12.02.2012 22:43 Uhr Frankfurt 21:43 Uhr London 16:43 Uhr New York 06:43 Uhr Tokio
Suche
Wissen

Donnerstag, 01. März 2007

Fundsache, Nr. 108: Steinzeit-Europäer vertrugen keine Milch

Die meisten Steinzeitmenschen in Europa konnten noch keine Milch verdauen. Das belegen Erbgutanalysen bei neun Skeletten aus der Jung-und Mittelsteinzeit, die Mainzer Forscher zusammen mit britischen Kollegen in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften vorstellen.

Die Fähigkeit zur Milchverdauung hat demnach bei der Evolution der Europäer eine wesentliche Rolle gespielt. Während erwachsene Menschen in Europa vor 8000 Jahren überwiegend noch keine Milch verdauen konnten, seien heute mehr als 70 Prozent der Nordeuropäer dazu in der Lage, sagte der Anthropologe an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität, Prof. Joachim Burger, am Montag. Die Fähigkeit zur Milchverdauung hat nach seiner Einschätzung den "entscheidenden Vorteil bei der Entwicklung sesshafter Ackerbauern und Viehzüchter im mittleren und nördlichen Europa" gebracht.

Im Körper ist das Enzym Laktase dafür verantwortlich, Milchzucker und damit Milch zu verdauen. Im Säuglingsalter ist es zunächst in ausreichender Menge vorhanden, nach dem Abstillen wird es bei den meisten Menschen auf der Welt nur noch in geringem Maße produziert. Eine Ausnahme bilden Europäer und einige wenige Bevölkerungsgruppen in Afrika: Hier wird Laktase auch bei Erwachsenen gebildet, Milch kann verdaut werden.

Für ihre Studien haben die Mainzer Paläogenetiker gemeinsam mit Kollegen des University College London (UCL) Erbgutproben von neun Skeletten aus der Jung-und Mittelsteinzeit untersucht. Keiner dieser frühen Europäer konnte den Ergebnissen zufolge Milch verdauen. Die Schlussfolgerung der Forscher: Als die ersten domestizierten Ziegen, Schafe und Rinder vor rund 8000 Jahren nach Europa gebracht wurden, konnte die Mehrzahl der Bauern deren Milch nicht vertragen. Die kleine Minderheit, deren Körper auch im Erwachsenenalter Laktase produzierte, erlebte laut Burger von da an eine "evolutionäre Erfolgsgeschichte".

"Mit Milch konnte die hohe Rate der Kindersterblichkeit nach dem Abstillen reduziert werden", sagte der Mainzer Juniorprofessor. Zudem überlebten solche Familien ein Jahr mit schlechter Ernte besser. Der Londoner Populationsgenetiker Mark G. Thomas betonte, diese vererbte Fähigkeit müsse sich sehr schnell verbreitet haben -in Maßstäben der Evolution sind 8000 Jahre eine eher kurze Zeit. Professor Burger: "Nun scheint es wahrscheinlich, dass die heutigen Nord-und Mitteleuropäer eine kleine Gruppe von Milch trinkenden Viehbauern des fünften vorchristlichen Jahrtausend als ihre Vorfahren bezeichnen können."

Artikel versenden

Fundsache, Nr. 108: Steinzeit-Europäer vertrugen keine Milch

Empfänger
Ihre Informationen
Persönliche Mitteilung

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.