Neuer ForschungsansatzHilfe für Analphabeten
In Deutschland leben etwa vier Millionen Analphabeten. Die meisten von ihnen schämen sich und schummeln sich mit Ausreden durchs Leben. Nun könnte ein neues Trainingsprogramm Abhilfe schaffen.
Die Buchstaben um sie herum sind Feinde, erschweren ihr Leben, statt Orientierung zu bieten – schätzungsweise vier Millionen Menschen in Deutschland können nicht ausreichend lesen und schreiben, um den Alltag zu bewältigen. Nur 21 000 Betroffene versuchen in Alphabetisierungskursen an den Volkshochschulen, die Buchstaben zu ihren Freunden zu machen, Lesen und Schreiben zu lernen.
Um mehr Menschen dabei zu helfen, entwickeln an der Universität Magdeburg Neuropsychologen ein neues Trainingsprogramm für die sogenannten funktionalen Analphabeten. Das Projekt von Universität, dem Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft und einem Unternehmen wird vom Bundesforschungsministerium gefördert. "Ihren Namen schreiben können alle, bei der Adresse wird es schon schwieriger", berichtet Ivonne Gerth über die Projektteilnehmer.
Neuer Ansatz in Ursachenforschung
In Osnabrück und Magdeburg hat ihre Kollegin Melanie Boltzmann in mühevoller Arbeit insgesamt 60 Analphabeten für das dreijährige Projekt gewonnen. "Das Thema ist mit sehr viel Angst behaftet", sagt Boltzmann. Die Teilnehmer haben alle eines gemeinsam: Sie können schlechter Lesen und Schreiben als ein Zweitklässler. "Manche schreiben nicht ein einziges Wort richtig." In Osnabrück absolvieren die Analphabeten von Montag bis Freitag ein strammes Schulprogramm.Verschiedenste Übungen, aber auch Ausflüge sollen sie Stück für Stück in die Welt der Buchstaben befördern.
Die Magdeburger Forscher haben dabei einen weitgehend neuen Ansatz. Statt einfach anzunehmen, dass die Menschen das Lesen und Schreiben allein aus sozialen Gründen nicht gelernt haben – etwa weil sie in den ersten Schuljahren oft krank waren oder sich um zahlreiche Geschwister kümmern mussten – gehen sie davon aus, dass die Defizite neurobiologische Ursachen haben.
Probleme beim Verstehen von Lauten
Projektleiter Jascha Rüsseler hat sich intensiv mit der Lese-Rechtschreib-Schwäche befasst und vermutet hier Parallelen. Legastheniker hätten Probleme beim Verarbeiten von Tönen und könnten daher ähnliche Laute wie "ba" und "da" nur schwer unterscheiden. Diese Wahrnehmungsprobleme führen dann zu den Lese- und Schreibschwierigkeiten. "Wir vermuten, dass Analphabetismus eine schwerere Variante ist", sagt der Psychologe.
Umfangreiche Untersuchungen des Gehirns und der Leistungen der Analphabeten sollen Klarheit bringen. Das Projekt eines von rund 30, das das Forschungsministerium im Rahmen der Weltalphabetisierungsdekade der Vereinten Nationen (2003-2012) als "Alphabund" unterstützt. Bis Anfang 2010 sollen erste Ergebnisse vorliegen. Ziel des Forschungsprojekts ist zum einen, die Abläufe im Gehirn zu ergründen, die zum Analphabetismus führen – dann aber auch ein Trainingsprogramm zu entwickeln.
Dabei wird ein neues Verfahren eingesetzt: Über Kopfhörer hören die Teilnehmer immer wieder erst einzelne Laute, dann Silben, Wörter und schließlich ganze Sätze und Texte. Das Besondere daran ist, dass die Töne ständig von links nach rechts wandern, vom einen Ohr zum anderen und zurück. Das soll die Verbindung der Hirnareale stärken, die an der Sprachverarbeitung beteiligt sind, erläutert Gerth.
Problem ist auch "pädagogische Aufgabe"
Funktioniert das Prinzip, soll das Trainingsprogramm auf einem handlichen MP3- Player entwickelt werden. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung, Peter Hubertus, unterstützt den Ansatz, einzelne Teilfähigkeiten in den Blick zu nehmen, die für das Erlernen des Lesens und Schreibens nötig sind. Allerdings hilft aus seiner Sicht nicht, das Problem allein medizinisch und therapeutisch anzugehen: "Das ist erstmal eine pädagogische Aufgabe, nicht eine medizinische, die therapeutisch angelegt ist."