Donnerstag, 03. Januar 2008
"Wildtier des Jahres 2008": Wisent bald in freier Wildbahn
Stattliche 3,30 Meter lang und 2 Meter hoch kann so ein Bulle werden, und seine mächtigen Hörner sind ziemlich furchteinflößend: Die vor etwa 250 Jahren in Deutschland ausgestorbenen Wisente - Europas größte und schwerste Landsäuger - sollen schon bald wieder hierzulande in freier Wildbahn leben. Für gleich mehrere Projekte laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren - und Naturschützer hoffen, dass sich das "Wildtier des Jahres 2008" in Deutschland wieder heimisch fühlen wird. "Diese scheuen Pflanzenfresser sind für Menschen völlig ungefährlich", sagt der Projektleiter für das größte Vorhaben im Rothaargebirge, Uwe Lindner, um gleich derartige Bedenken gegen eine Auswilderung auszuräumen.
Auf etwa 4300 Hektar sollen im Rothaargebirge von 2009 an bis zu zwölf Wisente in die Freiheit entlassen werden. "Wir werden in den nächsten Monaten die Anträge auf Freisetzung der Tiere beim Umweltministerium von Nordrhein-Westfalen und auf finanzielle Förderung beim Bundesamt für Naturschutz einreichen." Ab Ende 2008 sollen die Wisente in einem 80 Hektar großen Auswilderungsgehege leben. "Nach einer mehrmonatigen Eingewöhnungsphase werden sie dann freigelassen." Initiatoren sind der Verein Taurus Naturentwicklung e.V. und das Fürstenhaus zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. "Wir wollen den Anstoß geben, dass Wisente wieder nach Deutschland und damit wohl erstmals nach Westeuropa zurückkehren", betont Lindner.
Paradiesische Bedingungen
Anders als im Rothaargebirge, wo nur an einer Seite ein Wildschutzzaun ist, sollen in der Döberitzer Heide in Brandenburg ebenfalls ab 2009 auf eingezäunten 3000 Hektar Wisente leben. Geradezu paradiesische Bedingungen für diese europäischen Bisons böten sich auf diesem einstigen Truppenübungsplatz, meint der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. "Die Tiere werden sich hier ihren Lebensraum selbst schaffen - sie beißen Jungbäume ab und schaffen sich so Lichtungen, auf denen Gräser und Kräuter wachsen, die sie besonders gerne fressen." Die Zäune sollen die urigen Rinder lediglich vor den Autobahnen schützen.
Das Bundesamt für Naturschutz in Bonn sieht die Projekte grundsätzlich positiv: "Es gibt eine große europäische Verantwortung für die Wisente - sowohl mit Blick auf den Arten- als auch auf den Biotopschutz wäre eine Wiederansiedlung wichtig", betont der Fachgebietsleiter Biotopschutz, Uwe Riecken. Auch der Sprecher der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild, Werner Koep, begrüßt die Vorhaben: "Es ist aber nicht zu prognostizieren, ob hier wirklich in wenigen Jahren wieder in Größenordnungen Wisente frei leben".
Widerstand gegen Wiederansiedlung
Gerade einmal 3500 Exemplare dieser bedrohten Tierart gebe es heute noch weltweit - in Zoos und in Freiheit. Der letzte "deutsche" freilebende Wisent (Bison bonasus) starb laut Koep anno 1755. Die in Freiheit lebende Population der ursprünglich von Spanien bis Sibirien vertretenen Wisente sei in den 20er Jahren erloschen - es lebten nur noch 54 Tiere in Gefangenschaft. Heute gibt es wieder größere Herden in Freiheit - unter anderem in Polen und Weißrussland.
Gegen eine Wiederansiedlung dieser schwergewichtigen Tiere - Bullen können bis zu 1000 Kilogramm wiegen - regt sich in Deutschland durchaus Widerstand, wie Lindner merken musste: So befürchten einige Bauern Fraßschäden und Hoteliers, dass ängstliche Besucher dann lieber nicht mehr ins Rothaargebirge kommen. Dazu meint Riecken vom Bundesamt für Naturschutz: "Sicher ist eine Wiederansiedlung nicht ganz ohne Risiko, aber es gibt viel gefährlichere Waldtiere - wie etwa Zecken."
Von Imke Hendrich, dpa
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