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Platz drei bei der WM in Brasilien: Louis van Gaal und Arjen Robben.
Platz drei bei der WM in Brasilien: Louis van Gaal und Arjen Robben.(Foto: imago/VI Images)
Donnerstag, 12. Oktober 2017

Hollands Fußball braucht Umbruch: "Van Gaal hat uns ein Zeichen gegeben"

Die Weltmeisterschaft in acht Monaten in Russland findet ohne die Niederlande statt. Also ohne die Mannschaft, die 2014 in Brasilien noch Platz drei belegt hatte. Andererseits: Bei der EM in Frankreich waren sie auch schon nicht dabei. Warum? "Wir sind nicht gut genug", stellt der holländische Fußball-Experte Erik Meijer fest. Im Interview mit n-tv.de spricht er über alte Trainer, das holländische Spielsystem und den Nachwuchs, der sich vom Geld blenden lässt.

n-tv.de: Das WM-Aus der Niederlande ist dramatisch, aber ist es vielleicht auch ein heilsamer Schock? In Deutschland war es nach der EM 2000 ähnlich und jetzt gehört die deutsche Nationalmannschaft zu den Besten der Welt.

Erik Meijer: Wir waren auch schon bei der letzten EM nicht dabei und so verpassen wir zwei große Turniere hintereinander. Das ist schlecht für eine ganze Generation. So ein Turnier ist ein Lernprozess für die jüngeren Spieler, die dazu stoßen. Aber im Moment haben wir da einfach nichts zu suchen. Wir sind nicht gut genug, um in einer Gruppe mit Frankreich und Schweden wenigstens die Nummer zwei zu werden. Das ist enttäuschend, aber das ist auch die Realität.

Was muss sich ändern?

"Wenn man kein Geld für ein großes Auto hat, kann man ja auch kein großes Auto fahren."
"Wenn man kein Geld für ein großes Auto hat, kann man ja auch kein großes Auto fahren."(Foto: imago/VI Images)

Ich denke, dass wir mehr Wert auf den Nachwuchs legen müssen und mehr auf andere Aspekte in unserem Fußball. Wir sollten nicht stur denken, dass die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, immer zum Erfolg führt. Fußball entwickelt sich weiter. Und wir müssen gucken, welche Spieler wir zur Verfügung haben und in welchem System wir mit ihnen erfolgreich spielen können. Das hat Louis van Gaal bei der WM in Brasilien ja auch gemacht.

Haben die Trainer nach ihm -  Danny Blind und Dick Advocaat - zu lange am hochgelobten, holländischen Spielsystem festgehalten?

Erik Meijer

Erik Meijer ist ein ehemaliger niederländischer Fußballprofi. Er spielte in den 90er- und 2000er-Jahren unter anderem für Bayer 04 Leverkusen, den FC Liverpool, den Hamburger SV und Alemannia Aachen - und absolvierte ein Spiel für die Nationalmannschaft seines Landes. Der heute 48-Jährige arbeitet beim Bezahlsender Sky als Experte für die Champions League.

Louis van Gaal hat uns da ein Zeichen gegeben hat, dass es eben auch anders geht. Und dass es vielleicht auch anders sein muss. Aber die Trainer, die es seit ihm gegeben hat, wollen stur das System spielen. Ich finde das nicht gut. Warum muss man etwas durchdrücken? Wenn man kein Geld für ein großes Auto hat, kann man ja auch kein großes Auto fahren.

Braucht es also schon wieder einen neuen Trainer? Dick Advocaat ist erst seit Juni wieder im Amt.

Ja (deutlich). Ja, weil die Generation Guus Hiddink und Dick Advocaat und die älteren Trainer passé sind. Ich denke, dass es besser wäre, wenn wir einen jüngeren Trainer auf der Position des Bundestrainers platzieren.

Muss sich die Nationalmannschaft für ausländische Trainer öffnen? Dem Verband wird vorgeworfen, lieber auf Altbekannte zu setzen.

