Wissen

Hochleistungstiere bevorzugtAussterbende Haustierarten

12.09.2007, 15:46 Uhr

Jeden Monat geht irgendwo auf der Welt eine einheimische Haustierrasse und damit ein vielfach noch gar nicht erforschtes genetisches Potenzial verloren.

Jeden Monat geht irgendwo auf der Welt eine einheimische Haustierrasse und damit ein vielfach noch gar nicht erforschtes genetisches Potenzial verloren. Das geht aus einem Report der Welternährungsorganisation (FAO) in Rom hervor, der Daten aus 169 Ländern zusammenträgt. Die optimal an ihre jeweilige Umwelt angepassten Arten wie kleine Schweine in Vietnam, mongolische Rentiere oder Zebus in Afrika würden zu Gunsten von neuen, weltweit verbreiteten Hochleistungs-Rassen zurückgedrängt, warnt auch die Beratungsgruppe für internationale Agrarforschung (Consultative Group on International Agricultural Research, CGIAR) in einer Stellungnahme. Die Gruppe ist ein Zusammenschluss von Ländern, nationalen und internationalen Organsiationen und privaten Stiftungen mit 15 Zentren in 4 Kontinenten.

90 Prozent aller Rinder in den Industrieländern gehörten nur noch 6 eng verwandten Rassen an, heißt es dort weiter. Holsteinische Milchkühe etwa gebe es inzwischen in 128 Ländern. Weltweit hat die FAO 7616 Rassen gezählt, davon sind 1080 in mehreren Ländern vertreten. 690 gelten als ausgestorben, 62 davon verschwanden in den vergangenen 6 Jahren. 1491 sind derzeit vom Aussterben bedroht. Angesichts eines drohenden Artenschwundes fordern die Experten von CGIAR schnellstmöglich die Einrichtung von Genbanken, um Spermien und Eierstöcke der bedrohten Tiere auf Dauer und für die spätere Zucht zu bewahren. Viele ihre Eigenschaften könnten später von Nutzen sein und in neue Arten eingezüchtet werden. Einige Tiere kommen mit wenig Futter aus, weil sie ihr karges Mahl besonders effektiv verdauen. Andere vertragen Hitze oder Kälte, die nächsten haben höhere oder niedrigere Fettanteile in der Milch, weitere Arten sind besonders widerstandsfähig gegen Krankheitserreger.

Bewahren bei minus 176 Grad Celsius

70 Prozent der einzigartigen Kühe, Schafe, Schweine, Hühner, Enten, Gänse, Rentiere, Dromedare, Pferde und weitere Arten leben in den Entwicklungsländern, wo es wenig Möglichkeiten gibt, die Proben auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus bei minus 176 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff zu lagern. Dies ist die übliche Verfahrensweise in Genbanken, die verlässlich werden müssen. Das Aufarbeiten und Einfrieren der Proben benötigt Spezialisten, wenn das Material über Jahre oder Jahrzehnte vital bleiben soll. Der Stoffwechsel der Zellen wird dabei vollkommen gestoppt, die Zellen bleiben intakt. Eine große Kunst ist es, beim Einfrieren keine Eiskristalle wachsen zu lassen, die die Zellen zerstören.

Schwund mit alarmierender Geschwindigkeit

„Wertvolle Arten verschwinden mit alarmierender Geschwindigkeit“, warnt der Generaldirektor des Internationalen Forschungsinstituts für Nutztiere (ILRI), Carlos Ser. „In vielen Fällen wissen wir erst um den wahren Wert einer bestimmten Rasse, wenn sie bereits verschwunden ist. Deshalb müssen wir jetzt handeln, um das, was noch vorhanden ist, in Genbanken zu erhalten.“ Seiner Ansicht nach ist die Internationale Gemeinschaft jetzt immerhin dabei, das Problem zu erkennen. Das ILRI bekämpft Armut durch Nutztierforschung und -entwicklung und hilft den armen Ländern dabei, ihre speziell angepassten einheimischen Rassen zu erhalten. In den vergangenen Jahren hätten viele Kleinbauern ihre angestammten Nutztiere gegen Hochleistungs-Sorten aus Europa oder den USA getauscht. Noch 1994 stammten 72 Prozent der vietnamesischen Schweine-Produktion aus heimischen Tieren, binnen acht Jahren sei dieser Anteil auf 26 Prozent gefallen. Von den 14 vietnamesischen Sorten seien fünf als „verletzlich“ eingestuft, zwei als „kritisch“ und weitere drei als „vom Aussterben bedroht“. International setzten sich stattdessen die schnell wachsenden „Large White-Schweine“ durch. Dies gelte auch für die „White Leghorn-Hühner“ oder die friesischen Hochleistungs-Milchkühe.

