Drakonische UmwelttippsFortpflanzung einstellen
Das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" durchleuchtete den Alltag des Einzelnen und klärte viele Detailfragen zum klimafreundlichen Umgang mit Energie.
Die Menschen auf den Malediven sparen schon Geld, um sich im erwarteten Fall des weiter steigenden Meeresspiegels irgendwo anders eine neue Heimat zu kaufen. Bereits jetzt vertreibt der Klimawandel die ersten Bewohner der Salomonen-Inseln – 30 Familien siedelten nach Bougainville im benachbarten Papua-Neuguinea um. Ihre Häuser werden ständig überschwemmt.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rechnet derweil nicht damit, dass der kommende US-Präsident Barack Obama eine schnelle und radikale Wende im Klimaschutz vollziehen wird. Und wie viele andere Länder erhöhen China und Indien ihren Treibhausgas-Ausstoß rapide – die Aussichten für eine schnelle Verringerung der CO2-Konzentration sind also schlecht, allen gut begründeten Warnungen zum Trotz.
"Alles, was Sie sich nicht zu fragen trauten"
Vor diesem Hintergrund durchleuchtet das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" den Alltag des Einzelnen und klärt viele Detailfragen zum effizienten und damit klimafreundlichen Umgang mit Energie. Untertitel: "Alles, was Sie schon immer über umweltfreundliches Verhalten wissen wollten, sich aber nicht zu fragen trauten." Eine Auswahl:
Helfen dünne Menschen dem Klima?
Diese Frage geriet kürzlich durch eine Studie im Medizinjournal "The Lancet" in die Öffentlichkeit. Fettsüchtige Menschen konsumierten 18 Prozent mehr Kalorien, und ihre Autos müssten mehr Masse bewegen, hieß es dort unter anderem. Indes, gesündere Menschen lebten länger, wendet der "New Scientist" ein, setzten also länger CO2 frei. In Form zu bleiben helfe daher eher dem Einzelnen, aber wahrscheinlich nicht dem ganzen Planeten.
Wer schon nicht ganz auf Getränkedosen aus Aluminium verzichtet, sollte sie auf jeden Fall recyceln. Um aus den alten Dosen wieder neue zu produzieren, sind nur fünf Prozent jener Energie nötig, die eine gänzlich neue Dose verschlingt. Das erklärt das Unternehmen Alkoa, drittgrößter Aluminiumproduzent.
Bei Energiesparlampen stellt sich die Frage: Immer ausmachen, wenn man den Raum verlässt?
Nein: Wer binnen 15 Minuten zurückkommen will, sollte sie anlassen. Warum, das erklärt Tom Reddoch vom Electric Power Research Institute in Palo Alto (US-Staat Kalifornien). Jedes Einschalten jagt einen starken Stromstoß durch die Birne, was deren Lebensdauer beim häufigem Ein-Aus-Wechsel um bis zu drei Viertel reduziert. Dann muss schneller eine neue Birne her – was weiteren Ressourcenverbrauch bedeutet.
Auch das Grillen gerät mitunter ins Visier, wenn über Energie und das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) gesprochen wird. Das gilt besonders für jeden 4. Juli, den Unabhängigkeitstag der USA. Dann wirft mehr als die Hälfte der US-Haushalte den Grill an, und 225 000 Tonnen CO2 geraten dadurch in die Luft, hat Tristram West vom Oak Ridge National Laboratory berechnet. Diese 60 Millionen Grillfeuer machten weniger als 1,5 Prozent des CO2 aus, das die Nation täglich freisetze. West empfiehlt nicht den Verzicht, rät aber zu Holzkohle- statt zu Gasgrills: Kohle könne immerhin aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern gewonnen werden.
"Was ist schlimmer: Der CO2-Ausstoß eines normalen Autos oder die Umwelteffekte von Batterien in hybridgetriebenen Wagen?"
