Der Tag

Der TagCancel Culture in der Türkei

21.10.2022, 08:45 Uhr

Die türkische Popsängerin Gülsen wollte nach eigenem Bekunden nur einen Scherz machen. Dass ihr wegen einer flapsigen Bemerkung irgendwann einmal bis zu drei Jahre Haft "wegen Volksverhetzung" drohen, hätte sie wohl damals nicht gedacht. Bei einem Konzert im April sagte die Sängerin, die "Perversität" eines Bandkollegen sei auf dessen Zeit an einer Imam-Hatip-Schule zurückzuführen. Ein sensibler Bereich für einen Scherz - denn die religiösen Bildungseinrichtungen sind eines der Lieblingsprojekte der türkischen Regierung und werden stark gefördert - auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erhielt dort seine Ausbildung.

  • Von diesem Freitag an muss sich die Künstlerin vor Gericht verantworten. Die 46-Jährige ist bekannt für ihre schrillen Auftritte, bei denen sie sich oft auch leicht bekleidet und mit ausgefallenen Outfits zeigt. Außerdem drückte Gülsen offen ihre Solidarität mit Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen (LGBT) aus.

  • Auch Popsängerin Aleyna Tilki zeigte sich solidarisch mit der LGBT-Gemeinschaft, weil auf einer Demonstration in Istanbul vor den Gefahren durch Homosexualität für Kinder und die Gesellschaft gewarnt wurde. Die 22-Jährige kritisierte mit einem Tweet die homophobe Aktion. Kurz danach wurde ihr Konzert Ende September abgesagt. Ihre Äußerungen seien nicht "mit unserer Kultur vereinbar" und hätten Betroffenheit in der Bevölkerung ausgelöst, hieß es von den Behörden.

  • Die Sängerin Melek Mosso wurde im Juni auf dem Internationalen Isparta Gül Festival ausgeladen, weil ultrakonservative Jugendverbände erklärten, dass Mosso Unmoral fördere. Die Künstlerin hatte sich in der Vergangenheit für Frauenrechte eingesetzt.

  • Oder das Konzert der Band Zakkum, das für September in Sanliurfa angesetzt war. Es wurde abgesagt, weil Vertreter von religiösen Vereinen aufgrund des Bandnamens Bedenken hatten. Bei Zakkum - zu Deutsch Oleander - handele es sich um eine Pflanze aus der Hölle. Dies sei in einer Stadt wie Sanliurfa, die Verbindungen zum Propheten aufweise, nicht angemessen. Erst nach einer Empörungswelle gaben die Behörden nach, das Konzert konnte doch über die Bühne gehen.

Nicht nur einzelne Künstler, sondern gleich ganze Festivals wurden diesen Sommer reihenweise "gecancelt". Viele Absagen wurden offiziell damit begründet, dass es Sicherheitsbedenken gebe. Der Vorsitzende des türkischen Berufsverbands für Musiker Mesam, Recep Ergül, hingegen hält die zahlreichen Verbote von beliebten Festivals für einen Versuch, Gesellschaft und Kultur nach den Belieben der türkischen Machthaber zu formen.

Quelle: ntv.de