Genetische VorauswahlBefruchtung nach neuer Methode
In einer britischen Befruchtungs-Klinik kam eine in Deutschland verbotene Technik zur Anwendung: Für eine künstliche Befruchtung wurde der Embryo nach Untersuchung seiner Chromosomen ausgewählt.
Ein britischer Junge ist nach einer neuen Methode der künstlichen Befruchtung geboren worden. Eine 41-jährige Frau brachte Oliver nach 13 gescheiterten Versuchen der Reagenzglas-Befruchtung und nach drei Fehlgeburten zur Welt. Dabei wandte die Befruchtungs-Klinik eine in Deutschland verbotene Technik an: Der Embryo wurde nach der Untersuchung der Erbgutträger (Chromosomen) ausgewählt. Die Care Fertility Group im englischen Nottingham teilt mit, dass es sich um das weltweit erste Baby handelt, das auf diese Art geboren wurde.
"Eine vollständige Analyse der Chromosomen verdoppelt möglicherweise die Schwangerschaftschancen für Paare, die gescheiterte Befruchtungsversuche oder Fehlgeburten hinter sich haben", sagte Professor Simon Fishel von der Care-Gruppe. Chromosomale Anomalitäten sind oft der Grund, dass Embryonen nicht durchkommen, selbst wenn sie unter dem Mikroskop gesund aussehen. "Bis zur Hälfte der Eizellen von jüngeren Frauen und bis zu 75 Prozent bei Frauen über 39 weisen Anomalitäten auf", sagte Fishel. Olivers Geburt sei ein "wichtiger Meilenstein", um zu verstehen, warum Frauen nicht schwanger werden. Die Mediziner gehen davon aus, dass der Test die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich erhöht.
Das besondere sei, dass der Test nur bis zu 48 Stunden dauert. Die Eizellen müssten deshalb nicht eingefroren werden, was oft zu Schäden führt. Das Screening kostet rund 2000 Pfund (rund 2300 Euro) und wird zusätzlich zu den IVF-Kosten berechnet.
Bevor Eizellen befruchtet werden, stoßen sie doppelte Chromosomen ab, um Platz für die Erbgutträger der Samenzelle zu machen. Die abgestoßenen Chromosomen werden in so genannten Polkörpern aufbewahrt. Bei der Diagnose werden diese unter anderem daraufhin untersucht, ob sie zu viele oder zu wenig Chromosomen haben. Eine Art der Polkörperdiagnostik ist auch schon in Deutschland erfolgreich durchgeführt worden.
Allerdings dürfen in der Bundesrepublik - im Gegensatz zu England - nur unbefruchtete Eizellen untersucht werden und keine befruchteten oder Embryonen. Der Verband British Fertility Society erklärte, die neue Test-Methode sei vielversprechend, es sei aber noch mehr Forschung notwendig. Vor zu viel Optimismus warnten auch andere Experten. Professor Peter Braude vom King's College in London sagte: "Im Moment kann das nur als sehr, sehr großer Glücksfall angesehen werden."