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Mittwoch, 16. Juni 2010

Alltag im Reich der Düfte: Nicht allein die Nase riecht

Ein "Riechforscher" braucht keine gute Nase zu haben. Die hilft ihm nämlich nicht weiter, wenn es darum geht, dass Spermien Maiglöckchenduft aufnehmen können, die Prostata für Veilchenduft empfänglich ist und Jasmin wie eine Schlaftablette wirkt. Wie Riechforscher arbeiten, erklärt Hanns Hatt im Gespräch mit n-tv.de.

Duftstoffe sind es, die Spermien zu einer gezielten Richtungsbewegung veranlassen. Maiglöckchenduft zieht am besten. - Das fand das Bochumer Forschungsteam bereits 2003 heraus.
Duftstoffe sind es, die Spermien zu einer gezielten Richtungsbewegung veranlassen. Maiglöckchenduft zieht am besten. - Das fand das Bochumer Forschungsteam bereits 2003 heraus.(Foto: picture-alliance / dpa)

n-tv.de: Herr Hatt, Sie wurden kürzlich für die herausragende Vermittlung von Forschungsergebnissen ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch zum Communicator-Preis!

Hanns Hatt: Vielen Dank!

Von Ihnen haben wir gelernt: Es ist nicht allein unsere Nase, die mit Riechrezeptoren ausgestattet ist. Spermien können Maiglöckchenduft aufnehmen, und die Prostata ist für Veilchenduft empfänglich. Wie stößt man denn auf solche Erkenntnisse?

Das geht über Analysen des Genoms. Jede Zelle unseres Körpers enthält das gesamte Genom des Menschen. Wir besitzen, wie man inzwischen weiß, ungefähr 30.000 aktive Gene. Aber nicht jedes dieser Gene wird in jeder Zelle angeschaltet. Eine Leberzelle hat anderen Bedarf als eine Gehirnzelle oder eine Muskelzelle. Welche Gene in einem Gewebe angeschaltet werden, kann man inzwischen mit modernen Technologien nachweisen.

Für die verschiedenen Riechrezeptoren besitzen wir 350 Gene. Und es lässt sich herausfinden, ob in einer bestimmten Gewebezelle einige dieser Gene angeschaltet sind oder nicht. Mit dieser Zielsetzung kann man also Gewebe, die man im menschlichen Körper kennt, durchsuchen.

Gibt es neben der Nase, den Spermien und der Prostata noch andere Körperbestandteile, die Gerüche aufnehmen können?

Menschliche Prostatakrebszellen stellen den Rezeptor für Veilchenduft in großer Menge her. Dockt das Duftmolekül an, wird der Zelle ein Signal übermittelt, das die Teilung stoppt.
Menschliche Prostatakrebszellen stellen den Rezeptor für Veilchenduft in großer Menge her. Dockt das Duftmolekül an, wird der Zelle ein Signal übermittelt, das die Teilung stoppt.(Foto: Ruhr-Universität Bochum)

Wir haben uns erstmal auf die beiden Rezeptoren Spermien und Prostata konzentriert, denn selbst wenn man weiß, dass ein Gen in einer Zelle angeschaltet ist, sind noch bis zu drei Jahre Arbeit nötig, um herauszufinden, mit welchem "Duftstoff" der Riechrezeptor aktiviert werden kann. Und dann gilt es noch herauszufinden, was dieser Duftstoff in der Zelle bewirkt und welche Funktionen er hat. Dann geht die Arbeit also erst richtig los.

Das bedeutet, unter den unzähligen Gerüchen, die es gibt, gilt es den zu finden, für den eine Samenzelle empfänglich ist?

Genau. Wir haben eine riesige Bibliothek an Düften hier im Labor. Und dann probiert man nach dem "trial and error"-Verfahren einiges durch und hofft auf einen Treffer; auf einen Duft also, der den Rezeptor aktivieren kann. Das probiert man zunächst mit Hunderter-Duftmischungen, und wenn eine solche Mischung anspricht, dann muss man weiter unterteilen und im Detail schauen, welcher Duft nun für die Reaktion verantwortlich ist.

So sieht also der Alltag eines Riechforschers aus?

Ja, zumindest wenn uns die Rezeptoren außerhalb der Nase interessieren. Dann nehmen wir uns verschiedene Gewebe des Menschen vor, neben Spermien und der Prostata auch die Haut und den Magen-Darm-Trakt. Und dann beginnen wir zu suchen.

Also muss ein Riechforscher gar keine gute Nase haben?

Meine Nase brauche ich als Riechforscher eigentlich nur selten, wenn ich ehrlich bin.

Aber über die menschliche Nase sind einige Informationen schneller und einfacher zu beschaffen, wenn es darum geht, welcher Rezeptor welchen Duft riecht. Der Mensch hat 350 Rezeptoren, und gerade einmal von 10 bis 15 wissen wir mittlerweile, welcher Duft für den Rezeptor verantwortlich ist. Da ist also noch ein großes Erkenntnis-Potenzial. Und über Riechstörungen kommt man hier leichter zu Ergebnissen. Es gibt Menschen, bei denen z.B. erblich bedingt einer der Rezeptoren leicht verändert ist. Diese Menschen können dann einen bestimmten Duft nicht riechen. Wenn man auf einen solchen Menschen trifft, kann man über sein Genom das eine veränderte Rezeptor-Gen ausfindig machen und auf diese Weise schneller herausfinden, welcher Duft zu welchem Rezeptor gehört.

Bei diesem Experiment kommt nun auch meine Nase zum Einsatz. Wir schauen, ob ich für einen der Düfte, die wir testen, nasenblind bin. Dann könnte mein Genom aufschlussreich sein.

