Samstag, 07. Januar 2012
Gehirn-Chip soll Abhilfe schaffen: Wissenswachstum überfordert uns
Das Wissen wächst, das menschliche Gehirn nicht. Für den Medienphilosophen Weibel ist der Mensch heillos überfordert. Ein Computerchip im Kopf könnte in Zukunft helfen.Der beständige Zuwachs an Wissen überfordert die Menschen. Davon ist der Karlsruher Medienphilosoph Peter Weibel überzeugt. Um die Informationsflut zu überstehen, müsse der Mensch die Leistung seines Gehirns und seiner Sinnesorgane verbessern, sagte Weibel in einem Gespräch. Ähnlich dem Brust- und Herz-Implantat könne es daher auch einmal ein Gehirn-Chip-Implantat geben. "Diese Vorstellung macht vielen Menschen Angst - aber sie folgt der Logik."
Der Mensch kontrolliere inzwischen die natürliche Umwelt einigermaßen erfolgreich. "Doch die Anzeichen mehren sich - von der Umweltkrise bis zur Finanzkrise -, dass er an der von ihm selbst geschaffenen künstlichen Umwelt zu scheitern droht", erläuterte Weibel. "In dieser explodierenden Wissens- und Mediengesellschaft muss der Mensch die technische Ausdehnung seiner natürlichen Sinnesorgane, bis hin zum Zentralorgan, dem Gehirn, verbessern, ähnlich dem Cloud Computing", sagte Weibel, der das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe leitet. Der Mensch müsse Teil der technischen Wissensrevolution werden, wenn er nicht ihr Opfer werden wolle.
Überforderung klar erkennbar
Der Medienphilosoph Peter Weibel leitet das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.
(Foto: picture alliance / dpa)
Inzwischen verdoppele sich das Wissen der Menschheit alle zehn Jahre. "Aber wer macht davon Gebrauch? Nur etwa ein Viertel des Wissens wird tatsächlich wahrgenommen und zwar nur von zehn Prozent der Menschheit." Daran lasse sich klar die Überforderung erkennen. Der Mensch könne aber nur dann Schritt halten, wenn er seine Natur verbessere. "Wir können das nicht mehr der Evolution überlassen."
Bereits in den vergangenen Jahrzehnten habe der Mensch seine Sinnesorgane mit technischer Hilfe enorm erweitert. "Wir horchen mit der Radio-Astronomie Millionen von Kilometer tief ins Weltall und zeichnen Töne von dort auf, die unser Ohr allein nie wahrnehmen könnte." Für Weibel steht der Mensch an der Schwelle einer von ihm selbst gesteuerten Evolution.
Ingo Senft-Werner, dpa
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