Hohe Milchleistung nicht immer von Nutzen

Das Beispiel Kenia zeigt indes, dass diese eingeführten Kühe mit ihren höheren Milchleistungen keinesfalls immer eine gute Lösung sind, heißt es in dem FAO-Report. Die Tiere können mehr Milch produzieren als die 18 Liter, die das Futter in ihrer neuen Heimat hergebe. Würde die Nahrung hingegen so weit angereichert, dass sie für 22 Liter reichte, würde der Organismus der Kühe bei der Milchproduktion so weit aufgeheizt, dass sie dafür ihre internen Energiereserven angreifen würden. Zunächst hätten solche Tiere zunächst auch mehr Milch hergegeben, schreibt die FAO. Danach allerdings sei die Produktion stark zurückgegangen, bis hin zur Unfruchtbarkeit der Tiere. Die Kühe konnten ihre eigene Gruppe nicht erhalten, starben nach vier Jahren an Stress und Unterernährung und erhöhten damit den Preis je Liter Milch enorm. Die angepassten einheimischen Sorten kamen mit den Bedingungen naturgemäß besser zurecht, lieferten mehr Kälber und senkten so die Kosten zum Erhalt der Herde. Dieses Beispiel zeige, dass nicht allein auf den maximalen Milchertrag geschaut werden sollte, heißt es in dem Bericht. Ein weiteres Beispiel stammt aus Uganda. Während einer Dürre konnten einige Bauern, die ihre widerstandsfähigen Ankole-Rinder behalten hatten, mit den Tieren weite Wege zu Wasserquellen zurücklegen. Andere Landwirte, die ihre Ankole-Rinder durch importierte Rassen ersetzt hatten, verloren die gesamte Herde. Sollte sich der Rinder-Tausch jedoch ungebremst fortsetzen, sei auch das Ankole-Rind binnen 20 Jahren vom Aussterben bedroht.

Verlust auch in Deutschland

Der Verlust der Artenvielfalt trifft aber nicht nur die armen Länder. Auch in Deutschland und Europa sind etliche Sorten bedroht. Hiezulande setzt sich die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) in Witzenhausen für deren Schutz ein. Ihr Projekt könnte Vorbild für die nun auch international geforderten Genbanken sein. Zusammen mit seinen Kollegen sorgt sich Henrik Wagner von der Regionalgruppe Saarland der GEH unter anderem um das Rauhwollige Pommersche Landschaf, den Bentheimer Landschafbock, das Schwäbisch Hällische Schwein, die Bayerische Landgans oder das Deutsche Reichshuhn. Sie alle stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen. Bereits jetzt werden mehr als 200 Blutproben beim Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) im saarländischen Sulzbach gelagert. Das Institut erhält die Proben der GEH, arbeitet sie auf und isoliert Stammzellen daraus, berichtet IBMT-Projektleiter Thomas Fixemer. Bezahlt wird die Lagerung vom saarländischen Umweltministerium, das der GEH Platz in den Kältetanks einräumt. Selbst klonen will die GEH nicht, sie sieht die Genbank als Reserve für unsere Nachkommen an. „Diese entscheiden dann aktuell wenn es vonnöten ist“, sagt Wagner.

Tiefgekühlte Arche Noah

So entsteht eine Art tiefgekühlter Arche Noah. Seit dem 1996 geborenen Klonschaf Dolly steht fest, dass sich ein Säugetier prinzipiell aus nur einer Zelle klonen lässt. Inzwischen sind auf diese Weise unter anderem Hunde, Schweine, Rinder, Mäuse oder Pferde vervielfältigt worden. Dazu waren allerdings stets zahlreiche Versuche nötig. Zudem kommt es dabei häufig zu Fehlbildungen und –geburten, es handelt sich also keinesfalls um ein Standard-Verfahren. Die GEH sichert sich mit den Zellen zumindest das Potenzial dieser Methode. Auf ähnliche Weise würden auch die nun geforderten internationalen Genbanken arbeiten. Daran erinnert auch der eingefrorene Zoo („Frozen Zoo“) des Tierparks von San Diego (US-Staat Kalifornien). Dort ruhen Proben von 675 Tierarten und -unterarten, darunter solche des extrem seltenen Philippinenkoboldmakis (Tarsius syrichta), des Cayman Island Blue Iguanas (Cyclura lewisi) und des Po'ouli (Melamprosops phaeosoma), eines auf Hawaii heimischen Vogels. Der Frozen Zoo friert Hautzellen, Spermien, Eizellen, Embryonen, Blut und Gewebe ein.

Afrika besonders betroffen

„In den USA, in Europa, China, Indien und Südamerika gibt es etablierte Genbanken, die die regionale Nutztierdiversität aktiv erhalten“, berichtete ILRI-Generaldirektor Ser. Leider sei das in Afrika nicht der Fall, dabei sei der Kontinent eine der Regionen mit der größten verbleibenden Vielfalt. „Afrika wird daher in diesem Jahrhundert besonders hart von Verlusten einheimischer Rassen betroffen sein.“ Ser verlangt, das Interesse der Bauern am Erhalt der Rassenvielfalt zu stärken. Dazu könne die Politik beitragen. Zudem sollten die Nutztierrassen über die Landesgrenzen hinweg verbreitet werden. Die Ausrottung bestimmter Rassen und Populationen durch Marktfluktuationen, Gewalt und Krieg, Naturkatastrophen oder Epidemien würde damit unwahrscheinlicher. Zudem könnten neue Techniken dazu beitragen, jene Gebiete zu ermitteln, an denen die Umweltbedingungen für eine Rasse besonders günstig seien - dieser Ansatz trägt den Namen „landscape genomics“.