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Franz Beckenbauer bleibt die Schlüsselfigur in der WM-Affäre.
Franz Beckenbauer bleibt die Schlüsselfigur in der WM-Affäre.(Foto: AP)

Sommermärchen nicht gekauft, aber …: So viele neue WM-Fragen - an Beckenbauer

Von Christoph Wolf

Was die Kanzlei Freshfields in der WM-Affäre für den DFB ermittelt, klingt nach Persilschein. Beweise für Bestechung? Gibt es nicht. Tatsächlich wirft der Bericht mehr Fragen auf, als er beantwortet. Im Fokus: Verschwundene Akten. Und Franz Beckenbauer.

Zum Tag der Wahrheit sollte die Vorstellung der Freshfields-Untersuchungen zur Affäre um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 für den DFB werden. Ein Befreiungsschlag nach zehrenden Monaten, in denen die Glaubwürdigkeitswerte des Deutschen Fußball-Bundes durch katastrophales Krisenmanagement auf Fifa-Niveau abgestürzt waren. Die Wahrheit nach der Präsentation des 361 Seiten langen Ermittlungsberichts (zur pdf-Version) in Frankfurt ist: Die brisante Affäre um das mutmaßlich gekaufte Sommermärchen bleibt verworren. Aufgeklärt ist sie noch lange nicht. Einen direkten Stimmenkauf vor der WM-Vergabe im Jahr 2000 konnten die Ermittler laut Christian Duve nicht beweisen, er präsentierte die Freshfields-Ergebnisse.

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Ausschließen, betonte Duve, könne man Bestechung aber nicht. Für den DFB mag sich die schlimmste Befürchtung, das unumstößliche Label "gekauftes Sommermärchen" zunächst nicht bestätigt haben. Wie schon nach der letzten, katastrophal missglückten DFB-Pressekonferenz mit Ex-Präsident Wolfgang Niersbach am 22. Oktober 2015 gilt aber: Die Zweifel an einem sauberen Vorgehen der deutschen Bewerber wurden noch verstärkt. Sicher scheint nach der mehr als viermonatigen Sichtung von 128.000 elektronischen Dokumenten und 740 Aktenordnern sowie 31 Befragungen von 26 Personen durch zeitweise bis zu 35 Freshfields-Juristen: die Schlüsselfigur im WM-Skandal ist Franz Beckenbauer. Laut Freshfields war der damalige WM-Bewerbungs- und Organisationschef direkt in dubiose, bislang unbekannte Millionenzahlungen vor der WM 2006 involviert, und das offenbar sogar mit eigenem Geld.

Noch komplizierter als ohnehin schon

Weitere Brennpunkte der WM-Affäre

Steuerverfahren: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung gegen den DFB und die Ex-Präsident Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Dem DFB droht in diesem Zusammenhang eine hohe Steuernachzahlung von bis zu 25 Millionen Euro. Wann die Ermittlungen abgeschlossen werden, ist derzeit unklar.

Ermittlungen von Schweizer Bundesanwaltschaft und FBI: Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat nach einem Rechtshilfeersuchen der Kollegen aus Frankfurt ebenfalls Ermittlungen eingeleitet. Auch das FBI interessiert sich für die Millionenzahlung.

Netzer ./. Zwanziger: Vor dem Landgericht Köln wird am 27. April die Klage von Günter Netzer gegen Zwanziger auf Unterlassung von Behauptungen im Zusammenhang mit der WM-Vergabe 2006 verhandelt. Laut Zwanziger hat der Ex-Nationalspieler ihm gegenüber erklärt, die WM-Bewerber hätten vor der WM-Vergabe im Jahr 2000 die Stimmen der vier asiatischen Fifa-Wahlmänner gekauft. Netzer bestreitet das.

Schadenersatz-Begehren: Der DFB hat zur Hemmung der Verjährungsfrist allenfalls vage Zahlungsaufforderungen über 6,7 Millionen Euro unter anderen an Franz Beckenbauer, Niersbach, Zwanziger und Schmidt in die Wege geleitet. Dabei handelt es sich um eine prophylaktische Sicherung von Schadenersatzansprüchen.

Zudem ist die Geschichte um Darlehen über 6,7 Millionen Euro Darlehen des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus an das WM-OK, das im Mittelpunkt der WM-Affäre steht, noch komplizierter als ohnehin bekannt. Denn erst nachdem Mitte 2002 insgesamt sechs Millionen Schweizer Franken in vier Tranchen über ein Konto der Schweizer Anwaltskanzlei Gabriel & Müller auf ein Konto der KEMCO Scaffolding Co. bei einer Bank in Katar überwiesen worden waren, gab Louis-Dreyfus seine Zahlung in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken in Auftrag. Dieses Geld ging dann auf ein Verteilerkonto, über das Beckenbauer seine sechs Millionen zurückbekam. Die restlichen vier Dreyfus-Millionen gingen ebenfalls nach Katar, Verwendungszweck: "Asian Games 2006 Schlusszahlung".

Warum über ein Beckenbauer-Konto Geld nach Katar überwiesen wurde, wofür das Geld tatsächlich verwendet wurde, laut Freshfields gibt es dafür keine "plausible Erklärung". Dass der DFB daraus schließt, Stimmenkauf ausschließen zu können, ist gewagt. Bekannt ist nämlich: Einziger Anteilseigner der KEMCO Scaffolding Co. war der mittlerweile lebenslang gesperrte Ex-Fifa-Funktionär Mohammed bin Hammam, der den Erhalt des Geldes jedoch bestreitet. Bin Hammam steht in Verdacht, die finanziellen Zuwendungen an asiatische WM-Wahlmänner des Fußball-Weltverbandes Fifa weitergereicht zu haben, sie also bestochen zu haben . Laut Freshfields ist es sehr wahrscheinlich, dass alle vier Asiaten bei der WM-Vergabe für Deutschland gestimmt haben. Nur Zufall?

