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Er hätte es tun sollen, als er noch selbst ein Nationalspieler war: Thomas Hitzlsperger.
Er hätte es tun sollen, als er noch selbst ein Nationalspieler war: Thomas Hitzlsperger.(Foto: dpa)

Das späte Outing des Ex-Nationalspielers: Hitzlsperger hat eine Chance verpasst

Ein Kommentar von Roland Peters

Ein ehemaliger deutscher Fußball-Nationalspieler ist homosexuell. War es mutig von Thomas Hitzlsperger, das auszusprechen? Bedingt. Die Strahlkraft des Ex-Profis ist längst verblasst; die Chance, etwas zu verändern, ließ er ungenutzt.

Thomas Hitzlsperger hat sein ganzes Leben als Spieler aufgepasst. Auf den Rasen um sich herum, auf die Mitspieler und Gegner, ein Muss im Fußball heutzutage: die Raumdeckung. Aber er achtete nicht nur darauf, wo andere stehen, was sie machen, welche Zeichen sie geben; sondern abseits des Platzes auch darauf, wo er selbst hingeht, was er macht, was er sagt. Damit nicht herauskommt, dass er homosexuell ist.

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Thomas Hitzlsperger hat lange beim VfB Stuttgart gespielt, bei Lazio Rom, bei Aston Villa in England. Nun ist er der erste ehemalige Premier-League-Profi, der sich zu seinem Schwulsein bekennt. Und der erste prominente deutsche Fußballer. Erst vor wenigen Monaten beendete er seine Karriere. In der Nationalmannschaft schoss er sechs Tore in 52 Spielen. Für einen defensiven Mittelfeldspieler ist das respektabel. Und doch hat Hitzlsperger eine Chance verpasst. Er hat es verpasst, der erste deutsche Fußball-Nationalspieler zu sein, der während seiner Karriere öffentlich macht, dass er homosexuell ist. Und nicht hinterher.

Witze auf den Tribünen

Thomas Hitzlsperger sagt, er wolle "die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen". Er hätte es tun sollen, als er noch selbst einer war. Vom Fan, vom Zeugwart über die Spieler bis hin zu Funktionären und Journalisten hätten alle aktuell ihre tägliche Arbeit, ihre täglichen Handlungen und Phrasendreschereien überdenken müssen.

Ja, Witze auf den Tribünen und vor den Fernsehschirmen wären wohl nicht ausgeblieben. "Schau mal, Hitze macht Manndeckung!" Doch der Fernsehkommentator hätte seine Floskeln bewusster anwenden müssen: "Da geht er ihm an die Wäsche" - unpassend. "Hitzlsperger geht ihn von hinten an", eine übliche Handlungsbeschreibung eines defensiven Mittelfeldspielers; plötzlich anmaßend. Da wäre mindestens eine direkt betroffene Person gewesen, die sie womöglich kennen, mit der sie spielen, von deren Wohlergehen auch der Erfolg der eigenen Mannschaft abhinge: Thomas Hitzlsperger, in der Schaltzentrale des Mittelfeldes. Andere wären seinem Beispiel gefolgt.

Entschiedenes Handeln bewegt

Was entschiedenes Handeln im Fußball bewirken kann, hat Kevin-Prince Boateng in Teilen gezeigt, als er mit der gesamten Mannschaft des AC Mailand ein Spiel abbrach, nachdem er rassistisch beleidigt worden war. Doch das öffentliche Coming Out eines deutschen Nationalspielers? Es wäre einem Erdbeben gleichgekommen. Auf vielen Ebenen hätten die Erschütterungen das System Fußball in die Nähe gesellschaftlicher Realität gestoßen. Denn Schwulsein, das ist in vielen Kreisen noch nicht einmal mehr Gesprächsthema, weil es als sexuelle Orientierung längst normal geworden ist. So einfach kann die Welt sein.

Doch Thomas Hitzlsperger hat sich anders entschieden: Er hat auf sein Karriereende gewartet. Und so werden die Phrasen der Journalisten und der Möchtegern-Trainer auf den Tribünen ebenso weiter genutzt wie die der Funktionäre und sonstiger Beteiligter über den Umgang mit Homosexuellen im Fußball. Mutig, wichtig, und so weiter.

Falsch sind diese Bewertungen nicht, denn Thomas Hitzlspergers Entscheidung verdient Respekt. Doch das Bewusstsein, dort, wo der Sport lebt, wo er herkommt, wo international bekannte Spieler eine Vorbildfunktion haben, wird es nicht erreichen: In den unteren Ligen, bei den Amateuren und Nachwuchsmannschaften. Dort eifern sie Fußballprofis wie Thomas Hitzlsperger nach, als der noch aktiv war. Setzen auf Raum- statt Manndeckung. Und passen dabei auf, was sie selbst tun.

Quelle: n-tv.de

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