Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Rettet den Spargel!

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Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Queens of the Stone Age - "Make It Wit Chu"

(Foto: imago images / agefotostock)

Weil die deutschen Landwirte bald in großer Not stecken könnten, wird einer ihrer Dachverbände jetzt erfinderisch: Eine Datingplattform soll arbeitslose Städter auf den Acker locken und verhindern, dass das Coronavirus auch noch den Spargel auf dem Gewissen hat.

Das Coronavirus ist, da sind wir uns wohl alle einig, ein ziemlicher Sauhund: Erst sperrt es uns pünktlich zum Frühlingsbeginn zu Hause ein, beraubt uns dann unserer sozialen Kontakte, um schließlich in aller Ruhe die Alten und Schwachen umbringen zu können. Jaja, schon klar, ein Virus hat keinen Willen, auch keinen bösen, aber wenn man so daheim sitzt und viel Zeit mit sich selbst und seinen Gedanken hat, dann kann auch ein kleines stacheliges Protein schnell mal zum Erzfeind werden. Was in jedem Fall besser ist, als die eigenen Ängste und seine schlechte Laune auf irgendwelche armen Chinesen oder Italiener zu projizieren, die nun wirklich gar nichts dafür können - aber das nur mal am Rande bemerkt.

Jedenfalls ist es in diesen Zeiten gar nicht so einfach, die Moral hochzuhalten. Gut funktioniert etwa, sich auf Kommendes zu freuen, was im Frühling ja eigentlich einfacher ist als, sagen wir, an einem grauen Januartag. In etwas mehr als zwei Wochen ist es zum Beispiel wieder Zeit für ein Gemüse, zu dem wir Deutschen eine fast schon erotische Beziehung entwickelt haben: Spargel. Von Bamberg bis Beelitz und zwischen Bardowick und Bruchsal schieben sich die dicken Stangen gerade aus der Erde und warten in ihrer ganzen reinweißen Pracht darauf, das Licht der Welt zu erblicken - nur ist gerade kaum jemand da, um ihnen mit scharfen Messern und fähigen Händen dabei zu helfen.

Bis zu 300.000 Saisonarbeiter kommen Jahr für Jahr als Erntehelfer aus den Balkanländern nach Deutschland. Dieses Jahr werden es bei weitem nicht so viele sein: Aus osteuropäischer Sicht ist Deutschland ein Corona-Hochrisikoland, zwischenzeitlich wurde sogar ein Einreisestopp verhängt. Der Spargel ist also in ernsthafter Gefahr, und natürlich nicht nur er, sondern auch alle anderen Feldfrüchte, für deren Ernte deutsche Landwirte normalerweise fest auf ausländische Saisonarbeiter angewiesen sind. Viele Bauern fürchten um ihre Existenz, und auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat wegen der drohenden Ernteausfälle bereits Alarm geschlagen. Das klingt alles erstmal ziemlich düster, aber weil diese Kolumne ja nicht "Schlechte Zeiten, schlechte Zeiten" heißt, gibt es selbstverständlich einen Silberstreif am Horizont - in Form all derer, die gerade eh nicht so genau wissen, wohin mit sich selbst.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

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Die Nachfrage nach der Erntehelfer-Datingplattform ist groß.

Innerhalb von nur vier Tagen hat der Maschinenring, ein selbstorganisierter Verband von rund 200.000 landwirtschaftlichen Betrieben, eine digitale Plattform auf die Beine gestellt, um den drohenden Aushilfskräftemangel zu stoppen. "Das Land hilft" vernetzt Landwirte mit den Millionen von Menschen im ganzen Land, die wegen Kurzarbeit oder Ähnlichem gerade zum Däumchendrehen verdammt sind - quasi ein Datingportal für die Scholle. Die Idee ist so simpel wie genial: (Groß)Städter sehen endlich mal wieder etwas anderes als ihren eigenen Balkon und können sich ohne schlechtes Gewissen etwas dazuverdienen - auf den Feldern ist schließlich genug Platz, um sich coronakonform gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Und die Landwirte müssen im besten Fall nicht mehr um ihre Ernten und Existenzen bangen.

Das Landwirtschaftsministerium hat jedenfalls bereits schnell und unkompliziert die rechtliche Situation angepasst: Wer in seinem regulären Job in Kurzarbeit gehen musste, darf in systemrelevanten Berufen wie der Landwirtschaft bis auf weiteres so viel dazuverdienen, dass am Ende des Monats der gleiche Nettolohn übrig bleibt - ohne Abzüge. Außerdem ist eine Arbeitnehmerüberlassung ab sofort auch ohne Erlaubnis möglich. Klingt kompliziert, ist im Nettotext aber ganz einfach: Wer arbeiten will, der darf das auch - und zwar ganz ohne die üblichen bürokratischen Hürden.

"Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Regale in den Supermärkten voll bleiben. Es darf nicht passieren, dass tonnenweise regionales Obst und Gemüse nicht geerntet werden können, weil Erntehelfer fehlen", heißt es auf der Website von "Das Land hilft". Die Bückerei mit dem Spargelmesser in der Hand ist also nicht nur finanziell sinnvoll, die frisch gebackenen Helfer rücken damit auch in den auserwählten Kreis der "Systemrelevanten" auf: In schwierigen Zeiten eine sinnvolle Aufgabe erfüllen zu dürfen, das ist vielleicht sogar noch wertvoller als das Geld, das sich damit verdienen lässt.

Drei Biodeutsche auf einen Rumänen?

Bereits nach zwei Tagen haben sich bereits rund 20.000 Menschen auf der Plattform angemeldet, und das fast ganz ohne Werbung. Die Nachfrage ist also gewaltig, allerdings stellt sich jetzt eine andere Frage: Sind wir überhaupt noch hart genug, um auf den Spargelfeldern der Republik zu arbeiten? Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, und das bei Wind und Wetter - harte Feldarbeit dürfte für die meisten Arbeitnehmer ein Novum sein. Mindestens drei biodeutsche Ersatzhelfer bräuchte es, um einen rumänischen Spargelstecher zu ersetzen, heißt es deshalb auch aus gewissen Kreisen niedersächsischer Spargelbauern.

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Irgendeiner muss es ja machen: Spargelstecher bei der Arbeit.

(Foto: dpa)

Ich kann das nur schwer nachvollziehen: Wenn ich sehe, wie energisch alleine meine Mutter jahrein, jahraus um die Vorherrschaft in ihrem Garten kämpft, wüsste ich nicht, wie irgendein dahergelaufener Spargel auch nur den Hauch einer Chance haben sollte, gegen sie zu bestehen. Im Raum Bamberg, in dem sie wohnt und in krisenfreien Zeiten in der Gastronomie arbeitet, muss man sich also schon mal keine Sorgen um die Ernte machen. Und weil mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht nur meine Mutter weiß, wie man die Zähne zusammenbeißt, glaube ich fest an den Erfolg von "Das Land hilft". Die Macher übrigens auch: Eine branchenübergreifende Version der Plattform ist bereits in Planung.

Ich dachte eigentlich immer, dass die Queens of the Stone Age in "Make It Wit Chu" - unserer heutigen musikalischen Untermalung - von Sex singen, glaube aber seit heute, dass ich mich geirrt habe: "I ain't here to break ya, just see how far it will bend", da kann es ja eigentlich nur ums Spargelstechen gehen, oder etwa nicht?

Quelle: ntv.de