Aus den Nüssen der Jatropha-Pflanze kann unter Zugabe von Methanol Biodiesel gewonnen werden.
(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Dienstag, 09. Februar 2010
Zweifel an der Wunderpflanze: Daimler fördert Jatropha-Biodiesel
Daimler hat "Jatropha" als Biodiesel-Erzeuger der Zukunft entdeckt. Umweltschützer widerlegen nun aber die Argumente, die eigentlich für den Anbau der Pflanze sprechen.Sie wächst auf kargen Böden, soll armen Bauern neues Einkommen verschaffen und helfen, die Luftverschmutzung in Indien zu stoppen. Vielen gilt Jatropha als Wunderpflanze, denn die Samen ihrer Nüsse dienen als Rohstoff für sauberen Biodiesel. Jetzt unterstützt auch der Automobilkonzern Daimler ein Projekt zum Anbau des viel versprechenden Wolfsmilchgewächses in Indien. Doch Umweltschützer warnen davor, allzu große Hoffnungen in die grünen Sträucher zu setzen.
Fünf Jahre lang hat Daimler an der ungenießbaren Energiepflanze geforscht - und herausgefunden, dass sich die Samen zur Erzeugung von hochwertigem Biodiesel eignen. Jatropha leiste einen Beitrag zu "nachhaltiger Mobilität", sagt der Daimler-Umweltbevollmächtigte Herbert Kohler. Im Süden Indiens startete das Unternehmen deshalb ein neues Projekt zum Anbau der Pflanze.
Daimler bürgt für Bauern
Über eine Bürgschaft sichert Daimler die Kleindarlehen der Bauern im Bundesstaat Tamil Nadu ab und garantiert die Abnahme der Ernte. Auch die Saatgut- und Pflanzenschutzsparte des Bayer-Konzerns engagiert sich für den Anbau. Die Unterstützung der Dorfgemeinschaften schaffe "wirtschaftliche Perspektiven für sozial schwache Regionen dieser Erde", sagt Daimler-Manager Kohler.
Der Anbau der Jatropha-Pflanze geht auf Kosten der Landbevölkerung.
(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Doch neue Studien ziehen die Ertragsprognosen für die anspruchslose Wildpflanze in Zweifel. Zudem werde Jatropha nicht mehr nur auf unfruchtbaren Böden, sondern mittlerweile auch auf brauchbarem Ackerland kultiviert, sagt Sharachchandra Lele, leitender Wissenschaftler bei der indischen Umweltforschungsgruppe ATREE - und widerlegt damit ein gewichtiges Argument für den Biodiesel-Rohstoff.
"Es heißt immer, Jatropha wachse auf unfruchtbaren Böden und konkurriere deshalb nicht mit dem Anbau von Nahrungsmitteln", sagt Lele. "Doch die Realität sieht anders aus. Manche Bundesstaaten fördern auch den Anbau auf normalem Ackerland, wo die Produktion von Nahrungsmitteln verdrängt wird." Damit werde der Kraftstoffverbrauch der städtischen Eliten subventioniert, kritisiert der Wissenschaftler - auf Kosten von Landbevölkerung und Nahrungsmittelproduktion.
Indien will mit Jatropha CO2-Ausstoß verringern
Die indische Regierung schreibt bis 2017 einen Anteil von 20 Prozent Biosprit an allen Kraftstoffen vor und setzt dabei vor allem auf Jatropha, das bereits im kommenden Jahr auf elf Millionen Hektar im ganzen Land angebaut werden soll. Damit soll es gelingen, den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid zu verringern.
Die Nahrungsmittelproduktion werde das nicht beeinträchtigen, ist man beim Institut für ländliche Entwicklung IASRD überzeugt, das den Jatropha-Anbau vehement verteidigt. "Viele Bauern werden Jatropha schon deshalb nicht anbauen, weil sie mit Getreide mehr verdienen", sagt der IASRD-Vorsitzende K.D. Gupta. Erste Studien hatten bei einer Bewässerung Ernteerträge von bis zu 7,5 Tonnen pro Hektar prophezeit. Doch unter realistischen Bedingungen sei mit weniger als einer Tonne je Hektar zu rechnen, kalkulieren die Forscher von ATREE.
"Jatropha ist nicht erste Wahl"
Das alles ziehe den Nutzen der angeblichen Wunderpflanze sehr in Zweifel, sagt Lele. "Weder für die Energiesicherheit noch für den Abbau von CO2-Emissionen ist der Anbau von Jatropha die erste Wahl", lautet sein Fazit. "Mit Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und den Verzicht auf das Auto könnten wir viel mehr erreichen."
Yasmeen Mohiuddin, AFP
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