war, aber mit dem Leben nicht zurechtkam. Der nach außen ruhig, besonnen und souverän wirkte, eben auch außerhalb des Platzes so auftrat, wie ein Torwart auftreten muss. Aber innerlich zerrissen war und Angst hatte. Und sich deshalb am 10. November 2009 in der Nähe seines Wohnorts Empede vor den Regionalexpress aus Bremen warf. Freiwillig hat er das nicht getan. Er konnte nicht anders, die Depression hatte ihn im Griff. So fest, dass ihm selbst der Tod als Lösung erschien. "Robbi mit dem kaputten Kopp" – so nannte er sich in seinen Tagebüchern selbst.

Ronald Reng schildert das eindrucksvoll. Diese Nähe, ob literarisch hergestellt oder tatsächlich vorhanden, macht es dem Leser einfach, sich mit Robert Enke zu identifizieren, mit ihm zu leiden und mitunter wider alle Vernunft tatsächlich zu hoffen, die Geschichte möge doch bitte, bitte ein gutes Ende nehmen. Im Epilog des Buches schreibt Ronald Reng: "Ein Torwart trainiert sein ganzes Leben lang, sich Verzweiflung, Enttäuschung und Angst nicht anmerken zu lassen. Diese Fähigkeit, immer souverän zu wirken, half Robert Enke weiterzuleben, als die Depression ihn überfiel. Und diese Begabung wurde sein Verhängnis, als ihn die Krankheit auf den Irrweg geführt hatte, den Tod zu suchen: Er versteckte seine Absichten so gut, dass ihm keiner mehr helfen konnte."

Die Frage nach dem warum bleibt offen

Dennoch bleibt letztlich die Frage offen, ob Robert Enke die Depression nicht besiegen konnte, weil er als Profi im Licht der Öffentlichkeit stand und zu sehr unter der harten Männerwelt des Fußballs gelitten hat. Oder ob sein Beruf für den Krankheitsverlauf eine eher untergeordnete Rolle spielte, weil die Krankheit jeden treffen kann, ob einer nun Gärtner, Arzt oder eben Fußballspieler ist. Einerseits schildert Ronald Reng Szenen, die die raue Wirklichkeit des Profitums in seiner vollen Härte zeigen. Und dass sie Robert Enke zugesetzt hat, er Versagensängste hatte. Andererseits liefert das Buch Hinweise, dass sein Beruf als Fußballer nicht entscheidend war.

"Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde."
"Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde."(Foto: dpa)

Da gibt es den Robert Enke, der in den Jahren 2003 und 2009 zwei Depressionsschübe hat. Der keine Energie mehr hat, morgens aufzustehen und den halben Tag im Bett liegen bleibt. Den seine Frau antreiben muss: "Robbi, Du stehst jetzt auf." Der in sein Tagebuch notiert: "Scheint alles nur sinnlos zu sein." Dem die einfachsten Dinge des Alltags – eben aufzustehen, zu essen, spazieren zu gehen – als unüberwindliche Hürden erschienen. Der auf einem Kindergeburtstag schier an der Aufgabe verzweifelt, sich zwischen Pflaumen- und Käsekuchen zu entscheiden. Der zu seiner Frau sagt: "Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde." Den die Ängste im Griff hatten, die miteinander konkurrierten. "Die Angst, spielen zu müssen, wurde von der Angst, entdeckt zu werden, gejagt." Der einen Lehrgang bei der Nationalmannschaft abbricht. Wegen einer "rätselhaften Virusinfektion", wie es im Herbst 2009 hieß. Weil er Depressionen hatte, wissen wir heute. Damit sind wir wieder beim Fußball.

Gnadenloser Konkurrenzkampf unter van Gaal

Reng schildert in seinem Buch genügend schmutzige Details aus der Fußballszene, die zeigen, dass es dort mit Anteilnahme und Rücksicht nicht weit her ist. Auch wenn Kollegen und Funktionäre an Robert Enkes Grab das Gegenteil beteuerten und dazu aufriefen, sich zu besinnen. So hat Robert Enke zum Beispiel beim FC Barcelona sehr unter Louis van Gaal gelitten, der jetzt den FC Bayern München trainiert. Und dem Torwarttrainer Frans Hoek, der ihm im Training ständig den niederländischen Nationaltorwart Edwin van der Sar als Vorbild anpriesen. "Robert Enke war neu in Barcelona und hatte sich bereits daran gewöhnt, dass der Trainer einen schonungslosen Umgangston für Ehrlichkeit hielt."

Er fand sich auf der Ersatzbank wieder, statt seiner spielte Victor Valdés. "Robert Enke kamen ein paar Gerüchte zu Ohren. Valdés werde bevorzugt, weil er Katalane sei. Van Gaal habe einen Jugendtick; wie besessen versuche er, seinen Ruf als Entdecker zu festigen und favorisiere rücksichtslos junge Talente." Ein im Profifußball normaler Konkurrenzkampf, an dem Robert Enke verzweifelte, weil er an sich selbst zweifelte. "Wie konnte es sein, das Victor trotz seiner Fehler im Tor blieb, wieso applaudierte das Publikum frenetisch jede selbstverständliche Parade, und er wurde immer nur von den Trainern angeschrien, van der Sar wäre rausgekommen!, spiel den Ball mit Innenriss wie van der Sar!"

"Niemand kümmerte sich um Robert Enke"

Ein ganzes Kapitel widmet Ronald Reng einer Pokalniederlage des FC Barcelona im Jahr 2002 bei einem Drittligisten. Ein Schlüsselspiel für Robert Enke, bei dem er im Tor stand – und schlecht war. "Niemand kümmerte sich um Robert Enke. Wozu, er war doch ein Profi. Van Gaal sprach nicht mit ihm, 'er hat im ganzen Jahr nie mit mir geredet'. Niemand verteidigte ihn gegen die Schlagzeilen. 'Wo war eigentlich Enke?', 'Der deutsche Torhüter hat bewiesen, dass er zu grün für Barca ist'." Und der Autor zitiert den Torschützen des Gegners. "Toni Madrigal glaubt nicht daran, dass ein Spiel eine Fußballkarriere verwandeln könne. Aber, sagt Toni Madrigal und denkt an Robert Enke, vielleicht könne ein Abend sehr wohl ein Leben zeichnen."

Kurz darauf schreibt Teresa Enke in ihren Taschenkalender: "Robbi hat wieder eine Depression." Soweit der zeitliche Zusammenhang. Der Autor ist zurückhaltend genug, den kausalen explizit offen zu lassen. Und ihn implizit beim Leser wirken zu lassen. Auch eine Antwort auf die Frage, ob er hätte offen zu seiner Krankheit stehen können und trotzdem hätte weiterspielen können, gibt Ronald Reng nicht. Das muss er auch nicht. Nicht als Freund oder zumindest Wegebegleiter, der er für Robert Enke war. Nicht als Autor, der gewissenhaft beschreibt, was war, ohne alles erklären zu müssen. Und zu können. Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen.

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Quelle: n-tv.de

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