Dienstag, 13. Juni 2006
Richtige Strategie hilft: Kampf dem Liebeskummer
Fast jeden Menschen trifft es mindestens einmal im Leben, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsstand: Liebeskummer ist ein verbreitetes, aber psychologisch kaum untersuchtes Phänomen.
"Dabei ist er bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen der häufigste Auslöser für Selbstmord, die zweithöchste Todesursache in dieser Altersgruppe nach Unfällen", weiß die Emotionspsychologin Annette Schmitt von der Universität Oldenburg. Doch auch ältere Menschen wirft eine Trennung vom langjährigen Partner oft aus der Bahn. Viele suchen dann Hilfe bei der psychologischen Beraterin Silvia Fauck, die in Hamburg Deutschlands einzige Praxis für Liebeskummer betreibt.
Fauck kennt die Leiden ihrer Klienten aus eigener Erfahrung. "Mein Partner hat vor Jahren per Fax mit mir Schluss gemacht. Da brach für mich von einer Sekunde auf die andere finanziell und seelisch alles zusammen. Seitdem kann ich meine Klienten noch besser verstehen", erzählt die 52-jährige Mutter zweier erwachsener Töchter. Wer zu ihr kommt, weiß alleine nicht mehr weiter. Viele leiden unter Angst und Depressionen, fühlen sich, als würde jemand mit Messern in ihren Eingeweiden herumwühlen, können nicht schlafen, finden alles zum Heulen, leiden unter Appetitlosigkeit oder Essattacken und sind von wilden Rachegefühlen geplagt. "Ich ordne die Gedanken meiner Klienten, reinige ihr Gemüt und gebe ihnen Kraft und Motivation, um ihr Selbstwertgefühl wieder zu stärken", sagt Fauck.
Die Reaktionen von Menschen, die die Liebe eines anderen verlieren oder enttäuscht über die Unerfüllbarkeit ihrer Sehnsucht sind, schwanken von leichten, kurzen Formen des Liebeskummers bis hin zu langer Verzweiflung. Wird der Leidensdruck so groß, dass jede Lebensfreude erlischt, man seinen Alltagspflichten nicht mehr nachkommen kann, sich abschottet und zu Alkohol oder Medikamenten greift, ist professionelle Hilfe von Psychotherapeuten oder auch Psychiatern angesagt.
"Liebeskummer zu bewältigen, bedeutet Trauerarbeit", sagt Schmitt. Ein schmerzhafter Lernprozess, bei dem es darum geht, loszulassen und sich selber aufzufangen. "Dabei ist es durchaus normal, wenn jemand auch nach 20 Jahren noch dann und wann melancholisch seiner verlorenen Jugendliebe nachhängt oder den Verlust des langjährigen Partners durch Tod bis zum eigenen Lebensende betrauert." Gesund sei, wer frei nach Freud "liebens- und arbeitsfähig" sei, meint die Privatdozentin. Aber bis dahin ist es für viele, die unter Herzschmerz leiden, ein langer Weg.
"Bei Liebeskummer Apfelmus", empfiehlt der Zeichner und Geschichtenerzähler Janosch mit einem Augenzwinkern. Doch wirklich schwerer Liebeskummer ist ein Ausnahmezustand, gegen den kein Kraut gewachsen ist. Was in erster Linie hilft, ist Zeit -und irgendwann mal eine neue Liebe. Bis dahin sind Gespräche mit guten Freunden wichtig, Sport, um Stresshormone abzubauen, Ablenkung durch Unternehmungen und der Mut, eigene Wege zu gehen. Die Psychologin Doris Wolf sieht in Trennungen durchaus auch die Chance für inneres Wachstum und einen Neuanfang. Ihr Kollege Peter Lauster betrachtet "Liebeskummer als Weg der Reifung".
Auch die Autorin Gerti Senger ist überzeugt, dass Liebeskummer zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen und kreatives Potenzial freisetzen kann. Zumindest beginnen viele Menschen in so einer Situation, ihre Wohnung zu renovieren oder Tagebuch, Gedichte und Songtexte zu schreiben. "Aus meinen großen Schmerzen mach' ich die kleinen Lieder", sagte schon Heinrich Heine, und Rockröhre Nina Hagen gab sich in "Alptraum" schamlos fiesen Rachegedanken hin: "Ich mach dich nachts zum Zitteraal, vibrierend in der Höllenqual, ich spieß dein' Kopf auf eine Latte, und dann frisst ihn 'ne fette Ratte, und als dicker fetter Clown komm ich dir auf die Fresse haun".
Männer gehen übrigens anders mit Liebeskummer um als Frauen. "Männer empfinden das Scheitern einer Liebe als persönliches Versagen und Gesichtsverlust. Sie sind Verdrängungskünstler und suchen meist sofort eine neue Partnerin - und damit ist das Thema für sie erledigt", meint Fauck. Frauen hingegen glaubten häufig schuld zu sein, wenn eine Beziehung zerbricht. "Frauen leiden mehr unter Liebeskummer als Männer, erleben mehr Depressivität, Wut, Selbstzweifel und somatische Beschwerden", stellte die Psychologin Ina Grau von der Universität Bielefeld in einer Studie fest. Kleiner Trost: Frauen durchlaufen die Phasen der Ablösung Faucks Erfahrung nach gründlicher und lernen daraus fürs Leben.
Brita Janssen, dpa
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