Bleiben wir bei der Nase. Wir nehmen stets Duftmischungen wahr. Da kann der Pampelmusenduft, der mein Gegenüber schlanker erscheinen lässt, hinter dem U-Bahn-Muff schon mal in den Hintergrund treten. Reagieren wir trotzdem auf den Pampelmusenduft, auch wenn wir ihn gar nicht bewusst wahrnehmen?

Wer nach Pampelmuse duftet, erscheint in den Augen seiner Mitmenschen schlanker.
Wer nach Pampelmuse duftet, erscheint in den Augen seiner Mitmenschen schlanker.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Nein. In diesem Fall wäre es nötig, den Pampelmusenduft als solchen wahrzunehmen, denn wir sind darauf konditioniert, ihn mit Schlankheit in Verbindung zu bringen.

Pampelmusenduft besteht aus einer Mischung unterschiedlicher Duftmoleküle und erregt deshalb verschiedene Riechrezeptortypen. Immer wenn ich diesen Duft in der Nase wahrnehme, senden die Riechzellen über ihre Nervenfasern einen Strom ins Gehirn, wodurch auch dort das charakteristische Aktivitätsmuster entsteht. Dieses wird dann zusammen mit anderen Sinneseindrücken, wie mit "schlank" oder "jung", abgespeichert. Wenn ich den Pampelmusenduft nicht wahrnehmen kann, stellt mein Gehirn die Verbindung zu "schlank" und "jung" nicht her.

Dann muss also auch Lavendelduft bewusst wahrgenommen werden, damit er entspannend wirkt?

Hier gibt es zwei Ursachen für die Wirkung. Wir haben herausgefunden, dass es in ätherischen Ölen verschiedene Duft-Moleküle gibt, die gar nicht über die Nase, sondern über die Atmung wirken. Von der Lunge gehen diese Komponenten direkt ins Blut über. Man kann sie auch mit Lotionen über die Haut aufnehmen. Die Duftmoleküle werden dann vom Blut zum Hirn transportiert und wirken dort direkt. Das ist bei allen Menschen gleich.

Jüngst herausgefunden: Jasminduft wirkt einschläfernd - auch über die Haut.
Jüngst herausgefunden: Jasminduft wirkt einschläfernd - auch über die Haut.(Foto: Wikipedia / B.navez)

In diesem Zusammenhang haben wir zum Beispiel gezeigt, dass eine bestimmte Duftkomponente des Jasmin im Gehirn wie ein Schlafmittel wirkt. Jasmin wirkt also bei allen Menschen beruhigend und einschläfernd.

Zusätzlich gibt es bei Düften aber noch die schon beschriebene Wirkung über den Lernprozess – wie eben beim Pampelmusenduft. Für eine solche Wirkweise ist es nötig, den Duft bewusst zu riechen. Wenn Sie beispielsweise immer ein bestimmtes Parfum auftragen, bevor Sie Autogenes Training machen, verbinden Sie den Parfum-Duft irgendwann mit Entspannung. Und dann können Sie sich das Autogene Training sparen. Dann entspannen Sie nämlich schon in dem Moment, in dem Sie das Parfum riechen.

Und wie ist das mit den Düften und der Partnerwahl?

Riecht anders. Riecht gut.
Riecht anders. Riecht gut.(Foto: picture-alliance / dpa)

Das ist eine alte Geschichte, die wir aus dem Tierreich kennen und die auch für den Menschen gilt: Jeder Mensch hat einen individuellen Körpergeruch, der durch bestimmte Gene entsteht. Je ähnlicher das Genom zweier Menschen ist, desto ähnlicher ist auch ihr Eigengeruch. Eineiige Zwillinge, die exakt die gleichen Gene haben, haben also auch den gleichen Eigengeruch. Familienmitglieder, die durch die Vererbung ähnliche Gene haben, riechen auch ähnlich.

Die Natur hat es nun so geregelt, dass zur Fortpflanzung immer zwei Individuen zusammenkommen, die möglichst unterschiedliche Gene haben. Inzucht ist immer schlecht, da können sich schlechte Gene durchsetzen. Unter Mäusen ist es daher so, dass Mäusefrauen immer einen Mäusemann suchen, der ganz anders riecht als sie selbst. Denn dieses Männchen hat dann auch ganz andere Gene. So ähnlich ist es beim Menschen auch, und so trägt der Geruch zur Partnerwahl bei.

Weg von der Partnerwahl, noch mal hin zu Gerüchen grundsätzlich: Ist es rein anerzogen, was wir als Duft und was als Gestank wahrnehmen?

Müll stinkt nicht in jeder Nase.
Müll stinkt nicht in jeder Nase.(Foto: picture alliance / dpa)

Ja. Was wir angenehm und was unangenehm finden, ist rein anerzogen und kulturkreisbedingt. Mit den Genen hat das nichts zu tun. Es gibt keinen Duft auf dieser Erde, den jeder als angenehm empfindet. Oder als unangenehm. Das richtet sich nach der Erfahrung mit dem Duft.

Haben Sie einen Lieblingsduft?

Alles, was mit Essen zu tun hat, mag ich: Gewürze, Basilikum und Rosmarin z.B. Und den wunderbaren Rosenduft aus unserem Garten. Wahnsinn!

Riechforscher Hanns Hatt
Riechforscher Hanns Hatt(Foto: Ruhr-Universität Bochum)

Prof. Dr. Dr. Dr. habil. Hanns Hatt hat den Lehrstuhl für Zellphysiologie der Ruhr-Universität Bochum inne und ist Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Zu seinen Veröffentlichungen zum Thema "Duft" gehören "Niemand riecht so gut wie du" und "Das Maiglöckchen-Phänomen".

Mit Hanns Hatt sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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