Leben

In Vino Verena Die Frau, die Serdar Somuncu einsperrt

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Einsperren, bis er sich entschuldigt: Die Kolumnistin hat Fantasien!

(Foto: imago stock&people)

Unsere Kolumnistin zieht es von Berlin aufs Land. Sie findet einen 200 Jahre alten Gutshof mit einem riesigen Gewölbekeller. In diesen würde sie gern den "schlecht gebumsten" Serdar Somuncu sperren. Wem das nicht passt, der versteht keine Satire!

Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie ein Glück, meine kleine Kolumne an diesem Wochenende überhaupt zu lesen! Ich habe nämlich vor, Gutshofbesitzerin zu werden und bin mit der Suche eines geeigneten Gebäudes, welches für meine Belange infrage käme, aktuell sehr beschäftigt. Im Grunde dürfte ich mich gar nicht mehr zu Bette legen, so allumfassend ist das Projekt. Ich plane nämlich etwas Großes, etwas sehr Großes. Aber der Reihe nach.

Gefühlte 500 Jahre meines Lebens wohne ich nun schon in Berlin. Ich bin in dieser Zeit zehn Mal umgezogen, von einer WG, die viele Besucher an die Kommune I erinnerte, weil da ständig welche nackig rumliefen, in eine dunkle Karnickel-Buchte in der Bornholmer Straße, in denen laut Privat-Vermieterin "kein Herrenbesuch nach 20 Uhr" gestattet war, bis zu jener niedlichen Genossenschafts-Wohnung in Pankow, in der ich aktuell wohne. Früher - und mit früher meine ich vor maximal zehn Jahren - habe ich mir immer eingeredet, sollte sich meine Hassliebe zu Berlin irgendwann vollends erschöpfen, ziehe ich in die Berliner Randgebiete. Nach Rummelsburg oder so. Weil ich noch nie in Rummelsburg war, habe ich mir Rummelsburg in meiner Fantasie unheimlich schön ausgemalt. Und die Mieten, so meine Annahme, sind dort oder im Speckgürtel bestimmt auch viel attraktiver.

Wo wohnt Klaus Wowereit überhaupt?

Die Spekulanten, die Immobilienhaie, die furchtbare Politik der Hauptstadt, die jahrzehntelang Wohnungen und Grundstücke verhökerte, als gebe es kein Morgen: Wie naiv es ist, zu glauben, dass sich der Wohnungsmarkt in Berlin erholen wird, brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen. Hinzu kommt die Wut über stark steigende Mieten. Ich habe Freunde, die, wie ich, als Freelancer tätig sind und wegen Corona aktuell nur etwas mehr als 1300 Euro zur Verfügung haben, aber 900 Euro Miete zahlen. Zwei haben Corona-Hilfen beantragt, seitdem schlafen sie noch schlechter.

Eine Zeitlang habe ich miesepetrig vor mich hingegrummelt: Das könne ja wohl nicht sein, dass die Mieten immer mehr durch die Decke gehen, wieso zählt ein so fetter Posten wie die Miete nicht zu den Vorsorgeaufwendungen in der Einkommensteuer, wo wohnt Klaus Wowereit überhaupt? Ich möchte ihn zur Rede stellen und ihn nachträglich stellvertretend für jahrelang betriebenes Schindluder anschnauzen.

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Handwerkliches Geschick sollte man mitbringen ....

(Foto: imago images/BildFunkMV)

Man solle halt aus Berlin wegziehen, mag so mancher jetzt sagen. Okay. Das ist eine gute Idee. Ich hatte schon viele gute Ideen, aber die meisten sind, wenn man nicht die nötigen Moneten hat, die eine solch gute Idee kosten würde, schnell nicht mehr umsetzbar. Einmal tendierte ich zum Kauf einer Eigentumswohnung und landete in einem Forum für Eigentümer. Das war so gruselig, dass ich wirklich überlegte, so manchem der dort Schreibenden ein Taschentuch mit ihren Initialen zu schenken.

Ich will nicht länger Mieter sein!

Wer sparsam sein muss, sollte handwerklich begabt sein. Lange wagte ich nicht mal, eine Lampe an die Decke zu schrauben, aus Angst, hopszugehen, weil ich die Kabel falsch verknote. Es musste sich also was ändern! Ich will nicht länger Mieter sein und weiß, meinen Freunden geht es genauso.

