Leben

Männer? Die Kolumne. Alte weise Männer

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Reiner Zufall: Licht und Schatten über dem (noch) amtierenden Präsidenten Trump.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Seit mehr als zwei Wochen läuft direkt unter unserem Corona-Ticker ein Newsfeed zur US-Wahl, dank eines alten weißen Mannes mit teils absurden Nachrichten. Doch die Zeitenwende kommt - und dabei werden nicht nur die Konsonanten weicher.

Als die US-Amerikaner am 3. November einen neuen Präsidenten wählen sollten, war ich ein bisschen traurig. Einerseits, weil einiges danach aussah, als würde der Trumpsche Alptraum noch vier Jahre so weitergehen. Andererseits aber auch, weil vor zwei Wochen meine nächste Kolumne noch ziemlich genau zwei Wochen weit entfernt war - und all die schönen Aufhänger zu Themen wie falsch verstandener Männlichkeit, schlecht kaschierten Minderwertigkeitskomplexen und aggressivem Angstverhalten, die der Präsident da an den Tag legte, in der Zwischenzeit (von mir) unkommentiert vorbeitreiben würden.

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Bis auf das fortgeschrittene Alter trennt diese beiden Männer so einiges.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Ich hatte die Rechnung allerdings mal wieder ohne den Nachrichtenwert dieses Präsidenten gemacht, der mittlerweile ein scheidender ist, nachdem er die Wahl am Ende dann doch noch relativ klar verloren hat. Aber weil in der Welt von Donald Trump ein Donald Trump niemals ein Verlierer sein kann, ignoriert The Don lieber die Realität, weigert sich, das Weiße Haus zu verlassen und rüttelt als Möchtegern-Diktator lieber an den Grundfesten der ältesten Demokratie der Welt. Dass ich trotzdem ganz und gar nicht traurig bin, hat einerseits damit zu tun, dass sich diese Demokratie ziemlich erfolgreich mit Händen und Füßen dagegen wehrt - und andererseits damit, dass ich meine Gedanken zur Wahl nun doch endlich noch an die Frau und den Mann bringen kann.

Kein dekoratives Element

Blöderweise kommen sie mir mittlerweile schal und abgegessen vor. Wie verheerend es sein kann, wenn ein verkümmertes Selbstwertgefühl, eine ordentliche Prise Narzissmus und ein gleichermaßen aufgeblasenes wie winzig kleines Ego vier Jahre lang das mächtigste Amt der Welt innehaben, hat schließlich jeder gesehen. Trump entspricht so sehr dem Klischee des alten weißen (manche würden sagen: orangenen) Mannes, dass er eigentlich nur noch als Karikatur taugt. Weil zumindest mir aber das Lachen darüber in der abgelaufenen Amtszeit vergangen ist, habe ich beschlossen, ihm ab sofort schlicht und ergreifend überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken. Stattdessen soll es heute um die Zukunft gehen, die in diesem Fall noch einmal fast vier Jahre älter als der 74-jährige T*** ist.

Joe Biden ist auf den ersten Blick der Inbegriff des alten weißen Mannes, und das nicht nur optisch und in Lebensjahren betrachtet. Er gehört seit den 1970ern zur politischen Elite und genießt mindestens ebenso lange all die Privilegien, die männlichen weißen Amerikanern in dieser Position zur Verfügung stehen. Aber, und das ist in meinen Augen der entscheidende Unterschied: Er nutzt seine Schlüsselwirkung, um die Türen auch für andere, weniger privilegierte Bevölkerungsgruppen zu öffnen.

Mit Kamala Harris, bei den Vorwahlen im Frühling noch deutlich unterlegen, wird nun zum ersten Mal eine Frau US-Vizepräsidentin, obendrein eine Schwarze mit indischen Wurzeln - ausgefallener geht's im politischen Washington derzeit kaum. Und wenn man sich die Auftritte der beiden in den vergangenen Wochen genau angeschaut hat, scheint klar, dass Harris ganz und gar nicht das dekorative Element sein wird, das Vizepräsidenten in den USA normalerweise sind - sondern eher eine zweite Präsidentin, mit ausdrücklicher Option, beizeiten zur Nummer eins aufzusteigen.

"Sleepy Joe" macht's möglich

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Es ist alles andere als selbstverständlich, eine derart ambitionierte Person - egal, ob männlich oder weiblich - neben sich zu akzeptieren oder sie gar proaktiv zu sich zu holen. Noch dazu eine, die so weit von der eigenen Lebenswirklichkeit entfernt ist: "Die Alten haben Angst vor den Jungen, fürchten, ins Abseits zu geraten und halten an allen Privilegien fest", habe ich passend zum Thema vor ein paar Ausgaben geschrieben. Dass in den USA dagegen gerade ein geordneter Generationswechsel ansteht und ausgerechnet der designierte Präsident des Landes ihn vorantreibt, finde ich deshalb umso bemerkenswerter.

Es ist einfach, den bisweilen als "Sleepy Joe" titulierten Biden zu schmähen oder ihn wegen seiner oftmals arg unbeholfenen Auftritte und Ansprache zu verlachen. Für mich ist der bald 78 Jahre alte Demokrat aber trotz alledem ein alter weiser Mann - und das vor allem wegen seiner Fähigkeit, anzuerkennen, dass er nicht die Lösung für die auf die restliche Welt übertragbaren Probleme Amerikas im 21. Jahrhundert ist, sondern vielmehr ein Steigbügelhalter. Oder, und das ist vielleicht der schönere Begriff an dieser Stelle: ein Ermöglicher der Dinge, die da kommen.

Quelle: ntv.de