Interview mit Thomas RichterEin Interview mit dem Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands BVI

Herr Richter, sind die Deutschen sicherheitsbedürftiger als andere Nationen, und fällt uns deshalb der Zugang zum Kapitalmarkt bis heute so schwer?
Alle wollen Sicherheit, nicht nur die Deutschen. Sicherheit ist ein durchaus rationales Anlageziel. Entscheidend ist, den Unterschied zwischen echter Sicherheit und Scheinsicherheit sowie die Kosten dafür zu verstehen. Wichtig ist es daher, die Sparer über die Vorteile des langfristigen Sparens ohne Garantien aufzuklären. Auch ohne Garantien geht das Verlustrisiko bei einer breit gestreuten Aktienanlage auf lange Sicht gegen Null. Und je länger die Anlagedauer, desto größer sind die Renditechancen. Das Verständnis dafür wächst – das spiegelt sich nicht nur in der großen Zahl von Fondssparplänen wider, sondern auch in dem Anstieg bei den Wertpapierdepots. Die Bundesbank zählt inzwischen 37 Millionen Depots. Das sind 14 Millionen mehr als 2020, allein in den letzten beiden Jahren sind 6 Millionen hinzugekommen.
Dennoch gibt es Risiken. Angesichts der geopolitischen Spannungen gab es und kann es jederzeit wieder zu Marktverwerfungen kommen. Was raten Sie ängstlichen Anlegern?
Ihre Angst mit einem Blick auf die Vergangenheit zu überwinden. Marktphasen mit starken Schwankungen gab es immer wieder, zum Beispiel nach dem Platzen der Dotcom-Blase oder in der Corona-Krise. Anleger konnten jedoch selbst größere Kursverluste mit der Zeit wieder mehr als wett machen. Und auch wenn die Unsicherheit weiterhin groß ist – die Aktienmärkte sind erstaunlich robust.
Trotz dieser Unsicherheit wächst das Interesse an ETFs und Aktien gerade bei jungen Menschen enorm. Erleben wir momentan einen echten kulturellen Wandel?
Ja, jedoch hat er schon vor einigen Jahren eingesetzt und in der Corona-Krise zusätzlich einen Schub erhalten. Viele Menschen hatten Zeit und haben begonnen, sich intensiver mit privater Altersvorsorge und der Börse zu beschäftigen. Durch das neue Altersvorsorgedepot, mit dem die Sparer ab 1. Januar 2027 mit staatlicher Förderung in Fonds investieren können, wird diese Entwicklung weiter Fahrt aufnehmen.
Das ist schon das nächste Stichwort – Deutschland hat mit dem Altersvorsorgedepot nun endlich die Reform der privaten Altersvorsorge auf den Weg gebracht. Was wird sich gegenüber der Riester-Rente verbessern?
Es gibt zwei entscheidende Verbesserungen für Sparer: den Wegfall der Garantiepflicht und das Ende des Zwangs zu lebenslanger Verrentung. Genau diese Vorgaben haben sich bei der Riester-Rente als Konstruktionsfehler erwiesen. Sie verteuern die Produkte und schmälern die Rendite. Das Altersvorsorgedepot ermöglicht nun höhere Renditechancen und mehr Flexibilität. In anderen Industrieländern gibt es in der privaten geförderten Altersvorsorge zum Teil seit Jahrzehnten keinen Garantie- und Verrentungszwang mehr. Deutschland schließt mit dem Altersvorsorgedepot nun endlich international auf.
Sie haben also gar keine Kritik am Altersvorsorgedepot?
Nicht am Produkt. Ich kritisiere jedoch, dass der Staat mit einem eigenen Standardprodukt in den privaten Markt eingreifen will. Das ist international unüblich – aus gutem Grund. Denn der Staat wird den Wettbewerb verzerren, weil er Vorteile hat, die private Anbieter nicht haben. Das sind zum einen erhebliche Kostenvorteile, wenn das staatliche Produkt von Beamten verwaltet wird, die vom Steuerzahler finanziert werden. Zum anderen wird der Staat einen Vertrauensvorschuss haben. Viele Bürger werden annehmen, dass er im Krisenfall ihre Verluste ausgleicht. Diesem Druck wird sich die Politik kaum entziehen können, denn schließlich sind die Sparer auch Wähler. Ein staatliches Angebot im privaten Markt ist daher ein Irrweg – und leider wieder einer der berühmten deutschen Sonderwege.