Wir beschließen also, aufs Land zu ziehen. "In Brandenburg gibt es Gutshäuser auf Verhandlungsbasis", sagt der eine, "viele verkaufen ihre Grundstücke privat", meint der andere, ein Dritter mahnt "seid mal ja vorsichtig, in vielen Häusern is' Asbest." Keiner von uns hat auch nur eine ungefähre Ahnung vom Hauskauf und worauf man zu achten hätte, angefangen vom Gutachter bis hin zum Kaufvertrag. Aber wir machen uns schlau, jeder auf seine Art.

Eine Freundin schwärmt von "so einem tollen Pärchen, das runtergekommene Häuser kauft und renoviert - alles machen die selber, alles!" Drei Stunden berichtet sie wild gestikulierend. Wir sind Feuer und Flamme und kreischen: "Genau so machen wir's!" Minimales Problem: Die Haus-Doku spielt in Texas und nicht in Brandenburg. Alle reden wild durcheinander: "In Deutschland ist das nicht so einfach! Hier braucht man für alles eine Genehmigung! Nirgends sonst wird so viel gemietet wie bei uns. Die machen es uns absichtlich schwer. Eigentum ist nur was für Reiche. (…) Dass Deutschland ein Land der Mieter ist, hat auch mit'm Krieg zu tun."

Banken, Genehmigungen, Kredite, Ängste - der erste Freund will schon genervt den Kopf in den Sand stecken.

Wie in Juli Zehs "Unterleuten"

Eines Nachmittags fahren wir zu sechst in meiner Franzosenkutsche raus aufs Land. Wir wollen uns einen ersten Eindruck verschaffen. Alle plaudern durcheinander, man erzählt sich, wie einer neulich auf dem Alexanderplatz am helllichten Tag einfach seinen Schniepel rausgeholt und gegen eine Laterne gepinkelt hat, und dass das fast schon so klingt wie bei Alfred Döblin. Wir fahren durch kleine Dorfstraßen. Ein Freund fragt: "Und wenn's bei uns wie in Juli Zehs 'Unterleuten' wird?" "Dann müssen wir das ändern", sage ich.

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Wo ist Don Quijote, wenn man ihn wirklich braucht?

(Foto: imago images/serienlicht)

Irgendwann an diesem Tag, ein sattes Blau flutet den Himmel, stehen wir vor dem Gutshof, den ein alter Mann, ein gebürtiger Schlesier, wie er sagt, nun privat und ohne Makler verkaufen will. Makler seien ganz windige Typen, denen traue er nicht. Er führt uns ein bisschen rum. Ein Gutshaus aus dem Jahre 1815 aus Naturstein. 20 Zimmer habe das Haus, die seien natürlich nicht alle belegt, seit die Frau verstorben sei. Das Haus habe im Original erhaltene Gewölbekeller, einen Steinbrunnen und sei eine absolute Rarität. In der oberen Etage sei die Wohnung des Gutsherrn, daneben die für den damaligen Großknecht und über eine Balustrade käme man zu den Wohnungen, die eigens für die Mägde und Knechte waren.

Wir lauschen und nicken und staunen und träumen. Der alte Mann berichtet vom hallenartigen Dachgeschoss, einer riesigen Nutzfläche auf dem Grundstück und bester Bodenqualität. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich schon Tomaten pflanzen und dabei eine alte, von einer Magd verbuddelte Kiste finden. Darin ein Roman über ihre heimliche Beziehung mit dem Gutsbesitzer. Wir sind versunken in einer anderen Zeit, würden am liebsten sofort einziehen. Aber wir sind uns auch einig, nichts zu überstürzen.

Platz genug hätten wir dann ja!

Auf dem Heimweg in die Stadt spinnen wir wild herum. "300 Quadratmeter Gewölbekeller: Da könnten wir - um es mal im satirischen Somuncu-Sprech zu sagen - den "schlecht gebumsten" Serdar einsperren, bis er sich für seine sexistischen Sprüche entschuldigt. Und Florian Schroeder! Und Christian Lindner! Und all die anderen zotigen, wandelnden Altherrenwitze. Hach, herrliche Aussichten! Platz genug hätten wir dann ja!

PS. Sollten Sie ein Objekt im Umland haben, das Sie mir gern zeigen möchten: Scheuen Sie sich nicht, mich umgehend zu kontaktieren! Dann verabreden wir uns unter Ihrer Remise von 1800 und das Erdbeben, das durch mein Herz zuckt, wird so groß sein, dass vermutlich gleich das halbe Vordach einstürzt. Aber bis dahin habe ich alle Folgen dieser Texas-Hausausbau-Staffel gesichtet und weiß, wie man das im Nu wieder hinkriegt!

Herzliche Grüße, Ihre Gutshofbesitzerin in Bälde.

Quelle: ntv.de