Leben

"Mid Carreer" und Lady Gaga Brigitte Waldach bringt Provokation weiter

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Brigitte Waldach: Dilettantismus ist Handicap und Chance zugleich.

(Foto: theothercara)

Brigitte Waldach zerlegt Sprache und benutzt Schrift für ihre Bildmotive. Ihre Werke kreisen um Themen wie Radikalisierung oder Gedichte. Gerade hat sie den Marta-Preis der Wemhöner Stiftung erhalten, zwei Solo-Ausstellungen laufen. ntv.de hat sie in ihrem Berliner Atelier besucht.

Brigitte Waldachs Atelier liegt in einem Hinterhof im Berliner Bezirk Wedding, man betritt es über eine schmale Wendeltreppe. Im obersten Stock angekommen steht der Besucher vor einer kleinen, sehr aufgeräumten Küchenzeile, einem kornblumenblauen Charles Eames-Sofa und wird von einem schwarz-weiß Porträt von Samuel Beckett angeguckt, das Vera Mercer 1965 aufgenommen hat. "Der irische Schriftsteller ist einer meiner Helden", grüßt Brigitte Waldach gut gelaunt.

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Ist der Begriff Schönheit weiblich? Wahrscheinlich.

(Foto: theothercara)

Wer sich in Waldachs Kunst vertieft, dem eröffnen sich bezaubernde oder verstörende Gedankengebirge. Dabei fängt es ganz harmlos an: Mit klaren, sehr strukturierten Zeichnungen. Oft malt die 54-Jährige mit Bleistift auf Papier und benutzt für raumfüllende Installationen ein rotes elastisches Band. Alles wirkt verblüffend zart und leicht. Die tiefgründigen Denklandschaften von Waldach befinden sich in zahlreichen Museen wie der Albertina, der Berlinischen Galerie, im Düsseldorfer Kunstpalast oder im Aros in Aarhus. "Sie sind auch in diversen Privatsammlungen quer durch Deutschland zu finden, wurden aber auch schon von Elton John oder Drew Barrymore gekauft", erwähnt Waldach lächelnd. Zu Beginn ihrer Karriere hatte sie einen Galeristen in Los Angeles. Das klingt jetzt ziemlich glamourös, ist ihr aber eher egal. Eine nette Geschichte ist es trotzdem. Seither weiß sie, wie es läuft mit den großen Kunstmessen und schicken Sammler-Parties und ist davon nur schwer zu beeindrucken. Gesucht hat sie das alles nicht, "mir waren meine Themen wichtiger."

Die gebürtige Berlinerin war Meisterschülerin bei Georg Baselitz. Die in der Kunst gern geführte Diskussion, um den "alten weißen Mann" als Feindbild wenigstens anzureißen, liegt daher auf der Hand. Brigitte Waldach lacht: "Da finde ich die Betrachtung von Zeit wichtig: Baselitz hat jetzt ein hohes Alter, alles, was er sagt, kommt aus seiner Erfahrung und hat für ihn Relevanz, weil er die Dinge erlebt hat." Gut, aber der berühmte Maler hat in einem Interview behauptet hat, dass Frauen nicht malen können. Kann sie das als seine Schülerin so stehen lassen? "Das ist pure Provokation, er hat danach auch gesagt, dass er ebenfalls nicht malen kann. Dilettantismus ist ein Handikap und eine Chance. Provokation bringt uns weiter. Baselitz hat schon als Lehrer provoziert, das war eine Art Stilmittel in seinem Unterricht. Je nachdem, wie du aufgestellt bist, öffnest du dich oder eben nicht. Mein Studienkollege Norbert Bisky hat durch ihn zu seinem Thema gefunden." Auch bei ihr war das so: Eigentlich dachte sie, die existentiellen Themen, die sie beschäftigten, müsste sie für sich selbst und nicht in ihrer Kunst klären. Aber: "Baselitz hat mich bestärkt, solche Themen eben doch künstlerisch auszuarbeiten."

Kunstwerke müssen ästhetisch sein

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Waldach arbeitet gern mit Farben.

(Foto: theothercara)

Zeichnungen, Textzitate oder einzelne Worte verschmelzen in ihren Bildern. Dass ihre sperrigen, komplexen und substantiellen Themen dabei so schön anzusehen sind, ist von ihr gewollt. "Es wäre sonst unerträglich, Kunstwerke müssen ästhetisch sein. Inzwischen arbeite ich zunehmend farbig. Früher dachte ich, je weniger Farbe auftaucht, um so mehr Freiräume schaffe ich." Sie arbeitet gern mit Überlagerungen - nicht alles ist sichtbar: "Es ist für mich spannend, wer welchen geschriebenen Begriff zuerst sieht", so die Künstlerin. Ist es eine weibliche Sicht auf die unst, sich um die Schönheit des Bildes Gedanken zu machen? "Nein, aber vielleicht ist es weiblich, den Begriff Schönheit zuzulassen. Ich habe immer nach dem Authentischen und Kraftvollen gesucht. Ob etwas männlich oder weiblich ist, darüber habe ich nicht nachgedacht. Unterschiedliche Ansätze in einem Werk wecken meine Neugier. Madonna oder Lady Gaga, die beispielsweise durch ihre Kleidung mit Klischees und dem männlichen Blick spielen und so Feminismus auch mal ironisieren, das finde ich zeitgemäß."

