Leben

Hannah Sophie Dunkelberg Bildhauerin mit ordentlich PS im Blut

Credits_Nils Müller @onetouchnilsone.JPG

Hannah Sophie Dunkelberg: "Jetzt frage ich mich schon, was mache ich als nächstes?"

(Foto: Nils Müller @onetouchnilsone)

Alltägliches denkt sie neu. Abstrakt, und dennoch vertraut: Die Bildhauerin Hannah Sophie Dunkelberg trifft mit ihren Skulpturen gekonnt den Nerv der Kunstwelt. Jetzt präsentiert sie ihre erste Solo-Ausstellung. ntv.de hat sie vorab in ihrem Atelier besucht.

Der Motor heult auf. Und die frisch eingesetzen, riesigen Scheiben der renovierten Neuen Nationalgalerie zittern. Vor Ehrfurcht. Das, was da so laut brüllt, ist eine originalgetreue Kopie des allerersten legendären BMW-Art Cars. Der amerikanische Künstler Alexander Calder hat es 1975 gestaltet, ein Jahr später starb er, und so bekam er nie den ihm zustehenden "artist proof". Den hat sein Enkel jetzt in Berlin abgeholt und das wertvolle Auto nach New York gebracht. Die PS-starke-Performance ist beendet. Wer aber mehr dieser ikonischen Fahrzeuge sehen möchte, kann das aktuell im Kunstraum in Potsdam. Dort hat Hannah Sophie Dunkelberg ihre erste eigene Ausstellung. Unter dem Titel "L‘Esprit Nouveau" lässt sie gleich mehrere dieser Rennwagen durch den Raum flitzen. Nun gut, sie sind etwas kleiner als das Original, und die Künstlerin hat alle übermalt.

Credits Benjamin Maus.JPG

Der aha-Effekt stellt sich auf jeden Fall ein.

(Foto: Benjamin Maus)

Übermalt? Ja, genau. Jeff Koons, Andy Warhol und eben auch Alexander Calder tragen nun Werke im Stil von berühmten Künstlerinnen wie Sonja Delaunay oder Hilma af Klint. "Ich fand die Art Cars toll, habe aber nach einem Event hier in Berlin festgestellt, dass fast nur Männer beauftragt wurden", erzählt die 33jährige n-tv.de beim Besuch in ihrem Atelier. "Dabei gab es doch auch damals phantastische Künstlerinnen." Ein altbekanntes Phänomen, dem sich Hannah Sophie Dunkelberg so einfach wie clever angenommen hat: Sie hat Art-Car-Modelle aus dem Internet zusammengekauft und sich an die Arbeit gemacht. Mit gekonntem Pinselstrich die Kunst von Künstlerinnen auf den Wagen nachempfunden. Dabei wollte sie nicht überstülpen, sondern augenzwinkernd ein Bewusstsein anstacheln - der Aha-Effekt kommt sanft aber doch gewaltig um die Ecke.

Ihr Atelier liegt am Rande des Tempelhofer Felds, "am Ende der Welt", wie sie sagt, in einem eher unwirtlichen Gewerbegebiet. Hinter der Tür in einem sehr nüchternen Gang taucht sie in ihren Kosmos. Der ist gut 100 Quadratmeter groß und momentan sehr vollgestellt: "Alles Kunstwerke, die demnächst abgeholt werden, für Potsdam und Basel", entschuldigt sie. Wie sieht ihr Tag hier aus? "Wenn ich weiß, dass ich nicht so viel bauarbeiten muss, dann gehe ich erstmal laufen." Die Nähe zum alten Flughafen-Gelände mitten in der Stadt macht sich bezahlt. Und als Bildhauerin muss man fit sein, um mit Stahl, Holz und anderen Arbeitsstoffen hantieren zu können.

First things first

"Um hier anzukommen, gibt es aber erstmal Kaffee und meine Bananenpalme wird gegossen", lacht sie. Sie muss zudem Mails erledigen, ganz klassisch, wie im Büro. Etwas, was sie eigentlich nie machen wollte. Während eines Praktikums bei einer Wochenzeitung in Hamburg wurde ihr klar, dass sie nicht den ganzen Tag von Montag bis Freitag am gleichen Platz sitzen möchte. "Das nahm mir den Atem. Mein Vater hat eine Firma für Sanitärarbeiten, ist immer unterwegs, trifft ständig Leute. Als ich da so saß, in diesem kleinen Raum, wurde mir klar, dass ich an die Kunsthochschule möchte."

Hannah-Dunkelberg-5276_small.JPG

Die Anfertigung eines Reliefs kann schon mal Wochen dauern.

(Foto: Hannah Dunkelberg)

Gedacht, getan. An der Berliner Universität der Künste konnte sie sich ausprobieren. Da hatte sie endlos viele und unterschiedlichste Materialien zur Verfügung. Das war "eine Spielwiese für jemanden wie mich, der das Handwerk liebt. Es kann sein, dass ich in meinem Atelier drei Tage durchschweißen muss. Dann steht hier eine Rauchwolke. Oder ich klebe tagelang penibel bestimmte Aufkleber auf Objekte auf. Aber das ist das Schöne, ich suche mir die Aufgabe." Wenn sie an ihren Reliefs arbeitet, liegen Holzplatten auf dem Boden und sie läuft schon mal Wochen hin und her, fräst Spuren hinein. "Es fällt mir schwer, loszulassen und zu sehen, wann das Objekt fertig ist." Sie schafft es schließlich und hat Raum für völlig Neues.