Die britische Environmental Transport Association (ETA) hat eine Antwort: Derzeit liegen die effizientesten Autos mit herkömmlicher Antriebstechnik leicht vorn. Dennoch müsse weiter in die neue Technik investiert werden, um sie effizienter zu gestalten. ETA-Experte Yannick Read erklärt zudem, ob man ein altes Auto bis zum Ende fahren sollte, statt ein neues zu kaufen – bei dessen Herstellung fällt ebenfalls CO2 an. Read schätzt, dass die Produktion eines neuen Wagens sechs Tonnen CO2 "kostet". Trotz dieser Belastung im Vorfeld lohne der Wechsel, wenn dafür ein Spritfresser ausgemustert werde. Zu vernachlässigen sei hingegen der Vorteil, den ein Wechsel von einem fünf Jahre alten zu einem neuen Wagen bringe.
Akkus verbreiten sich in vielen Geräten immer weiter und in immer größerer Zahl, etwa in den immer beliebteren Laptops. Sie korrekt zu laden hilft, den Verschleiß und damit den frühen Tausch zu meiden. Die Empfehlung: Den Akku möglichst leerlaufen lassen und ihn dann in einem Rutsch aufladen. Ihn zwischendurch ans Netz zu hängen, bedeutet den halbvollen Akku zu laden – das verringert seine Kapazität. Die Frage nach dem Energieverbrauch lässt sich weit treiben.
Lohnt der Umstieg vom Bus aufs Fahrrad, denn schließlich atmet der Fahrer beim Radeln jede Menge Treibhausgas aus? Der "New Scientist" blickt auf einen Pendler, der täglich 12 Kilometer mit Bus oder Bahn unterwegs ist. Im Jahr kommen dafür rund 165 Kilogramm Kohlenstoff zusammen. Wer dieselbe Distanz mit dem Rad zurücklege, benötige pro Jahr 50 000 Kalorien – oder, umgerechnet, 22 Kilogramm dunklen Brotes. Das wiederum hinterlässt je Kilogramm einen "Kohlenstoff-Fußabdruck" von 1,1 Kilogramm. Wer ein Jahr die Pedale tritt, spart dieser Rechnung nach etwa 140 Kilogramm Kohlenstoff-Emissionen im Jahr. Dies alles wird indes erst dann wirksam, wenn wirklich viele Menschen aufs Rad umsteigen und die Verkehrsbetriebe daraufhin tatsächlich weniger Busse und Züge fahren lassen, erklärt das Magazin.
Lohnt es sich aus Sicht des Klimaschutzes, Papier- und Plastikmüll in China zu recyceln? Das Waste- and Resources Action Programme (WRAP) im britischen Banbury weist darauf hin, dass Großbritannien derzeit rund 4,7 Millionen Tonnen Altpapier exportiert – vor zehn Jahren waren es noch 470 000 Tonnen. Hinzu kommen rund 500 000 Tonnen gebrauchte Plastikflaschen. "China hat einen großen Bedarf für beide Materialien", heißt es weiter. Zudem habe China ein Handelsdefizit mit dem Westen – wenn die Schiffe keinen Müll mit zurücknähmen, wurden sie leer fahren. Laut WRAP setzt der Transport nach Fernost zehn Prozent jener Kohlenstoff- Menge frei, die beim Recycling gespart wird.
Rajendra Pachauri ist Chef des UN-Klimarates IPCC. Auch er hat ein paar Tipps, was jeder Einzelne zu Hause gegen den Klimawandel tun kann: "Bitte, kauft effiziente Glühbirnen. Wer elektrische Geräte anschafft, sollte darauf achten, dass sie ebenfalls effizient arbeiten. Wenn nur wenig Wäsche zu waschen ist, geht das auch mal im Waschbecken. Wer sich innerhalb der Stadt bewegt, sollte zu Fuß gehen. Wenn das nicht möglich ist, sollte man Fahrrad fahren. Wenn das nicht geht, öffentliche Verkehrsmittel nehmen. Der Heizungsthermostat sollte so eingestellt sein, dass es mit warmer Kleidung angenehm ist. Dies alles verringert den Energieverbrauch und bremst die Freisetzung von Treibhausgasen deutlich." An den Schluss stellt das Magazin die Frage: "Was ist mein effektivster Beitrag zum Umweltschutz?". Während eines 75 Jahre währenden Lebens ist ein durchschnittlicher Europäer für 900 Tonnen CO2-Emissionen verantwortlich. Amerikaner und Australier kommen auf mehr als 1500 Tonnen. "So drakonisch es klingt, die Antwort muss sicher sein, die Fortpflanzung einzustellen."