Fußball

Verhängnisvolle MännlichkeitWann Stärke eine Schwäche ist

10.11.2010, 08:14 Uhr
deisler
"Wünsche und Ziele, die Deisler selbst mit dem Fußball verbunden hatte, waren irgendwann gar nicht mehr da." (Foto: picture-alliance/ dpa)

Fußball ist nur was für ganze Kerle. Doch Männlichkeit hat ihre Schwachstellen. n-tv.de sprach zum Todestag von Robert Enke mit dem Sportpsychologen Jürgen Beckmann darüber, wie sich Fußballer gegenseitig das Leben schwer machen, wie man gegen Stress immun wird und was möglich ist, um Depressionen zu verhindern.

Fußball ist nur was für ganze Kerle. Doch Männlichkeit hat ihre Schwachstellen. n-tv.de sprach zum Todestag von Robert Enke mit dem Sportpsychologen Jürgen Beckmann darüber, wie sich Fußballer gegenseitig das Leben schwer machen, wie man gegen Stress immun wird und was möglich ist, um Depressionen zu verhindern.

n-tv.de: Herr Beckmann, kann man präventiv etwas gegen Depressionen tun?

Jürgen Beckmann: Es gibt sehr unterschiedliche Arten von Depressionen, und bei manchen ist es schwieriger als bei anderen, im Vorfeld etwas dagegen zu unternehmen. Eine genetische Komponente ist an Depressionen immer beteiligt, aber sie kommt erst in bestimmten Lebenskonstellationen zum Tragen. Bei günstigen Lebensbedingungen also wirkt sie sich gar nicht aus. Und an diesem Punkt kann man tatsächlich präventiv ansetzen.

Womit konkret?

Ein gutes soziales Umfeld ist wichtig, ebenso eine offene Kommunikation, insbesondere über Emotionen. Auch die eigene Verantwortung innerhalb dieses sozialen Kontextes ist ein wichtiger Aspekt. Und dann kann man natürlich auch lernen, wie man Stress am besten bewältigt und wie sich mit kritischen Lebensereignissen umgehen lässt. Denn das sind ja oft Auslöser für eine Depression. Mit entsprechenden Trainingsprogrammen ist es möglich, die Menschen zu stabilisieren und zu immunisieren.

Was ist es, was im Leistungssport bei dafür anfälligen Menschen wie Robert Enke oder auch Sebastian Deisler zu Depressionen führen kann?

Michael Rosentritt hat in der Biografie sehr gut dargestellt, was mit Sebastian Deisler passiert ist, speziell die Entfremdungsproblematik: Wünsche und Ziele, die Deisler selbst mit dem Fußball verbunden hatte, waren irgendwann gar nicht mehr da. Deisler kam in eine Überlastungssituation hinein, in der er sich für viele Dinge, mit denen er zu tun hatte, gar nicht vorbereitet sah – zum Beispiel für den Umgang mit Journalisten oder Negativmeldungen in der Boulevardpresse. Auch das Thema Schuld spielt bei Depressionen eine wichtige Rolle.

Geht es dann um Schuld an Misserfolgen?

Nein, die Schuldgefühle sind weitreichender. Es kann zum Beispiel um vermeintliche Schuld am Tod eines anderen Menschen gehen oder um vermeintliche Schuld daran, dass ein Familienmitglied sein Leben nicht geregelt bekommt. Bei Sebastian Deisler ging es um Schuld, die er empfand, weil der FC Bayern für ihn mehr Geld ausgegeben hatte als für jeden Spieler zuvor und er das Gefühl hatte, nicht das zu leisten, was er für das Geld eigentlich hätte leisten müssen. Menschen, die anfällig sind für Depressionen, haben mitunter sehr hoch gesteckte Leistungsziele, weil sie die Anforderungen, die von außen herangetragen werden, häufig übernehmen. Deisler wurde von der Presse als "Jahrhundertspieler" und als "Heilsbringer für den deutschen Fußball" aufgebaut. Eine Riesenlast wurde auf ihn gepackt, und weil er ein ernsthafter Arbeiter ist, hat er die auch angenommen.

Was wäre die Alternative gewesen?

Wichtig ist immer die Frage: "Was sind MEINE Ziele?" Und im Fall von Deisler: "Was sind MEINE Ziele in dem Bereich, der mir schon seit meiner Kindheit viel Spaß gemacht hat?" Neben der Entfremdung gibt es noch einen weiteren problematischen Aspekt: Für Depressionen anfällige Menschen sind oft krankhaft realistisch. Wenn etwas nicht so gelaufen ist wie sie sich das vorgestellt haben oder wie es erwartet wurde, sind sie sehr, sehr kritisch mit sich selbst. Sie verfallen in "Selbstbewertungsschleifen". Die laufen dann – einfach gesagt – in folgendem Muster ab: "Ich habe das jetzt nicht geschafft. Warum habe ich das nicht geschafft? Weil ich blöd bin. Weil ich nichts kann. Schon meine Mutter hat immer gesagt, du kannst nichts. Und das hat sich jetzt wieder bestätigt." Die Gedanken drehen sich im Kreis. Das führt dazu, dass sich die Menschen innerlich zerfleischen.

