Der Tag Erdbeben in der Türkei: Beweise für Pfusch am Bau
Mit Helmen und gelben Sicherheitswesten ausgestattet untersuchen 20 Anwälte dreistöckige Häuser in einem beliebten Viertel von Antakya. Ein rosa Gebäude mit Geschäften im Erdgeschoss ist so weit zur Seite gekippt, dass das Schild der Metzgerei auf der Höhe des Asphalts liegt. Das übernächste Haus ist komplett eingestürzt und eine Anwältin misst die Stärke der Stahlträger: fünf Millimeter - statt der vorgeschriebenen zwölf.
Im Rahmen von Ermittlungen gegen Bauunternehmer hat die türkische Polizei bereits 269 Verdächtige festgenommen. Aber Kritiker fragen sich, ob die engen Beziehungen des konservativen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zur Baubranche die Bereitschaft der Regierung, kriminelle Verfehlungen beim Bau ahnden zu lassen, beeinträchtigen könnten. Bei dem Erdbeben der Stärke 7,8 und den Nachbeben kamen mindestens 46.000 Menschen in der Türkei ums Leben, fast 6.000 im benachbarten Syrien.
"Wir prüfen das Baumaterial und die Stärke des Stahls", berichten die Anwälte. "Wir schreiben die Hausnummer auf, ob es drinnen Tote oder Verletzte gab, und schicken all die Informationen an die Anwaltskammer." Ein Kollege ergänzt: "Wir kontrollieren die Trümmer, bevor sie abgeräumt werden, damit die Beweise nicht verschwinden." Alles wird zentral gesammelt. Doch trotz der Bemühungen der Anwälte sind entscheidende Beweise bereits verschwunden, etwa die Trümmer der Luxus-Residenz Rönesans: Das Gebäude wurde zum Symbol für Pfusch am Bau, als es wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Hunderte von Bewohnern starben, auch der ehemalige ghanaische Fußballer Christian Atsu. Der zwölfstöckige Komplex war 2013 gebaut worden, was insofern von Bedeutung ist, da die Türkei zu diesem Zeitpunkt bereits die Bau-Vorschriften verschärft hatte - in Anlehnung an erdbebensicheres Bauen in Kalifornien. Als Journalisten den Ort Anfang März besichtigten, war fast der gesamte Schutt weggeräumt. Auf dem Boden lagen noch Koffer, Familienfotos und Spielsachen.
