Frühe GeschlechtsreifeWichtiger als Körpergröße
Die hohe Sterblichkeit unter den Pygmäen ist indirekt verantwortlich für ihre geringe Körpergröße. Denn statt weiter in Körperwachstum zu investieren, werden sie früher geschlechtsreif als andere Menschen.
Pygmäen bleiben klein, weil sie früh sterben – und sich deshalb beeilen müssen, geschlechtsreif zu werden und Kinder zu bekommen. Diese Theorie stellen britische Forscher in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften auf. Die außergewöhnlich hohe Sterblichkeit unter den Pygmäen sei indirekt verantwortlich für die geringe Körpergröße dieser Menschen. Denn statt weiter in das Körperwachstum zu investieren, würden sie früher geschlechtsreif als andere Menschen. Angesicht der geringen Lebenserwartung sinke so die Gefahr, schon vor der Geburt des ersten Kindes zu sterben.
Unter dem Begriff "Pygmäen" werden Völker zusammengefasst, bei denen die durchschnittliche Körpergröße der Männer 1,55 Meter nicht übersteigt. Pygmäen gibt es in Afrika, aber auch in Teilen Asiens wie Malaysia, Thailand oder auf den Philippinen sowie in Südamerika. Verschiedene Theorien versuchen die geringe Körpergröße dieser Menschen zu erklären. So vermuten Forscher zum Beispiel, dass dies in dichten tropischen Wäldern eine Anpassung an den Lebensraum darstellt oder einer schlechten Nahrungsversorgung geschuldet ist. Keine dieser Erklärungen ist jedoch völlig überzeugend, da es auch Pygmäen-Völker gibt, bei denen die jeweiligen Kriterien nicht zutreffen.
Wachstumskurven verglichen
Andrea Bamberg Migliano und ihre Mitarbeiter von der University of Cambridge (Großbritannien) untersuchten nun zunächst die Wachstumsrate bei verschiedenen Pygmäen-Völkern und verglichen diese Daten mit Wachstumskurven von US-Amerikanern. Studien hatten gezeigt, dass bei schlechter Ernährungslage das Körperwachstum verlangsamt wird und der vollständige Stopp des Wachstums nach hinten verschoben wird. Steht genug Nahrung zur Verfügung, wachsen Menschen hingegen schnell, stellen das Wachstum aber früher ein.
Die Untersuchung ergab nun, dass die Wachstumsraten der Pygmäen eher denen normal großer Menschen glichen, sie hörten jedoch früher auf zu wachsen. Ihre geringe Körpergröße sei also eher auf eine kürzere Wachstumsdauer zurückzuführen und nicht auf eine geringe Wachstumsrate aufgrund von Mangelernährung, schreiben die Forscher. Andere Untersuchungen hätten gezeigt, dass auch der Höhepunkt der Fruchtbarkeit bei den Pygmäen früher erreicht ist als bei normal großen Menschen. Dies spreche für ihre Theorie, dass angesichts einer niedrigen Lebenserwartung das geringe Körperwachstum zugunsten einer früheren Geschlechtsreife quasi in Kauf genommen wird.
Mit Hilfe eines mathematischen Modells bestätigten die Forscher die Zusammenhänge: Der Vorteil einer frühen Geschlechtsreife wog dabei die Nachteile durch eine geringe Körpergröße auf. Warum die Sterblichkeit unter den Pygmäen so hoch und die Lebenserwartung so gering ist, sei bislang unklar. Die Lebenserwartung einzelner Pygmäen-Völker liegt zwischen 20 und 32 Jahren.