Ja, das ist natürlich die Aufgabe des Fußballverbands, diese Entscheidung zu treffen. Ich hätte nichts dagegen, wenn es mal einen ausländischen Trainer gäbe. Dann würde vielleicht mal eine etwas andere Sauce auf das gleiche Gericht kommen. Und das tut oft gut, siehe das große Beispiel Belgien.

In Deutschland wird Frank de Boer als nächster niederländischer Nationaltrainer hoch gehandelt. Ist er auch in den Niederlanden ein Thema?

Frank de Boer.
Frank de Boer.(Foto: dpa)

Er ist ein jüngerer Trainer, der weiß, wie man mit jungen Leuten arbeiten muss. Das hat er über Jahre bei Ajax Amsterdam gezeigt. Und er war als Assistent von Bert van Marwijk bei der WM 2010 dabei. Seine letzten zwei Trainerstationen bei Inter Mailand und Crystal Palace waren allerdings sehr kurz. Aber das wäre jemand, den ich mir gut als Cheftrainer vorstellen kann, weil er das Potenzial dafür hat. Er muss allerdings die Zeit dafür bekommen.

Ist es gut, dass Arjen Robben seine Karriere beendet? Oder braucht eine junge Mannschaft einen Anführer wie ihn?

Er trifft selbst die Entscheidungen. Er will sich zu 100 Prozent auf seinen Verein Bayern München fokussieren - die bezahlen ihn ja auch sehr gut dafür. Aber es ist auch logisch, dass er diese Entscheidung trifft. Er hat nur einen Körper und wenn man älter wird, ist es das wichtigste, diesen Körper fit zu halten. Und nach 96 Länderspielen kannst du ruhig sagen: Es war gut so. Die nächste Generation hätte natürlich viel von ihm lernen können. Das geht jetzt nicht mehr. Sie können keine Vorbereitung von sechs Wochen mit ihm gemeinsam machen oder ein Turnier mit ihm spielen. Das wird sehr schwer für denjenigen sein, der auf seiner Position spielt, dann in seine Fußstapfen zu treten.

Sie haben den Nachwuchs bereits angesprochen. Gibt es denn genügend guten Nachwuchs, um den holländischen Fußball wieder voranzubringen?

Wir haben reichlich guten Nachwuchs. Allerdings noch nicht vom Niveau Sneijder, van Persie, van der Vaart, Robben – und das ist das Manko im Augenblick. Wir haben gute Spieler, die quer verteilt in ganz Europa spielen, aber nicht bei den Topklubs.

Ruud Gullit, momentan Co-Trainer der Nationalmannschaft, hält es für ein Problem, dass viele junge Spieler die Niederlande früh verlassen, um woanders großes Geld zu verdienen.

Ja, das stimmt. Und das sind natürlich auch schon 13- und 14-Jährige, die mit Geld gejagt werden. Die Jungs wechseln halt zum FC Chelsea, FC Arsenal oder auch zu Paris St. Germain, das können wir nicht stoppen. Die holländische Liga ist immer mehr nur ein kleiner Pool, in dem es gute Talente gibt, die dann aufgegriffen werden. Und wenn sie dann zu einem größeren Verein wechseln, aber dort nicht spielen, entsteht ein Problem. Sie gehen weg aus einer Liga, in der sie normalerweise ihre 30 Spiele pro Saison bestreiten, da werden sie erwachsen. Aber wenn sie ins Ausland wechseln und da nicht spielen und nur auf der Bank sitzen oder nur Dienstagsabends vor 50 Mann spielen, dann geht so ein Talent ziemlich schnell verloren.

Wie ist denn die Stimmung in Holland?

Insgesamt herrscht Enttäuschung. Aber die Situation ist ja nicht von heute auf morgen eingetreten, es ist ja schon länger so. Wir konnten uns darauf vorbereiten und uns unsere Meinung dazu bilden. Es ist Fakt, dass solche Situationen ein Reiz sind, es besser zu organisieren, so wie es Deutschland nach dem Jahr 2000 getan hat. Jetzt wird wieder mehr darüber gesprochen, was mit der Nationalmannschaft los ist. Fehlt nur noch das Handeln.

Mit Erik Meijer sprach Anja Rau.

Quelle: n-tv.de

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