Leben

32 Jahre Einsamkeit Eremit Morandi fand auf Budelli sein Glück

Mauro Morandi ist so etwas wie das "Wahrzeichen" von Budelli. Seit 1989 lebt der inzwischen 82-Jährige ganz allein auf der italienischen Insel. Jetzt zwingt ihn die Naturparkverwaltung, Abschied zu nehmen. Morandi geht und träumt trotzdem von einer Rückkehr.

32 Jahre lang war Mauro Morandi der einzige Einwohner von Budelli, einem paradiesischen Eiland der La-Maddalena-Inselgruppe im Norden Sardiniens. Doch jetzt muss der ehemalige Sportlehrer die Insel verlassen. Das 1939 für das italienische Militär gebaute Haus, in dem er all die Jahre gewohnt hat, ist verfallen. Die Naturparkverwaltung möchte es instandsetzen.

Für den heute 82-jährigen Morandi war die Fahrt nach Budelli der Glücksfall seines Lebens - und purer Zufall, erzählt er ntv-Reportern, die Morandi an seinen letzten Tagen auf der Insel und bei seinem Umzug nach La Maddalena, der Hauptinsel des Archipels, begleitet haben. "Eigentlich wollte ich mit Freunden nach Polynesien segeln, mit einem Katamaran." Um die Raten für das Boot abzubezahlen, boten die Männer Ausflugsfahrten auf die Inseln des La-Maddalena-Archipels an. Es passierte bei der ersten Fahrt: "Wir sind an Land geschwommen und auf dem 'rosafarbenen Strand' gelandet", schwärmt Morandi. Da wusste ich: Mein Polynesien habe ich schon gefunden, hier auf Budelli."

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Die Naturparkverwaltung möchte die Hütte wieder instandsetzen.

(Foto: ntv)

Und das Schicksal spielte mit. In der Steinhütte, die damals in Privateigentum war, lebte ein Inselwächter-Paar. "Mein Glück war es, dass das Ehepaar zwei Tage nach meiner Ankunft Budelli verlassen wollte", so Morandi. "Ich bot mich an und bekam den Job." Von 1989 bis 2014 war Morandi als Inselwärter angestellt und ganz legal Inselbewohner. Dann übernahm der Staat auch den Inselteil, auf dem Mauro lebte, und die Naturparkverwaltung schickte ihm den Räumungsbescheid. "Ich habe eine Petition im Internet gestartet, 18.000 Menschen aus der ganzen Welt haben gefordert, dass ich weiter auf Budelli leben darf".

Morandi hatte erneut Glück, die Räumung wurde nicht durchgesetzt. Längst war der Mann als "Eremit von Budelli" eine weltweit bekannte Persönlichkeit. Wer auf Google Earth nach Budelli sucht, der findet als "Wahrzeichen" samt Fotos: Mauro Morandi. Er ist ein Symbol für das Leben in der Natur, ganz aufs Essenzielle reduziert. Regenwasser sammelte er in einer Zisterne, der Strom fürs Tablet und eine schummrige Beleuchtung kam von einer Solaranlage auf dem Dach. "Ich hatte auch eine Solaranlage fürs Warmwasser", erzählt Morandi, "die hat mir aber ein Sturm in diesem Winter weggerissen".

Jagd auf Sanddiebe

Lebensmittel kaufte Morandi in La Maddalena ein. Auch als er kein Gehalt mehr als Inselwächter verdiente, kam er gut über die Runden. Das Wohnen kostete ihn nichts, und dazu hatte er die Einkünfte seiner "Baby-Rente" als Sportlehrer. "Ich hatte 1989 die Gelegenheit einer Frühverrentung mit damals 50 Jahren ergriffen, nach 28 Jahren im Schuldienst". Damals ging das in Italien noch. Es ist eine bescheidene Rente, aber für Morandi hat sie immer gereicht.