Sie lacht oft und sagt von sich, dass sie Humor hat, "der ist vielleicht erst ab einem bestimmten Alter möglich. Und ganz wichtig, wenn man scheinbar schwere Themen bearbeitet wie ich." Sie ist 54 Jahre alt, bespielt wichtige Ausstellungshäuser, hat jetzt den Marta-Preis - macht Alter gelassener? "Das Schöne ist doch, dass ich als mid-career Künstlerin für mich einfach schon vieles ausdiskutiert habe. Die kleinen Alltagsgeschichten, die einen aus der Fassung bringen, kann ich auch mit Abstand sehen und über mich lachen. Aber meine Empfindlichkeit beim Arbeiten schleift sich dennoch nicht ab. Es nervt mich, wenn ich mit einer Bildidee nicht weiterkomme. Ich bin immer noch aufgeregt, wenn sich ein neues Thema zeigt. Kann nächtelang nicht aufhören zu arbeiten, wenn ich in eine Thematik hineingehe", sagt sie mit glänzenden Augen.

Interesse an Störungen

Die Berliner Künstlerin beleuchtet versteckte Welten, öffnet Denkräume und Systeme hinter schwierigen Themen - wie kommt sie nur darauf? "Ich interessiere mich für Störungen. Warum läuft die Kommunikation ins Leere? Ich will wissen, warum ein Miteinander plötzlich nicht mehr funktioniert, warum jemand zum Beispiel aus bürgerlicher Umgebung zum gewaltbereiten Terroristen wird, wie damals bei der RAF. Ich frage mich: Was ist Ausgrenzung?" Komplexe Geschichten, wie die Radikalisierung von Menschen symbolisch zu verkürzen, ist ihr Ding. Das mag auch daran liegen, dass sie zunächst Germanistik studiert hat, bevor sie sich endgültig für den Weg in die Kunst entschied.

Die Malerin hat das Glück, dass sie immer von dem, was sie erschaffen hat, leben konnte. Gleich nach ihrem Studium hatte sie zwei Stipendien "das gab mir finanzielle Sicherheit und auch die Freiheit, ein paar Monate nach New York zu gehen. Hier habe ich die Schrift zu meinem Merkmal gemacht." Mit dieser Alleinstellung hob sie sich in der Kunstwelt ab. "Ich wollte nicht wie viele Künstler, die ich in New York traf, zwei Jobs haben, um überleben zu können."

Inzwischen scheinen ihre Themen weicher zu werden. In den Goldberg-Variationen bildet sie in 32 großformatigen Zeichnungen zu Bachs Zyklus ein ganzes Leben mit allen Höhen und Tiefen ab. Dabei will sie nicht die Welt erklären, sondern den Blick auf Ausschnitte lenken, in die sich der Betrachter hineinbegeben kann. "Die Idee im Bild oder einer Installation gibt einen Impuls, und sie löst dann das Kopfkino aus. Dabei biete ich immer andere visuelle Möglichkeiten an, die uns ständig neu aufladen. Das Bild ist nur die vorläufige Lösung."

Hashtag Kunst!

Es wirkt, als ob sie nur in eine der zahllosen Schubladen in ihrem Kopf greifen muss. Daraus bedient sie sich dann mit der Leichtigkeit, die auch in ihren Bildern steckt. An der raumgreifenden Spiegelinstallation für die Ausstellung "Schimmer und Glanz" im Museum Marta Herford reizt sie auch, dass sich die Besucher in ihrer Kunst, in ihrer ortsspezifischen Installation spiegeln und sich via Instagram selbst inszenieren können. Es gibt einen extra Hashtag und die Künstlerin ist gespannt, was dabei für Bilder herauskommen.

Die Auflösung des Individuums, Entgrenzung und das Überwinden von existentiellen Themen sind ein Ziel geworden. "Wir müssen neue Lebensräume suchen, da wir in näherer Zukunft wohl nicht auf der Erde bleiben können." Das Weltall, ein neues Thema von ihr, ist für sie die romantische Landschaft im Jetzt.

"Hoffentlich sind Sie schwindelfrei", ruft sie dem Besucher im Gehen auf der Wendeltreppe noch hinterher, und lacht.

"Schimmer und Glanz" ist im Museum Marta Herford, Goebenstraße 2-10, 32052 Herford bis zum 17. Januar 2021 zu sehen.

"...aus heiligem Chaos gezeugt", Gräflicher Park Resort & Health, Brunnenallee 1, 33014 Bad Driburg, ebenfalls bis 17.1.2021

Quelle: ntv.de