Gesundheit

Altersprozesse im Körper Ausdauertraining ist wie ein Bad im Jungbrunnen

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Peter Krohn radelt dem Alter regelrecht davon.

(Foto: Thomas Schmoll)

Sport ist gesund, weil Bewegung grundsätzlich guttut. Aber nicht jeder Sport bringt den gleichen positiven Effekt im Kampf mit der biologischen Uhr. Wissenschaftler stellten fest: Der Unterschied zwischen Ausdauer- und Krafttraining ist erheblich.

Wer das Alter von Peter Krohn nicht kennt, ist, wenn er es erfährt, nicht nur erstaunt, sondern regelrecht baff: 80 Jahre ist der Mann, der gut 20 Jahre jünger wirkt. Rank und schlank, um nicht zu sagen: kernig. Zufall ist das nicht. Sein Leben lang hat Krohn Ausdauersport betrieben, zig Jahre auf dem Rennrad verbracht, bevor er nach eigener Aussage mit 44 Jahren den Triathlon für sich entdeckte. "Ohne Sport konnte und wollte ich nie leben", sagt der Rentner, der sogar noch arbeiten geht. Nicht Vollzeit, aber täglich - und passenderweise als Verkäufer in einem großen Berliner Fachgeschäft für Fahrräder. "Außenminister Heiko Maas gehört zu meinen Stammkunden", sagt er voller Stolz.

Krohn geht glatt als Beispiel für das Ergebnis einer Studie durch, die kürzlich im "European Heart Journal" erschienen ist. Vorgelegt hat sie ein Forscherteam um Professor Ulrich Laufs von der Uniklinik Leipzig und Christian Werner, Oberarzt am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Die Herzspezialisten wiesen nach, was in der Wissenschaft schon länger vermutet wurde: Regelmäßig betriebener Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen, Ski-Langlauf und Radfahren verzögert den Alterungsprozess von Zellen oder macht ihn sogar rückgängig.

Laufs und Werner konnten für ihre Untersuchung mehr als 100 zufällig ausgewählte, gesunde Freiwillige um die 50 gewinnen, die bis dato ihre Freizeit lieber im Ruhezustand verbrachten und Sport nur aus dem Fernsehen kannten, aber selbst keinen trieben. Mit dem Beginn der Studie änderte sich das schlagartig. Über einen Zeitraum von sechs Monaten nahmen die Probanden dreimal die Woche an jeweils 45 Minuten eher gemäßigtem Ausdauer-, hochintensivem Intervall- oder reinem Krafttraining an acht verschiedenen Geräten teil. Der Ablauf der Einheiten war von den Medizinern exakt dosiert, kontrolliert und überwacht worden. Mittels Belastungs- und Bluttests prüften sie den Zustand der Aktiven vor und nach den sechs Monaten und verglichen die Ergebnisse sowohl nach dem Vorher-nachher-Prinzip als auch mit den Werten einer Kontrollgruppe, die weder joggte noch Gewichte stemmte.

Wirklich mehr Lebensjahre?

​Bei den Untersuchungen stellten die Forscher nach eigener Darstellung fest, dass sich Ausdauersport auf den Erhalt einer lebenswichtigen Zellfunktion positiv auswirkt: Das Enzym Telomerase hält die Zellen dadurch jung, dass es verhindert, dass die Enden unserer Chromosomen - die Telomere - verkümmern. Stark vereinfacht​​ kann man ihre Funktion mit der Aufgabe der Plastikkappen an Schnürsenkeln vergleichen: Wie die einen das Ausfransen der Schuhbinder verhindern, halten die anderen die Chromosomenränder zusammen. Telomere schützen die genetische Information, was für die Funktion unserer Zellen sehr bedeutsam ist. Mit jede​r Teilung​​ ​einer Zelle verkürzen sich allerdings die Telomere, bis eines Tages keine ​Aufspaltung​ mehr möglich ist und sie abstirbt. Die Krebsgefahr kann dadurch steigen, die Lebenserwartung folglich gleichsam sinken. Dies ist besonders bedeutsam in unseren Stammzellen, zum Beispiel in den blutbildenden Zellen des Knochenmarks.

Die Wissenschaftler vermuten: Die Alterung der Zellen im Herzen und in den Gefäßen lässt sich mittels sportlicher Aktivitäten bremsen, wenn man das Richtige trainiert. Laufs und Werner erklärten: "Bei den Freiwilligen, die Ausdauer- und Intervalltraining absolvierten, erhöhte sich im Vergleich zum Beginn der Studie und der Kontrollgruppe die Aktivität der Telomerase um das Zwei- bis Dreifache. Auch die Telomerlänge nahm um drei bis vier Prozent zu." ​Ob das allerdings langfristig tatsächlich die Lebensdauer erhöht, ist nach Aussage der Forscher nicht sicher. "Zumindest kann man aber spekulieren, dass sich durch diese Sportarten die Herz- und Gefäßgesundheit im Alter verbessern lässt", berichtet Werner.

Bekannt ist bisher auch nicht, auf welche Weise Sport Telomere verlängern kann. Nach eigenen Angaben vermutet das Ärzteteam, dass Ausdauertraining die Stickoxidkonzentration in den Blutgefäßen positiv beeinflussen könnte, was wiederum die Zellen stärkt. Laufs und Werner hoffen auf weitere Studien mit höheren Teilnehmerzahlen, um das bisherige Ergebnis weiter zu stützen und die Ursache des positiven Effekts zu finden. Denn von den 266 Probanden, die das Forscherteam zunächst von seinem Projekt überzeugen konnte, hielten lediglich 124 das halbe Jahr komplett durch. Die Frage, ob die wissenschaftliche Arbeit dennoch - zumindest in der Tendenz - klare Aussagekraft habe, beantwortet Professor Laufs mit einem "eindeutigen Ja". Von der Anlage her sei die Studie die umfassendste und längste dieser Art, "die je durchgeführt wurde".

Evolutionäres Erbe

Aber warum soll das Training der Ausdauer so viel besser sein als das der Kraft? Dafür haben die Wissenschaftler eine Erklärung "aus evolutionärer Sicht". Werner sagt: "Ausdauertraining spiegelt das Kampf- oder Fluchtverhalten unserer Vorfahren besser wider als Krafttraining." Mit anderen Worten: Für unsere Urahnen war im täglichen Überlebenskampf Ausdauer wahrscheinlich wichtiger als Kraft.

Die Mediziner raten, die Studienergebnisse dafür zu nutzen, "sowohl die Einhaltung als auch die Wirksamkeit von Trainingsprogrammen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verbessern". Auf Nachfrage betonte Laufs: "Jede Form der Aktivität ist positiv." Natürlich sei auch reines Krafttraining "nicht schlecht". Allerdings: "Aus Sicht der Gesundheitsvorsorge sollte es kein Ersatz für Ausdauertraining sein, nur eine Ergänzung dazu."

So sieht es auch der Berliner Peter Krohn, der täglich bei jedem Wind und Wetter seine 20 Kilometer Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurücklegt. Bevor er sonntags auf dem Tempelhofer Flugfeld seine 35 bis 60 Kilometer radelt. "Sport ist deshalb so wichtig", sagt er, "weil man versuchen muss, den Ärzten aus dem Weg zu gehen."

Quelle: n-tv.de

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