Mittwoch, 08. August 2007
Evolution des Menschen: Neue Hypothesen
Ein 1, 44 Millionen Jahre alter Kieferknochen weckt Zweifel am bisherigen Wissen zur Evolution des Menschen. Er lässt vermuten, dass die beiden Frühmenschenarten Homo habilis und Homo erectus für fast eine halbe Millionen Jahre Seite an Seite in Ostafrika lebten. Bisher hatten Experten angenommen, dass sich H. erectus aus dem früher lebenden H. habilis entwickelt hat. Die Wissenschaftler berichten im Fachjournal "Nature" über ihre Entdeckung.
Fred Spoor vom University College London und sein internationales Team um das berühmte Mutter-Tochter-Archäologengespann Meave und Louise Leakey entdeckten den Kieferknochen im Jahr 2000 östlich des Turkana Sees in Kenia. Aufgrund von Größe und Form der sechs erhaltenen Zähne ordneten die Forscher den Knochen der Frühmenschenart Homo habilis (geschickter Mensch) zu. Diese habe somit länger als bislang vermutet - und damit auch zeitgleich mit Homo erectus (aufgerichteter Mensch) - in Ostafrika gelebt. Homo erectus tauchte erstmals vor etwa 1,9 Millionen Jahren in Afrika auf.
Die Tatsache, dass beide Frühmenschenarten für lange Zeit nebeneinander gelebt haben, mache es unwahrscheinlich, dass sich H. erectus aus H. habilis entwickelt hat, schreiben die Wissenschaftler. Vermutlich hätten die beiden Arten unterschiedliche ökologische Nischen besetzt und dadurch direkte Konkurrenz vermieden. So gäbe es Hinweise darauf, dass H. habilis mehr pflanzliche Nahrung zu sich genommen habe, H. erectus hingegen mehr Fleisch und Fett.
Ganz ausschließen können die Forscher eine direkte Abstammung des H. erectus vom H. habilis allerdings nicht. Es sei denkbar, dass eine solche Entwicklung außerhalb des Überlappungsgebietes geschehen sei und sich die beiden quasi Arten nachträglich in der Turkana-Region getroffen hätten. Vermutlich aber stammten beide von einem gemeinsamen Vorfahren ab, der vor zwei bis drei Millionen Jahren in Afrika gelebt hat, schreiben die Forscher.
Mit einem weiteren Fossilienfund rüttelt das Forscherteam noch an einer anderen Hypothese zur Entwicklungsgeschichte des Menschen. Es handelt sich dabei um einen ausgesprochen gut erhaltenen Schädel eines H. erectus-Frühmenschen. Die Wissenschaftler datierten ihn auf ein Alter von 1,55 Millionen Jahren. Bislang nahmen Experten an, dass H. erectus abgesehen von seinem kleinen Gehirn dem modernen H. sapiens bereits sehr ähnlich war. Dies stimmt womöglich nicht. Der neu entdeckte Schädel ist nämlich ausgesprochen klein - genau genommen ist es der bislang kleinste gefundene H. erectus Schädel überhaupt.
Die Größenunterschiede zwischen den verschiedenen bislang gefundenen Schädeln seien so groß wie man es heutzutage unter anderem von Gorillas kennt, schreiben die Forscher. Bei diesen haben die männlichen Tiere sehr viel größere Schädel als die weiblichen und dieser Unterschied hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass die Tiere mehrere Partner haben. Womöglich habe es bei H. erectus ähnliche Geschlechtsunterschiede gegeben. Diese werden grundsätzlich als primitiv angesehen. Es sei denkbar, dass H. erectus eher polygam lebte und sich damit deutlicher vom heutigen H. sapiens unterscheidet als bislang vermutet.
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