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Wirbel um Uraffen-FossilFast eine Diva

20.05.2009, 15:03 Uhr

Popgruppen und Sportler setzen mitunter gewaltige Werbemaschinerien in Gang. Sollten auch Wissenschaftler den Medienrummel kultivieren? Ida, das Uraffen-Fossil, löst Diskussionen aus.

Auf einen derart gewaltigen Medienrummel wäre so manche Film-Diva neidisch. Bei vielen Zeitungen prangte das Fossil auf Seite eins, Google zeichnete die Knochen in seinem Schriftzug nach. Im altehrwürdigen American Museum of Natural History hatte sich gar New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg die Ehre gegeben, als die sensationelle Entdeckung aus der Grube Messel bei Darmstadt verkündet wurde: Ein extrem gut erhaltenes, 47 Millionen Jahre altes Fossil sei analysiert worden, so hieß es, das wahrscheinlich den ältesten bekannten Vorfahren des Menschen zeige.

Affen-Fossil
"Missing link" hin oder her - Ida ist ein "außerordentlich gut erhaltenes Exemplar". (Foto: dpa)

Der norwegische Paläontologe Jörn Hurum von der Universität Oslo hatte das Fossil aufgestöbert, nach seiner Tochter "Ida" genannt - und den Fund dann höchst geschickt vermarktet. Mehrere Fernsehsender griffen zu und warfen eine gewaltige Werbemaschinerie an. Nach Angaben der "New York Times" wurde in den USA in geheimnisvollen TV-Clips mit dem Slogan "This changes everything" ("Das ändert alles") eine Entdeckung angekündigt, die ähnlich bedeutsam sei wie die Mondlandung oder die Ermordung des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy.

Parallel zu der exklusiv bei einigen Sendern laufenden Dokumentation wird ein Buch auf den Markt geworfen. Im Internet schalteten die Sender gemeinsam eine recht reißerisch gestaltete Seite. Hurum verteidigte den Aufwand laut "New York Times" jedoch: "Jede Popgruppe tut dasselbe. Jeder Sportler macht das. Wir müssen beginnen, in der Wissenschaft auch so zu denken."

"Erzählt nicht mehr, als wir schon wussten"

Die Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn, die einen der Forscher aus Hurums Team gefördert hatte, wollte die Ereignisse nicht kommentieren. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Bonn stieß das Vorgehen des Norwegers auf Skepsis. "Wir sind sehr dafür, dass Forscher an die Öffentlichkeit gehen", sagte DFG-Sprecherin Eva- Maria Streier. "So wie sie gute Forscher und akademische Lehrer sein sollten, müssen sie auch gute Kommunikatoren sein." Dies dürfe aber nicht durch persönliche finanzielle Vorteile motiviert sein oder sich exklusiv an einige wenige Medien richten. "Es geht nicht an, dass öffentlich geförderte Forschung vermarktet wird. Die Information sollte ohne Vorteilnahme durch den Wissenschaftler und gleichmäßig und gleichzeitig an alle Medien gegeben werden."

Auch an der Einordnung des Fundes als "missing link", als fehlendes Bindeglied im Stammbaum von Mensch und Affe, kam Kritik auf. Das Fachmagazin "Science" zitierte in einem Internetartikel den Paläontologen Elwyn Simons von der Duke Universität in Durham (North Carolina) zu dem Fund: "Es ist ein außerordentlich gut erhaltenes, wundervolles Exemplar, aber es erzählt uns nicht viel mehr, als wir schon wussten.

Kritisiert wird von einigen Forschern, dass Hurums Team nur 30 bis 40 statt wie üblich 200 bis 400 Merkmale mit denen anderer Fossilien verglichen habe. Die gut ins Bild passenden Rosinen seien herausgepickt worden, sagte der ebenfalls an der Duke Universität lehrende Paläontologe Richard Kay "Science". Bei der im Fachmagazin "PLoS ONE" veröffentlichten Studie fehlten zudem Hinweise auf Fossilienanalysen der vergangenen Jahre. "Es ist, als würde man ins Jahr 1994 zurückgehen. Sie haben die Veröffentlichungen der vergangenen 15 Jahre ignoriert", erklärte Christopher Beard vom Carnegie Museum für Naturgeschichte in Pittsburgh (Pennsylvania).

Quelle: Von Annett Klimpel, dpa