Wie sieht der gesunde Umgang mit Misserfolgen aus?

Da sagt man sich eher: "Ich habe das nicht ernst genug genommen. Ich habe mich einfach nicht genug konzentriert. Das muss ich nächstes Mal eben besser machen." Oder man findet Gründe, die mit einem selbst wenig zu tun haben: "Das konnte ja nicht funktionieren, die Aufgaben waren so blöd gestellt, das konnte gar nicht klappen." Oder: "Die Leute, die mit mir arbeiten sollten, haben nichts geleistet. Deswegen ist es schief gegangen." Menschen, die zu Depressionen neigen, kritisieren eher ihre eigenen Fähigkeiten.

Können Erfolge aus einer zerstörerischen Gedankenschleife herausführen?

Wer nicht anfällig ist für Depressionen, sagt nach einem Erfolg: "Das zeigt doch mal, wie gut ich bin." Der für Depressionen Anfällige sagt: "Naja, ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn."

Wo setzt dann das angesprochene Trainingsprogramm an?

Es arbeitet daran, genau diese Gedankenmuster zu verändern. Und das kann man auch früh in Form einer Prävention versuchen.

Sollten Sportpsychologen, die eine Mannschaft betreuen, dann früh bei denjenigen einhaken, die sie für depressionsanfällig halten?

Nein, so etwas können alle gebrauchen. Eine sportpsychologische Betreuung gehört – wenn es schon Fußballer-Internate etc. gibt – einfach dazu. Da müssen den Jugendlichen grundsätzlich verschiedene Dinge mitgegeben werden. Dazu gehören ein Stressimmunisierungstraining und das Einüben gesunder, realistischer Grundsätze und Bewertungsmuster.

Wie wird man gegen Stress immun?

Zunächst geht es darum, wie ich das, was da Druck auf mich ausübt, wahrnehme. Kann ich damit klarkommen? Habe ich dafür Bewältigungsressourcen? Diese Ressourcen gilt es zu unterstützen. Wenn die Person meint, der Lage nicht gewachsen zu sein, weil ihr Fertigkeiten fehlen, muss die psychologische Betreuung daran arbeiten, die Fertigkeiten aufzubauen. Ist der Zeitrahmen problematisch, muss dafür gesorgt werden, dass die Person ein vernünftiges Zeitmanagement lernt. Präferenzen zu setzen, ist oft ein Problem. Und eine ausgewogene Erholungs-Belastungs-Bilanz ist sehr wichtig und auch etwas, das wir vermitteln müssen. Grundsätzlich kann man ruhig hoch belastet sein, aber man muss dann eben im selben Maße Erholungsressourcen haben. Das ist oft nicht der Fall, und daran krankt im Prinzip die gesamte Gesellschaft. Was Erholung ist und wie sie funktioniert, wissen viele gar nicht mehr.

Was lässt sich tun, um dem entgegen zu wirken?

Wir müssen ein Verständnis dafür entwickeln, dass immer mehr arbeiten und immer mehr trainieren nicht zu immer mehr Leistung führt. Der Trainingswissenschaftler weiß: Wenn ein Muskel einen Trainingsreiz bekommt und dadurch zum Wachsen angeregt werden soll, braucht er die Regenerationsphase, denn in der wächst er. Wenn ich immer mehr Trainingsreize draufpacke, wächst der Muskel nicht mehr, sondern atrophiert, wird also dünner. Dieses Prinzip gilt für alle Bereiche.

Wie kann es passieren, dass Sportler trotz psychologischer Betreuung mitunter tief in die Depression abrutschen?

So viel Betreuung haben wir leider in verschiedenen Sportarten nicht. Im Fußball beispielsweise stehen dem zum Teil immer noch die klassischen Stereotype entgegen. Es muss konsequent daran gearbeitet werden, dass auch Fußballer lernen, dass Sportpsychologie mit in die Ausbildung gehört. Im Augenblick kommen wir da nicht weiter.

Welche Phrasen sind es, mit denen sich Fußballer das Leben schwer machen?

"Wer Angst hat, der braucht im Fußball gar nicht erst auf den Platz zu gehen", wird dort zum Beispiel kommuniziert. Das verhindert, dass die Spieler offen über sich selbst reden. Fußball ist den Vorstellungen nach "ein richtiger Männersport". Wer da was werden will, "muss stark sein, darf keine Ängste haben und keine Schwächen". Er muss eben alles haben, "was einen richtigen Mann ausmacht". Alle, die diesem Stereotyp nicht entsprechen, sind sehr gefährdet.

Da muss also noch mehr her als ein Stressimmunisierungstraining.

Ja, da kommen wir zu dem zurück, was ich am Anfang gesagt habe: Es ist wichtig, vernünftige Kommunikationsstrukturen zu schaffen. Auch im Fußball muss es möglich sein, über Emotionen zu reden.

Mit Jürgen Beckmann sprach Andrea Schorsch

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Quelle: ntv.de