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Dubiose Zahlungen um Beckenbauer: WM 2006: Kein Stimmenkauf, dafür Zweifel

Eine gekaufte WM 2006 können die vom DFB bezahlten Ermittler nicht beweisen, schließen Bestechung aber nicht aus. Sie finden Überweisungen nach Katar, in die Franz Beckenbauer involviert war. Ex-Fifa-Funktionär Jack Warner soll Zuwendungen erhalten haben.

Die vom DFB beauftragten Wirtschaftsexperten der Kanzlei Freshfields keine Beweise dafür gefunden, dass die deutschen Bewerber vor der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Stimmen gekauft haben. Auszuschließen sei Bestechung im Vergabeverfahren der Fifa aber nicht, sagte Christian Duve von Freshfields, der in Frankfurt am Main den Abschlussbericht zu vermuteter Korruption vor dem deutschen Sommermärchen in Frankfurt vorstellte.

Weitere Brennpunkte der WM-Affäre

Steuerverfahren: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung gegen den DFB und die Ex-Präsident Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Dem DFB droht in diesem Zusammenhang eine hohe Steuernachzahlung von bis zu 25 Millionen Euro. Wann die Ermittlungen abgeschlossen werden, ist derzeit unklar.

Ermittlungen von Schweizer Bundesanwaltschaft und FBI: Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat nach einem Rechtshilfeersuchen der Kollegen aus Frankfurt ebenfalls Ermittlungen eingeleitet. Auch das FBI interessiert sich für die Millionenzahlung.

Netzer ./. Zwanziger: Vor dem Landgericht Köln wird am 27. April die Klage von Günter Netzer gegen Zwanziger auf Unterlassung von Behauptungen im Zusammenhang mit der WM-Vergabe 2006 verhandelt. Laut Zwanziger hat der Ex-Nationalspieler ihm gegenüber erklärt, die WM-Bewerber hätten vor der WM-Vergabe im Jahr 2000 die Stimmen der vier asiatischen Fifa-Wahlmänner gekauft. Netzer bestreitet das.

Schadenersatz-Begehren: Der DFB hat zur Hemmung der Verjährungsfrist allenfalls vage Zahlungsaufforderungen über 6,7 Millionen Euro unter anderen an Franz Beckenbauer, Niersbach, Zwanziger und Schmidt in die Wege geleitet. Dabei handelt es sich um eine prophylaktische Sicherung von Schadenersatzansprüchen.

Viele Fragen hätten die Ermittler deswegen nicht klären können, weil wichtige Dokumente und Daten fehlten und nicht alle Zeugen ausgesagt hätten. So habe der frühere Fifa-Präsident Joseph Blatter über einen Anwalt mitteilen lassen, dass er sich mit Rücksicht auf sein aktuelles Ethik-Verfahren nicht äußern wolle. Ein abschließendes Bild könne der Bericht zu den Millionenzahlungen also nicht liefern.

Die Spur führt zu Franz Beckenbauer

Neue Fragen werfen indes die Untersuchungen zur Rolle Franz Beckenbauers auf, seinerzeit Bewerbungs- und Organisationschef. So sollen Anfang des Jahrtausendes, also nach dem WM-Zuschlag für Deutschland, Millionenzahlungen über ein Konto Beckenbauers an das Schweizer Advokatbüro Gabriel & Müller geflossen sein. Bei den Juristen im Kanton Oberwalden gingen auch die 10 Millionen Schweizer Franken - also 6,7 Millionen Euro - ein, die der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dem DFB geliehen hatte. Von Gabriel & Müller soll der gleiche Betrag an das Konto einer Gesellschaft in Katar geflossen sein, deren einziger Gesellschafter der mittlerweile lebenslang gesperrte Ex-Fifa-Funktionär Mohamed bin Hammam war.

Dieser bestreitet aber, das Geld bekommen zu haben. Bin Hammam steht unter Verdacht, die finanziellen Zuwendungen an asiatische WM-Wahlmänner der Fifa weitergereicht zu haben. Andere ebenso nicht bewiesene Vermutungen besagen, dass das Geld für den Präsidentschaftswahlkampf von Fifa-Boss Blatter im betreffenden Jahr 2002 verwendet worden sein könnte. Auch dies bestreiten die Beschuldigten.

Wolfgang Niersbach teilweise entlastet

Zumindest teilweise entlastet wird Ex-DFB Präsident Wolfgang Niersbach, dem laut Freshfields nicht nachzuweisen ist, dass er vor dem Jahr 2015 von diesen Vorgängen wusste. Insgesamt befragte die Kanzlei 31 Beteiligte. Freshfields Bruckhaus Deringer hatte die Ergebnisse der monatelangen Ermittlungen zunächst dem 45-köpfigen Vorstand des DFB vorgestellt. Der Verband hatte durch den Skandal großen Schaden genommen, Niersbach trat im November zurück. Im Kern geht es um eine dubiose Zahlung von besagten 6,7 Millionen Euro, die das WM-Organisationskomitee nach eigenen Angaben über den früheren Adidas-Chef Louis-Dreyfus an den Weltverband Fifa leistete.

Die Zusagen in einem Vertragsentwurf mit dem früheren Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner wurden laut Freshfields "jedenfalls teilweise erbracht". Der Vertrag trat allerdings laut Angaben der Ermittler "formal wohl nicht in Kraft". Das "Beckenbauer-Dokument", ein auf den 2. Juli 2000 (vier Tage vor der WM-Vergabe) datierter Entwurf, war in den Archiven des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aufgetaucht. Es wurde von Beckenbauer für die deutsche und Warner (Trinidad/Tobago) für die andere Seite unterschrieben. Es enthielt erhebliche Zusagen an Warner, Beckenbauer nennt es dagegen "ein Entwicklungshilfe-Paket mit Ticketing-Möglichkeit" für den Kontinentalverband Concacaf. Wie üblich, habe er auch dieses Papier "blind" unterschrieben. Von der DFB-Interimsführung wird das Dokument als Bestechungsversuch gewertet. Der wirtschaftliche Gegenwert des Vertrags soll sich auf 10 Millionen Mark belaufen haben.

Quelle: n-tv.de

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