Die Idee mit den Art Cars lag nah - bisher hatte sie nur niemand. Es sind diese überraschenden Momente, die die Arbeiten der Bildhauerin so faszinierend machen: Da liegen Ringe aus Keramik auf dem Boden und man weiß nicht recht, sind es Donuts, Rettungsringe oder eben doch nur Kreise aus Ton? Ein großer, raumteilender Paravent ist aus durchsichtigem Material. Ist er damit nicht sinnentleert? Riesige Schleifen aus Stahl und in Lackfarbe baumeln an Ketten von der Decke. Sind das Deko-Objekte für eine abgesagte Hochzeit? Typisch für Hannah Sophie Dunkelberg - nur wer genau hinschaut verliert sich in endlosen Gedankenschleifen. Entdeckt beständig anderes.

Mehrere knallbunte, abstrakte Säulen entpuppen sich bei genauer Betrachtung als Kachelöfen. Dunkelberg präsentiert sie auf der Liste der Art Basel, der wichtigsten Kunstmesse der Welt. Sie hat sie aus Sperrholz gebaut und mit einer hauchdünnen Samtschicht überzogen. Diese Skulpturen strahlen heimelige Wärme aus, die sie ja einst spenden sollten, obwohl sie bei ihr doch funktionslos sind. Dieses Anstatt-Denken prägt ihre Arbeit. "Dinge, die ich im Alltag entdecke, inspirieren mich. Sachen, mit denen sich Menschen umgeben, wie sie damit leben." Die Öfen haben eigentlich ganze Häuser warm gehalten, und sie erzählen davon, wie Menschen sich eingerichtet haben.

Das Menschsein verarbeiten

20210910-_BP_8178.JPG

Ein Kachelofen ist nicht immer nur ein Kachelofen ....

Gedanklich zieht Hannah Sophie Dunkelberg ihr Publikum mit den Skulpturen in eine andere Welt. Durch das Material, das sie verwendet, landet es jedoch im Jetzt. Das Material verbindet dann diese zwei Welten. "Ich befinde mich hier, denke über das Damals nach und sehe gleichzeitig das Morgen. Dabei überlege ich, wie das alles zusammenhängt, wie wir das Menschsein verarbeiten", versucht sie ihre Arbeitsweise zu beschreiben. Alles, was um das Dasein, das Thema Mensch und um alltägliche Dinge kreist, interessiert sie. "Es fällt mir schwer, etwas in Worte zu fassen, daher mache ich Kunst."

Sie sagt es mit der ihr eigenen Leichtigkeit. Sie kommt offen daher, und ist zugleich ein nachdenklicher Typ. Bevor sie sich entschied Künstlerin zu werden, hat sie in Hamburg Illustration und Philosophie studiert. Mit sicherem Gespür zerlegt sie jetzt das Alltägliche, das ihren Weg kreuzt, in poetische teils absurde Kunstwerke. Dass sie sicher mit Sprache umgehen kann, und eine Freundin des Wissens ist, verraten die amüsanten Titel, die sie ihren Skulpturen häufig gibt. Da wird um die Ecke gedacht.

Credits Andrés Galeano.JPG

Für mehr Sichtbarkeit von Künstlerinnen übermalt Dunkelberg die BMW Art Cars.

(Foto: Andrés Galeano)

Die gebürtige Bonnerin verarbeitet neben Stahl auch Polystyrol, Plexiglas, Styropor, Hartfaserholz und Autolack. Fertige Reliefs wirken wie Malerei, sind aber eine Skulptur –­ Objekt und Bild zugleich. Sie selber sieht sich auch als "Bild–Objekt–Hauerin". Mit Plastik zu arbeiten mag in Zeiten des Klimawandels nicht nachhaltig sein, aber Dunkelberg hat hier jede Neuentwicklung im Blick und wartet nur darauf, endlich mit recyceltem Kunststoff arbeiten zu können, der ihren Anforderungen gerecht wird.

Die Universität der Künste in Berlin hat sie 2019 verlassen, im Anschluss permanent an Gruppenausstellungen quer durch Europa teilgenommen. Sie wird von gleich zwei Galerien betreut, die ihre Objekte gut verkaufen. Sie ist mit ihrer Kunst präsent, so scheint es. Für Hannah Sophie Dunkelberg läuft es momentan und sie kann von ihrer Arbeit leben, was nicht selbstverständlich ist. Jetzt also die erste Solo-Ausstellung im Kunstraum Potsdam. Ist sie aufgeregt? "Ich freue mich total darauf. Die Planung lief ein Dreivierteljahr und ich konnte in Ruhe an meinen Sachen arbeiten. Jetzt frage ich mich schon, was mache ich als nächstes?"

Sie überlässt nun den Betrachtern ihre Ideen, lässt sie schwanken zwischen Konkretem und Abstraktem. Und verführt sie, Banales nochmal anders zu sehen. So wie die ikonischen Art Cars, die plötzlich für mehr Sichtbarkeit für Künstlerinnen werben. Gemacht von einer jungen Künstlerin, die auf der Erfolgsspur fährt und die auf ihrem Weg sicher wieder etwas total Unauffälliges bemerkt, um daraus Unerwartetes zu schaffen.

Kunstraum Potsdam, Schiffbauergasse 4 d, 14467 Potsdam, "L’Esprit Nouveau" ist Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr geöffnet.

Mehr Informationen gibt es bei bei office impart und zur Liste Art Basel bei der Galerie Efremidis

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.