Wissen

Streit um Jagd auf BuckelwaleWalschützer fürchten um Fangverbot

24.02.2010, 14:56 Uhr
2pd00830-1
Die Inuit schöpfen ihre Fangquote nicht aus. Von daher ist unklar, warum Buckelwale für Grönland zum Abschuss frei gegeben werden sollen. (Foto: dpa)

Anfang März kommt die Internationale Walfangkommission zu einer Arbeitssitzung zusammen. Die Wogen schlagen hoch. Wer wird geschützt: Jäger oder Opfer?

Mit Tumult war die letzte Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) im Sommer auf Madeira zu Ende gegangen. Und Tumult herrscht nun schon vor der nächsten IWC-Arbeitssitzung in St. Petersburg (Florida): Grönland will nach Jahrzehnten wieder Jagd auf die symbolträchtigen Buckelwale machen. Ende der nächsten Woche (4./5. März) soll die Kommission über den Antrag entscheiden. Die für ihre Gesänge berühmten Buckelwale wurden Anfang des 20. Jahrhunderts bis an den Rand der Ausrottung gejagt, seit 1966 besteht ein absolutes Fangverbot in allen Weltmeeren. Doch nicht nur dieses, auch das allgemeine Walfangmoratorium, das seit 1986 für alle Großwalarten gilt, sehen Umweltorganisationen in Gefahr.

Keine Kontrolle, keine Regulierung

Grund ist ein Reformplan für die seit Jahren tief zerstrittene IWC, der von Deutschland mit ausgehandelt wurde. Der Plan sieht vor, alle Walfangaktivitäten unter die Kontrolle der Kommission zu stellen. Denn trotz des seit 24 Jahren geltenden Verbots für die kommerzielle Jagd werden weiter Wale gefangen: Norwegen und Island sind der IWC nur unter Vorbehalt beigetreten und fühlen sich nicht an das Moratorium gebunden. Japan nutzt ein Schlupfloch und jagt Wale unter dem Deckmantel der Forschung. Wissenschaftlicher Walfang wird von der IWC weder kontrolliert noch reguliert. 2008 waren 1930 Wale erlegt worden, 52 Prozent durch japanische Harpunen.

Der Reformplan würde den Walfang allgemein für zunächst zehn Jahre wieder erlauben - unter strengen Auflagen und mit festen Quoten. Die sollen von der IWC so festgesetzt werden, dass sie den Walpopulationen nicht schaden. Im Gegenzug müssten die Walfangländer sämtliche Jagdaktivitäten vollständig unter Kontrolle der Kommission stellen und einem bislang hart umkämpften Walschutzgebiet im Südatlantik zustimmen. Auf diese Weise will die Unterstützergruppe aus zwölf Ländern - einschließlich Deutschland - die Zukunft der Walfangkommission sichern, in der sich Walschützer und Walfänger derzeit beharrlich blockieren.

Zehn Buckelwale im Visier

Grundsätzlich einverstanden sind Walschützer mit dem so genannten Subsistenz-Walfang. Er erlaubt indigenen Völkern, eine kleine Zahl von Großwalen zur Selbstversorgung zu fangen. Den Antrag Dänemarks, zu dem Grönland als Autonomiegebiet gehört, künftig auch zehn Buckelwale zum Abschuss freizugeben, sehen viele jedoch als Provokation. Zumal Dänemark schon einmal mit dem Antrag gescheitert ist.

Die riesigen Buckelwale (Megaptera novaenagliae) sind symbolträchtig. Ihre spektakulären Sprünge sind der Höhepunkt von Walbesichtigungsfahrten. Die langen Brustflossen wirken in der Luft wie Flügel. Männliche Buckelwale bezirzen die Weibchen in der Paarungszeit mit Folgen von Pfeif- und Quietschtönen sowie tiefen und sonoren Rufen. Ihre Lieder sind in "Strophen" gegliedert und werden bis zu 30 Minuten in einer bestimmten Reihenfolge gesungen. Sie sind nach Angaben der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS die längsten und kompliziertesten Lieder, die aus der Tierwelt bekannt sind.

Bei der Nahrungssuche treiben sie ihre Beute gelegentlich mit einer Art "Fischernetz" zusammen. Das geht so: Die Wale schwimmen unter Wasser im Kreis und atmen dabei kleine Bläschen aus, die aufsteigen und die Fische wie in einem Netz einkreisen. Danach brauchen die Meeressäuger ihr Maul nur noch weit zu öffnen und können einen ganzen Schwarm von Fischen auf einmal schlucken. Buckelwale legen weite Strecken zurück. Im Winter bringen sie ihre Jungen im warmen Tropenwasser nahe dem Äquator zur Welt, im Sommer zieht es sie unter anderem in Grönlands Fjorde.

Inuit schöpfen Fangquote nicht aus

Dort waren sie bis jetzt zumindest offiziell geschützt. Zwar verhedderten sich in der Vergangenheit bis zu fünf Buckelwale im Jahr in Netzen, die für andere Arten ausgelegt waren, und starben. Dass Grönland jetzt auch gezielt wieder auf Buckeljagd gehen will, liegt nach Überzeugung des WDCS an der Qualität und dem Geschmack ihres Fleisches. Offiziell heißt es zwar, die indigene Bevölkerung brauche die Buckelwale, um ihren Nahrungsbedarf zu decken. Da die Inuit aber nicht einmal ihre Fangquote für andere Großwale ausschöpften und noch dazu reichlich mit Wild und Zuchtschafen versorgt seien, hält die WDCS den "Bedarf" für einen Vorwand.

Außer Vergeudung von Walprodukten durch uneffektive Schlachtung werfen sie den Grönländern vor, das Fleisch den IWC-Vorschriften zuwider nicht nur der indigenen Bevölkerung zu überlassen. Etwa 25 Prozent der Ausbeute würden kommerziell gehandelt und lande in den Kühltheken von Supermärkten, wo sie unter anderen auch Touristen zum Kauf angeboten werden, behauptet die WDCS. Auf Grönland, der größten nicht kontinentalen Insel der Welt leben gerade 55 000 Menschen, 88 Prozent von ihnen Ureinwohner. Nur 12 Prozent der Bevölkerung ist aus Europa eingewandert.

Ärgerlich ist der dänische Vorstoß für die Walschützer, weil er einen Keil zwischen die Europäer treibt. Deutschland setzt sich entschieden gegen die Jagd auf Buckelwale ein. Beunruhigend ist er auch, weil er Schule machen könnte. Auf Madeira hatte Südkorea überraschend angekündigt, wieder auf Waljagd gehen zu wollen.

Quelle: Von Gisela Ostwald, dpa