Auf sein Schlauchboot allerdings musste Morandi inzwischen verzichten. Seit sieben Jahren sind das Betreten des "Spiaggia rosa", des rosafarbenen Strandes, und das Schwimmen in der Bucht verboten. In anderen Buchten aber kann Morandi sein Boot nicht an Land ziehen, sie sind zu felsig. Sein Speiseplan wurde dadurch deutlich ärmer: "Als der Strand gesperrt wurde, war es aus mit dem Fischen".

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Der "rosafarbene Strand" ist inzwischen weiß.

(Foto: ntv)

"Die letzten sechs Monate habe ich nur noch von Dosenessen gelebt. Denn hier auf der Insel wächst ja nichts, das ist alles Granit." Auch der Strand ist seit vielen Jahren nicht mehr "rosafarben", sondern kalkweiß. Kleinste Korallenbruchstücke, klitzekleine Granitteilchen, Muschel- und Meerestierchenschalen hatten ihm seine charakteristische Farbe verliehen. Doch inzwischen haben Touristen den "rosa Sand abgetragen. Jeder "nur eine Handvoll, wie sich die Sanddiebe meist entschuldigen wollten", erzählt Morandi. Nun steht der Sand in Gläsern verpackt als Souvenir in der halben Welt. "Ich habe Tag und Nacht Sandräuber vertrieben, aber es waren einfach zu viele", erinnert er sich.

Die letzten Pandemie-Monate waren hart für Morandi. Niemand kam zu Besuch, der Kontakt wäre zu riskant für ihn gewesen, da Morandi trotz seines Alters nicht geimpft war. Gesellschaft leisteten ihm nur zwei Katzen, denen er aber keine Namen geben wollte. "Wie sie heißen? Kater (gatto) und Katze (gatta)." Alles so naturbelassen wie möglich. Einmal im Monat kam Paolo aus La Maddalena mit Lebensmitteln. Ganz auf "Luxus" verzichtete Morandi aber nicht: "Paolo musste mir immer Rotwein und Zigarren mitbringen und natürlich Katzenfutter. Denn hier gibt's ja nicht mal Mäuse zu fangen." Eier legten ihm zwei Hühner.

Einsamkeit "wird mir an Land fehlen"

Nun also heißt es für Morandi erstmal Abschied von der Insel nehmen. Die Hütte aus Tuffsteinblöcken soll vollständig in ihren alten Zustand zurückgebaut und der Vorbau, unter dessen Dach Morandi lebte, abgerissen werden. Was haben Morandi die 32 Jahre als Eremit auf Budelli gelehrt? "Auf die Natur zu hören. Auf die Geräusche der Natur. Hier rauscht nur der Wind, man hört die Wellen ans Ufer schlagen. Man riecht die Pflanzen. Es ist die Stille. Es sind 32 Jahren der Einsamkeit gewesen. Vor allem im Winter bist du ganz alleine mit dir", so Morandi und ergänzt: "Das wird mir an Land fehlen."

Als Morandi an Bord des Bootes steigt, mit dem er die Insel verlässt, bittet er darum, ein letztes Mal an "seiner" Bucht vorbeifahren zu dürfen. "Ciao Budelli, ich komme wieder!" ruft er. An seiner neuen Wohnung auf La Maddalena, die er sich von der Abfindung als regulärer Inselwächter gekauft hat, gefällt ihm vor allem eines: der Blick aufs Meer. Das Leben in der Gesellschaft hat Morandi dann schnell wieder. Gleich nach der Ankunft geht es zur Corona-Impfung: "Ich muss doch fit sein, wenn ich wieder auf die Insel zurückgehe".

Gänzlich ausgeschlossen ist eine Rückkehr nicht, und das liegt nicht nur daran, dass Morandi ein grundüberzeugter Optimist ist. Der Präsident des Naturparks will sich noch nicht festlegen, aber er weiß um den Bekanntheitsgrad des "Eremiten von Budelli": "Wir suchen nach einer Lösung, die Mauro Morandi in den Schutz der Insel, auch vor Ort, mit einbezieht", so Fabio Fonnesu.

Quelle: ntv.de

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