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Auf dem Platz wurde an diesem Abend viel diskutiert.
Auf dem Platz wurde an diesem Abend viel diskutiert.(Foto: imago/DeFodi)
Montag, 18. September 2017

Köln protestiert, Dortmund tobt: Zoff um Videoschiri eskaliert nach BVB-Gala

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Der 1. FC Köln will Protest gegen das 0:5 in der Fußball-Bundesliga bei Borussia Dortmund einlegen. Sportdirektor Jörg Schmadtke fordert eine Neuansetzung, BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ätzt: "Schlechte Verlierer."

Nach dem Abpfiff ging es im Dortmunder Westfalenstadion richtig zur Sache. Nicht mehr auf dem Rasen, die Kontrahenten vom BVB und vom 1. FC Köln hatten an diesem Sonntagabend ihre Schicht beendet, alle Grätschen, Laufduelle und Torschüsse waren aufs Parkett gelegt worden. Das Duell fand seine Fortsetzung vor den Kameras und Mikrofonen des Bezahlsenders "Sky". Erst pestete Kölns Sportdirektor Jörg Schmadtke, kurz darauf spuckte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke Gift und Galle.

Das Traumergebnis des BVB geriet bei der ganzen Videobeweis-Diskussion etwas in den Hintergrund.
Das Traumergebnis des BVB geriet bei der ganzen Videobeweis-Diskussion etwas in den Hintergrund.(Foto: imago/Uwe Kraft)

Das kann schon mal vorkommen, schließlich gehört es zu den schönen, zu den interessanten Seiten des Fußballs, das die Emotionen ab und an hochkochen. Aber nach einem mehr als eindeutigen 5:0 (2:0)-Sieg des Tabellenführers gegen den immer noch punktlosen Letzten der Liga an diesem vierten Spieltag? Welche Meinungsverschiedenheiten sollte denn ein solch einseitiger Kräftevergleich hervorbringen? Der in aller Öffentlichkeit ausgetragene Disput entzündete sich daran, dass der vor dieser Saison installierte Video-Schiedsrichter an diesem Sonntagabend gleich zwei Mal ins Spielgeschehen eingriff.

Beide Male zugunsten der Dortmunder. Zum Ende der ersten Halbzeit erklärte er den Treffer von Manndecker Sokratis zum 2:0 für regulär, obwohl ihn Patrick Ittrich, der das Spiel auf dem Rasen leitete, zunächst nicht anerkannt hatte. In der zweiten Hälfte erkannte Felix Brych, der das Spiel in Köln vor dem Bildschirm beurteilte, ein Kölner Handspiel im Strafraum und wies Ittrich an, auf Elfmeter zu entscheiden. Doch diese Szene brachte die Dortmunder Luft nicht zum brodeln. Es war die erste strittige Szene, die alle Gemüter erhitzte, und die nach Lage der Dinge noch weit über den Tag hinaus erörtert werden wird.

"Es darf doch nicht jeder machen, was er will"

Was war geschehen? Nach einem Eckball von rechts ließ Kölns Torhüter Timo Horn den Ball in Bedrängnis fallen, Sokratis drückte ihn aus kurzer Distanz über die Linie. Die erste Frage, die zu beurteilen war, betraf den Keeper. Wurde Horn im Fünfmeterraum, ein für Torhüter geschützter Raum, regelwidrig bedrängt? Horn sagte dazu: "Es war keine eindeutige Situation, denn im Fünfmeterraum reicht eine leichte Berührung für ein Foul. Dann ist das eine Kann- und keine Muss-Situation, der Video-Schiedsrichter darf also nicht eingreifen."

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Gravierender scheint jedoch der Umstand zu sein, dass der Unparteiische pfiff, nachdem der Ball den Fuß von Sokratis verlassen hatte und bevor er die Torlinie überquerte. Vor allem das brachte Schmadtke auf den Plan, der von einer "krassen Fehlentscheidung" sprach. Der ehemalige Torhüter vertritt die Ansicht, der Video-Schiedsrichter hätte gar nicht eingreifen dürfen, da das Spiel unterbrochen war. "Wir müssen uns an das Protokoll halten", so Schmadtke: "Es darf doch nicht jeder machen, was er will. Wir werden das nicht akzeptieren und Protest einlegen." Was die Kölner erreichen wollen, legte der 53-Jährige klipp und klar dar: "Das war eindeutig gegen das Regelwerk. Was wir wollen, ist eine Neuansetzung des Spiels." Trainer Peter Stöger unterstützte seinen Kollegen in seiner Argumentation. Schmadtke habe das Vorgehen mit ihm abgestimmt. "Wir sind mit dem Video-Schiedsrichter in einer Testphase und müssen diese Situation durchdiskutieren." Es gehe darum, sich "an das halten, was vorher kommuniziert wurde".

"Es war ein reguläres Tor"

Die Kölner Argumentation brachte wiederum Watzke auf die Palme, der dem Widersacher vom Rhein unsportliches Gebaren vorwarf. Es habe "eine Attitüde von schlechten Verlierern, wenn du zu solchen Mitteln greifst. Wenn man 0:5 verloren hat, dann wischt man sich den Mund ab und versucht, es beim nächsten Mal besser zu machen." Und weiter: "Nach solch einem Spiel so aufzutreten, da muss ich schon sagen: Chapeau!" Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc sieht das ähnlich. Es sei, "nahezu grotesk und lächerlich", die Wertung des Spiels infrage zu stellen: "Der Ball war unterwegs. Es gab keine Möglichkeit für irgendeinen Spieler, noch einzugreifen. Für mich ist völlig unerheblich, ob der Ball kurz vor oder hinter Linie war, als der Pfiff ertönt ist. Es war kein Foulspiel, es war ein reguläres Tor."

So sieht das auch der Torschütze: "Ich habe nichts gemacht, habe den Torhüter nicht behindert", sagte Sokratis: "Das habe ich dem Schiedsrichter auch gesagt." Der Grieche befürwortete ausdrücklich, "dass wir den Video-Schiedsrichter heute hatten. Das war ein korrektes Tor von mir". Wenige Tage zuvor, betonte der Manndecker, "hätten wir diese Möglichkeit gerne gehabt". Sokratis erinnerte an den mit 1:3 verlorenen Champions-League-Auftakt gegen die Tottenham Hotspurs im Londoner Wembley Stadion, bei dem der Unparteiische einen regulären Treffer von Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang wegen angeblicher Abseitsstellung nicht anerkannte. Es wäre das 2:2 für den BVB gewesen. Doch im Gegensatz zur Bundesliga gibt es in der Königsklasse keine Möglichkeit, strittige Szenen überprüfen zu lassen.

Es ist offensichtlich, dass noch viel hin und her diskutiert werden wird, ehe der Videobeweis sich als das Instrument etabliert, für das er eingeführt wurde: Den Fußball transparenter und gerechter zu machen. Derzeit ist es so, dass ein starker Auftritt des Bundesliga-Tabellenführers zur Nebensache gerät, weil er gänzlich von einem anderen Thema überlagert wird. Im Dortmunder Lager wirkte nicht nur Hans-Joachim Watzke reichlich genervt, weil der Kantersieg des BVB schon bald die Sportgerichtsbarkeit beschäftigen wird. Das einzige, was er zu diesem Thema noch beizusteuern habe, betonte der 58-Jährige, sei, "dass der 1. FC Köln offenbar nicht anständig verlieren kann".

Quelle: n-tv.de

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