Das nächste Projekt der Bundesregierung ist die Frühstart-Rente. Der Staat will für jedes Kind zwischen 6 und 18 Jahren monatlich 10 Euro in ein Depot einzahlen. Damit soll der Startschuss für die Altersvorsorge in das Kindesalter vorverlegt werden. Zugleich würden die Kinder frühzeitig an die Kapitalmärkte herangeführt und die Finanzbildung gestärkt. Wie bewerten Sie das?
Je früher Menschen für das Alter vorsorgen und sich mit Kapitalanlage beschäftigen, umso besser. Die Frühstart-Rente ist jedoch nur dann Altersvorsorge, wenn sie mit Erreichen des 18. Lebensjahrs nahtlos in das Altersvorsorgedepot mündet. Darüber hinaus bezweifele ich, dass die Frühstart-Rente die Finanzbildung in der Breite fördert. Denn die geplante staatliche Auffanglösung für Kinder, deren Eltern kein Produkt auswählen, läuft diesem Ziel zuwider. Wer automatisch in ein staatliches Produkt gelenkt wird, setzt sich kaum mit dem Kapitalmarkt auseinander. Diese Passivität wird sich im Erwachsenenalter fortsetzen, wenn das in der Auffanglösung angesparte Kapital in die geplante Kapitalente der gesetzlichen Rentenversicherung übergeht.
Die Finance 26 setzt mit dem Kidspark bewusst auf frühe Finanzbildung. Beginnt der Fehler in Deutschland möglicherweise schon in der Schule?
Solche Initiativen sind hilfreich, um Kinder an das Thema Geld und Finanzen heranzuführen. Entscheidend wäre jedoch, Finanzbildung systematisch in unser Bildungssystem einzubinden und verbindlich in den Lehrplänen bundesweit zu verankern. Auch die OECD empfiehlt Deutschland eine nationale Finanzbildungsstrategie. Die Umsetzung ist allerdings schwierig, weil Bildung in Deutschland Ländersache ist und es deshalb an einer einheitlichen Linie fehlt. Umso wichtiger sind ergänzende Angebote aus der Praxis. Deshalb unterstützen wir mit unserer Bildungsinitiative „Hoch im Kurs“ Schulen dabei, Jugendlichen ökonomisches Grundwissen zu vermitteln.
Wenn Sie heute einem 20-Jährigen einen einzigen Rat zum langfristigen Vermögensaufbau geben müssten – welcher wäre das?
Ich würde ihm empfehlen, so früh wie möglich damit zu beginnen, regelmäßig in einen Aktienfondssparplan zu investieren, selbst wenn es zunächst nur kleine Beträge sind. Die lange Anlagedauer, der Zinseszinseffekt sowie die breite Streuung der Kapitalanlage tragen maßgeblich dazu bei, über die Zeit ein beachtliches Vermögen aufzubauen.
Und zum Abschluss: Was muss passieren, damit Deutschland in zehn Jahren tatsächlich eine stärkere Aktien- und Investmentkultur entwickelt hat?
Dazu gehören für mich vor allem drei Dinge: Erstens die Öffnung des Altersvorsorgedepots für die betriebliche Altersvorsorge. Zweitens die Einführung der teilweisen Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rentenversicherung entsprechend den Empfehlungen der Alterssicherungskommission. Und drittens ein Mentalitätswandel in Politik und Regulierung: Die Finanzmarkt- und Wirtschaftsfeindlichkeit in vielen Köpfen behindern eine breitere Verankerung kapitalgedeckter Altersvorsorge in Deutschland. Sie glauben nicht, wie viele Politiker kapitalgedeckte Altersvorsorge als „Zocken mit der Rente“ bezeichnen. Das ist schlimm.