"Mutet umso befremdlicher an"

Die Freshfields-Befragung Beckenbauers brachte diesbezüglich kaum substantielle Erkenntnisgewinne. "In der Tat überrascht es", "seine Unkenntnis mutet umso befremdlicher an", "schwer nachvollziehbar", "nicht ausgeschlossen", "rätselhaft", "nicht mit hinreichender Sicherheit" – das sind die Formulierungen in den Passagen, die sich explizit auf Beckenbauer beziehen. Das werden auch die Passagen sein, zu denen der "Kaiser" in den kommenden Tagen und Wochen Stellung nehmen muss.

"Blind" will Franz Beckenbauer während der WM-Bewerbung und -Organisation alles mögliche unterschrieben haben.
"Blind" will Franz Beckenbauer während der WM-Bewerbung und -Organisation alles mögliche unterschrieben haben.(Foto: dpa)

Denn ominös bleibt auch ein von Beckenbauer kurz vor der WM-Vergabe am 4. unterzeichneter Vertragsentwurf mit dem inzwischen lebenslang gesperrten Ex-Fifa-Funktionär Jack Warner. Obwohl der Vertrag vom DFB-Präsidium "formal wohl nicht in Kraft" gesetzt wurde, wurden laut Freshfields Leistungen für Warner in einem "nicht unerheblichen Wert" erbracht. Beckenbauer nennt den von ihm "blind" unterzeichneten Vertragsentwurf "ein Entwicklungshilfe-Paket mit Ticketing-Möglichkeit". Die DFB-Interimsführung wertet das Dokument als Bestechungsversuch.

"Völliges Versagen"

Endgültig geklärt ist hingegen, dass die Rückzahlung des Dreyfus-Darlehens durch die deutschen WM-Organisatoren bewusst verschleiert wurde. Dazu wurde die Überweisung von Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger wie bereits bekannt als Beitrag zu einer WM-Gala deklariert wurde, die nie stattfand. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt deshalb wegen schwerer Steuerhinterziehung gegen den DFB, dem Verband droht eine Strafzahlung von bis zu 25 Millionen Euro.

Zwanziger schließt eine Täuschung durch den Bewerbungschef Beckenbauer nicht aus. Er sei bei der versteckten Rückzahlung der 6,7 Millionen Euro an Louis-Dreyfus von der Ablösung einer Provision ausgegangen. "Wenn sich jetzt herausstellt, dass es keine Provision ist, hat Franz Beckenbauer uns getäuscht", sagte Zwanziger dem SID. Er gehe "seit einiger Zeit davon aus, dass es um eine Zahlung ging, die keine Provision war".

Als "völliges Versagen interner Kontrollmechanismen, sowohl im WM-Organisationskomitee 2006 als auch innerhalb der DFB-Spitze", wertete Interimschef Rainer Koch die Erkenntnisse des Berichts in Frankfurt und betonte: "Das darf sich auf keinen Umständen wiederholen." Der designierte neue Präsident Reinhard Grindel kündigte die Einrichtung eines Compliance-Managements an.

Obwohl Stimmenkauf zwar nicht bewiesen, aber dennoch äußerst naheliegend ist, interpretierte der Deutsche Fußball-Bund die von ihm in Auftrag gegebene, millionenteure Untersuchung als eine Art Persilschein - und als Teilerfolg im Kampf um die Deutungshoheit, deren Rückeroberung bei verbandsinternen Untersuchungen mindestens so wichtig ist wie die Aufklärung selbst.

Gesperrte Dateien, entwendete Akten

Koch, der den DFB gemeinsam mit Reinhard Rauball kommissarisch leitet, stellte den DFB als Musterverband dar und sparte nicht mit Eigenlob: "Mir ist in der Welt des Sports keine vergleichbar transparente und selbstkritische Aufarbeitung in Bezug auf das eigene Haus bekannt." Unter den Tisch fallen ließ er dabei nicht nur die, dass die vielen Unstimmigkeiten eine WM-Bestechung sehr wahrscheinlich machen, sondern auch, was im Freshfields-Bericht unter Punkt 3 dokumentiert ist: dass die Ermittler bei ihrer Arbeit auf erhebliche Hürden gestoßen sind.

Die umfassende Aufklärung der Affäre sei unter anderem durch das Verschwinden wichtiger Akten erheblich gestört, teilte Freshfields mit: "Die beim DFB auffindbaren Unterlagen waren nicht vollständig." So habe eine immer noch beim DFB beschäftigte Mitarbeiterin des über die Affäre gestürzten Ex-Präsidenten Wolfgang Niersbach im Juni 2015 den Aktenorder "FIFA 2000" beim DFB entliehen. Seitdem ist er verschwunden. Wie so etwas sein kann in einem Verband, der sich größtmöglicher Transparenz rühmt? Eine der vielen Fragen, die unbeantwortet bleibt.

Laut Freshfields sei zudem "nicht auszuschließen, dass frühere DFB-Mitarbeiter Akten nach ihrem Ausscheiden vernichtet haben. Manche Akten wurden oder werden privat verwahrt." Zu fehlenden elektronischen Daten teilten die Ermittler mit: "Innerhalb des DFB war es einzelnen Nutzern jederzeit möglich, Daten zu entfernen, die sich in ihrem Zugriff befanden. Des Weiteren waren einzelne Dateien mit Passwörtern geschützt, deren Entschlüsselung bis heute nicht möglich war." Das Rätsel um die Umstände der WM-Vergabe, es bleibt vorläufig ungelöst - und Schuld daran trägt auch der DFB.

Quelle: n-tv.de

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