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Echte Freunde, kann niemand trennen: Fifa-Chef Sepp Blatter und Deutschlands Fußball-Ikone Franz Beckenbauer.
Echte Freunde, kann niemand trennen: Fifa-Chef Sepp Blatter und Deutschlands Fußball-Ikone Franz Beckenbauer.(Foto: picture alliance / dpa)

DFB hat nichts Besseres verdient: Sepp Blatter ist Dr. Franzensteins Monster

Von Christian Bartlau

Der DFB hat nun angeblich wirklich genug von Sepp Blatter - doch der Fifa-Boss behält auch in der Krise die Macht. Daran trägt der deutsche Fußball eine Mitschuld. Er hat das System Blatter mitentwickelt und es viel zu lange gestützt.

Gesegnet sind die, die sich in den Humor flüchten können. Ein guter Witz kann die Anspannung lösen, die Wut, die Ohnmacht.

"Was ist der Unterschied zwischen Sepp Blatter und Gott?" - "Gott hält sich nicht für Blatter."

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Seit 17 Jahren regiert Joseph S. Blatter den Weltfußballverband Fifa. Es wäre unfair zu behaupten, er hätte die Korruption im Sport erfunden - aber seit Blatter da ist, hat sie ihren Hauptwohnsitz in Zürich, in der Fifa-Straße 20. In seiner Regentschaft überstand er mehr Skandale als Silvio Berlusconi und Bernie Ecclestone zusammen. Dieses Mal verhafteten Fahnder hohe Führungsmitglieder des Verbandes kurz vor der Präsidentenwahl – und Blatter gewann, trotz alledem. Und was sagte der Pate?

“Wir können nicht zulassen, dass der Ruf des Fußballs, der Fifa in den Dreck gezogen wird.“

Es ist Sepp Blatter, der genau das zugelassen hat. Außer ihm und seinen Schergen sieht das die ganze Welt so. Aber die interessante Frage lautet doch: Wer hat eigentlich Sepp Blatter zugelassen? Eine interessante Antwort lautet: Der deutsche Fußball trägt eine Mitschuld am Fifa-Schlamassel. Blatter ist auch Dr. Franzensteins Monster. Deswegen steht dem DFB etwas Demut an.

Keiner hat’s geahnt, keiner hat’s gewusst

Das System Blatter wäre undenkbar ohne einen deutschen Geschäftsmann: Horst Dassler, der Sohn des Adidas-Gründers Adolf Dassler, kaufte sich über die Vermarktungsfirma ISL systematisch Sportfunktionäre. Schmiergeldzahlungen von 115 Millionen Dollar an IOC- und Fifa-Mitglieder sind gerichtsfest belegt. Der Erfinder der modernen Sportkorruption war eine Art Mentor für Blatter, der 1981 von Dasslers Gnaden in das Amt des Fifa-Generalsekretärs gehievt wurde. Man kann all das und mehr in grandiosen Büchern nachlesen, in Andrew Jennings "Foul!" etwa oder Thomas Kistners "Fifa-Mafia".

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Man kann sich aber auch dumm stellen wie DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Als 2012 das Ausmaß des ISL-Skandals öffentlich wurde, sagte er: "Man kann mich ruhig als naiv einstufen, aber ich habe das nicht für möglich gehalten." Einen Rücktritt von Blatter hielt Niersbach damals nicht für notwendig – anders als heute. Nun fordert der DFB-Präsident plötzlich Blatters Rückzug.

Wo der Unterschied liegt zwischen 2012 und 2015? Damals war die Fifa erwiesenermaßen korrupt. Heute ist sie erwiesenermaßen korrupt und in echten Schwierigkeiten. Die Sponsoren könnten von Bord gehen, wenn die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 neu vergeben werden, drohen endlose Rechtstreits. Die gut geölte Vermarktungsmaschine Fifa, sie erlitte Totalschaden. Da muss der größte Verband dann doch einschreiten. For the good of the game, natürlich.

Panzerfäuste und gutes Geld für Testspiele

Doch die zarte Revolte gegen Blatter, sie scheiterte. Zu mächtig ist der Schweizer geworden in all den Jahren ohne ernsthafte Opposition. Besonders glaubwürdig war sie ohnehin nicht. Der Uefa-Boss Michel Platini verfolgt seine eigene Agenda, er will Nachfolger des Schweizers werden. Die Groß-Sponsoren hielten der skandalumtosten Fifa zu lange die Treue, um sich nun ernsthaft in moralischen Bedenken zu wälzen. Und die Deutschen? Sie taugen kaum als weiße Ritter. Sie haben das System Blatter gut verinnerlicht und lange Zeit mitgemacht. So wie beim Sommermärchen.

Am 6. Juli 2000 wird in Zürich die Weltmeisterschaft 2006 vergeben. Es wird ein enges Rennen zwischen Deutschland und Südafrika. Kurz vor dem dritten Wahlgang verlässt plötzlich ein Delegierter den Raum, Deutschland gewinnt mit 12:11 Stimmen. Nicht die einzige Auffälligkeit: Keine zwei Wochen vor der Vergabe hatte die deutsche Regierung Schröder noch schnell eine Lieferung von 1200 Panzerfäusten nach Saudi-Arabien abgesegnet, was das saudische Mitglied des Exekutivkomitees wohl gefreut haben dürfte.

Günter Netzer tütete derweil einen Deal für eine Leo-Kirch-Tochterfirma ein und zahlte horrende Summen für die TV-Rechte an Testspielen des FC Bayern München gegen die Nationalmannschaften von Thailand, Malta und Trinidad. Die Verträge verhandelte die Firma unter anderem mit drei stimmberechtigten Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees. Mit dabei: Fedor Radmann, bei der WM-Kampagne der entscheidende Mann hinter Franz Beckenbauer. Noch heute berät er Länder, die sich für die WM bewerben, und lässt sich seine Dienste fürstlich bezahlen. Gelernt hat Radmann bei den Besten - er arbeitete für Adidas und ISL.

Kein Boykott, kein Gegenkandidat

Wenn vom DFB zarte Kritik zu Blatter durchdringt, verweist der Schweizer gerne auf diese WM-Vergabe, bei der er vielleicht "ein bisschen naiv war" - eine nette Spitze gegen Niersbach. Nötig wäre sie nicht, Blatter weiß, dass er aus Deutschland außer ein paar Schimpftiraden nichts zu befürchten hat. Keinen WM-Boykott und schon gar keinen Gegenkandidaten.

Franz Beckenbauer hätte einer sein können, doch der wollte seinem Spezi Sepp nie etwas Böses, schon gar nicht in seiner Zeit als Exekutivkomitee-Mitglied. Da hatte Beckenbauer übrigens über die WM-Vergaben 2018 und 2022 mitbestimmt, ein paar Jahre später wurde er Sportbotschafter für den russischen Staatskonzern Gazprom und Sklaven hat er immer noch keine gesehen.

Blatter und Beckenbauer sind jedenfalls unzertrennlich, daran änderte auch die 90-Tage-Sperre für den "Kaiser" während der WM 2014 nichts. Zuverlässig nimmt Beckenbauer den Fifa-Chef gegen alle Vorwürfe in Schutz, natürlich auch in diesen schweren Tagen.

"Es liegt nicht an der Person Blatter. Sondern am System."

Es wäre an der Zeit, dass Beckenbauer einmal darüber nachdenkt, was der Fifa-Boss Blatter mit dem System zu tun hat. Und es wäre an der Zeit zu fragen, was der deutsche Fußball mit dem System zu tun hat.

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Quelle: n-tv.de

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