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Die Betroffenen suchen nach Anerkennung.
Die Betroffenen suchen nach Anerkennung.(Foto: dapd)

Im Netz "bis zur Verwahrlosung": 560.000 Deutsche internetsüchtig?

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Dyckmans ist sich sicher: Mehr als eine halbe Million Deutsche kommen vom Internet nicht mehr los. Die Zahl ist identisch mit der einer Studie von vor einem Jahr. Seit Jahren diskutieren Experten darüber, ob die Internetabhängigkeit nicht eine Form der Depression ist. Dyckmans will das Verhalten als eigene Krankheit klassifizieren lassen.

Ledige und arbeitslose Männer sind laut einer Studie besonders gefährdet, sich so sehr in den Tiefen des Netzes zu verlieren, dass sie den Bezug zur Realität verlieren. Krankhafte Internetnutzung äußere sich vor allem darin, dass die Betroffenen ihr soziales Leben vernachlässigten, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP). Darunter litten dann die Arbeit oder der Schulbesuch, mitunter auch einfache Dinge wie Essen und Waschen. "Das geht bis zur körperlichen Verwahrlosung."

Nach einer jetzt neu ausgewerteten Erhebung kommen 0,7 Prozent aller 25- bis 64-Jährigen in Deutschland nicht mehr von Online-Spielen oder Sozialen Netzwerken los. Mit 1,0 Prozent sei der Anteil bei Männern mehr als doppelt so hoch wie bei Frauen (0,4 Prozent), teilte Dyckmans mit. "Die Betroffenen flüchten in eine virtuelle Welt. Dort bekommen sie Anerkennung und Belohnung."

Identische Zahlen

Die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans, überzeugt.
Die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans, überzeugt.(Foto: dpa)

Insgesamt gelten in Deutschland rund 560.000 Menschen zwischen 14 und 64 Jahren als "internetsüchtig", wie aus einer bereits im August vorgelegten Studie der Universitäten Lübeck und Greifswald hervorgeht. Bereits im vergangenen Jahr hatten die Hochschulen eine Studie zur Internetsucht vorgelegt. Darin war die gleiche Zahl angegeben. Viele Beobachter warnten damals vor Panikmache, reagierten teilweise auch mit Spott.

Unter den als abhängig klassifizierten sind 250.000 Menschen im Alter von 14 bis 24 Jahren. Hier ist das Geschlechterverhältnis nahezu ausgeglichen. 2,5 Millionen Menschen nutzen laut Studie das Netz auf problematische Weise und drohen in eine Abhängigkeit abzurutschen.

Im vergangenen Jahr hatten die Autoren der Studie eingeschränkt, dass es eine einheitliche Definition der Internetsucht noch nicht gebe. "Die Datenlage ist schwach. Wir wissen sehr wenig über die Verbreitung des Problems", sagte damals der Forscher Hans-Jürgen Rumpf. Man wisse noch nicht genau, was man bei der Internetsucht diagnostiziere. Deswegen sprach er mit Blick auf die Ergebnisse vorsichtig von "wahrscheinlich Abhängigen".

Dyckmans will Anerkennung

"Die Zahlen zeigen ganz akut einen Handlungsbedarf", sagte Dyckmans nun. Es müsse ein besonderes Augenmerk auf die Prävention gelegt und dabei die ganze Familie einbezogen werden. "Da gibt es gute Erfolge." Auch müsse Internetsucht als Krankheit klassifiziert und in das internationale Diagnoseverzeichnis aufgenommen werden, forderte sie.

Der Begriff der Internetsucht ist wissenschaftlich umstritten. Einige Psychologen sehen in einer exzessiven Internetnutzung keine eigenständige Störung, sondern lediglich das Symptom einer psychischen Erkrankung wie der Depression. Andere fordern hingegen, maßlose Internetnutzung als eigenständige Krankheit einzuordnen. Bislang ist Internetabhängigkeit von der Weltgesundheitsorganisation nicht als Verhaltenssucht anerkannt.

Laut Studie geht die große Mehrheit der 14- bis 24-Jährigen (77,3 Prozent) ins Netz, um zu chatten, Fotos zu posten und Mitteilungen zu kommentieren. Bei den Älteren zwischen 25 und 64 Jahren ist das Interesse an Sozialen Netzwerken wie Facebook geringer (45,1 Prozent). Die zweitbeliebteste Internetbeschäftigung sind Onlinespiele.

Quelle: n-tv.de

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