Leben

Zu Fuß zur Mutter in den Iran "Ich habe die Reise als Abenteuer gesehen"

DSC_0014 (1).JPG

4000 Kilometer legte Mehdi Maturi zurück, um endlich seine Mutter kennenzulernen.

Mehdi Maturis* Geschichte ist außergewöhnlich. Vier Monate nach seiner Geburt im Jahr 1987 werden er und seine zwei Geschwister vom Vater aus dem Iran nach Deutschland entführt. Die Kinder wachsen in dem Glauben auf, ihre Mutter sei im Gefängnis gestorben. Im Jahr 2010 erfährt Mehdi über eine Facebook-Nachricht von seinem Onkel, dass seine Mutter lebt.

Acht Jahre später macht er sich ohne gültigen Pass auf der Flüchtlingsroute in den Iran auf, um sie endlich kennenzulernen. Die Erfahrungen seiner Reise schrieb Mehdi in seinem Buch "In den Iran. Zu Fuß. Ohne Pass." nieder. Im Interview mit ntv.de erzählt er von unerwarteter Hilfe auf seiner Reise, der ersten Begegnung mit seiner Mutter und seiner schwierigen Identitätssuche.

ntv.de: Das Coronavirus breitet sich gerade rasant aus. Wie geht es dir? Bist du gesund?

Mehdi Maturi: Mir geht es super, danke.

Dein Vater hat dir und deinen Geschwistern erzählt, dass eure Mutter gestorben sei. Wie hat er von ihr gesprochen?

Das Bild war durch die Bank negativ. Er hat uns immer erzählt, dass unsere Mutter uns gar nicht wollte. Er meinte, sie hätte uns am liebsten abgegeben. Angeblich hat sie sich auch nie um uns gekümmert und uns verwahrlosen lassen.

Per Facebook-Nachricht hast du erfahren, dass deine Mutter lebt.

Das war schon so eine Schocksituation, als ich das erste Mal die Nachricht gelesen hatte. Das kam total unerwartet. Vor einer Minute sitzt du noch da und bist dir sicher, dass deine Mutter tot ist. Auf einmal heißt es, sie lebt.

Dein Bruder hat ebenso diese Mitteilung bekommen. Wie hat er reagiert?

Komischerweise haben wir gar nicht so viel miteinander gesprochen. Ich habe ihn dann nur gefragt, ob er die Nachricht auch bekommen hat. Meine Schwester hatte sie nicht bekommen. Die hatte ein paar Monate später eine von einem der Verwandten erhalten. Sie antwortete daraufhin, dass wir Kinder nichts damit zu tun haben wollen. Das hatte sie nicht mit uns abgesprochen, aber an meine Mutter wurde das dann so weitergetragen. Sie dachte also die ganze Zeit, dass wir nichts mit ihr zu tun haben wollen.

Wieso hast du dich erst acht Jahre später dazu entschieden, in den Iran zu reisen?

Für mich war seit der Nachricht immer klar gewesen, dass ich meine Mutter kennenlernen möchte. Aber ich konnte die Sprache nicht und ich kannte niemanden im Iran. Zu dem Zeitpunkt hatte ich auch ganz andere Prioritäten. Ich war gerade 22, genoss meine Freiheiten und konnte endlich Entscheidungen für mich treffen. Ich hatte ja nie eine Mutter, und man kann nichts vermissen, was man nicht kennt. Ich hatte es nicht vergessen, aber es war nicht so präsent.

Das änderte sich, als du mit 30 deinen Kumpel Dariusch auf Ibiza kennengelernt hast.

Ja, es war auf einer Party im Jahr 2017. Er ist in England aufgewachsen, lebt aber in Teheran. Ich sagte, dass ich auch Iraner bin und meine Mutter dort irgendwo lebt. Von da an hat er mich immer angerufen und gesagt, dass ich meine Mutter kennenlernen muss. Er hat mir die Gründe genommen, die mich so hatten zweifeln lassen.

Warum hast du vor deiner Reise keinen Kontakt zu deiner Mutter aufgenommen?

Meine Mutter hatte weder Internet noch Telefon. Sie lebt in einem Dorf.

Wie kam es dazu, dass du die Route zu Fuß absolviert hast?

u1_978-3-596-70021-9.jpg

Das Buch ist im Fischer-Verlag erschienen und kostet 15 Euro.

In meinen deutschen Papieren steht drin, dass mein Geburtsort Teheran ist. Deswegen wollte ich meinen iranischen Pass beantragen, damit ich einreisen kann. Man wollte die Geburtsurkunde sehen, die ich aber nicht hatte. Auch in der von meinen Eltern stand mein Name nicht drin. Deswegen habe ich mich eben für das Laufen entschieden.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?

Im Nachhinein war das ein bisschen blauäugig. Ich bin ja im Winter losgegangen, also brauchte ich auf jeden Fall warme Kleidung. Da ich wahrscheinlich auch nachts unterwegs sein würde, habe ich mir ein Nachtsichtgerät und für die Orientierung ein GPS-Gerät besorgt. Dann lud ich mir bei Google Maps Satellitenbilder herunter und suchte mir eine Route aus. Ich habe mich außerdem so ausgestattet, dass ich nicht verhungern muss, falls ich mal ein paar Tage in den Bergen sein sollte.

War dir vorher bewusst, dass die Reise auch sehr gefährlich werden kann?

Angst hatte ich keine. Ich habe das als Abenteuer gesehen. Ich wusste, dass ich in die eine oder andere gefährliche Situation kommen werde, aber ich kann ziemlich gut mit Menschen und darauf habe ich mich verlassen. Ich habe an mich selbst geglaubt. Außerdem gab es ja einen ehrenwerten Grund für meine Reise. Ich war überzeugt davon, dass die Leute deswegen eher hilfsbereit und nicht auf Krawall getrimmt sind.

Mit einer Mitfahrgelegenheit bist du nach Wien gefahren und flogst dann in die griechische Hafenstadt Alexandroupoli. Von dort bist du dann zum Teil zu Fuß oder mit dem Bus über die Grenzstadt Feres, nach Istanbul und dann nach Ankara. Über die türkische Grenzstadt Doğubeyazıt kamst du in den Iran. Du hast also die Flüchtlingsroute in umgekehrter Reihenfolge absolviert. Was waren die größten Überraschungen auf dem Weg?

Ich dachte anfangs, dass mich keiner aufhält, wenn ich von einem schönen Land in die Krisengebiete will. Das war dann doch nicht so. Die Grenzen werden von beiden Seiten sehr gut gesichert. Überraschend war für mich vor allem, wie entspannt die Leute waren, die mir geholfen haben. Normalerweise hätte ich zumindest erwartet, dass die total erstaunt oder verwundert sind, wenn ich ihnen von meinem Vorhaben erzähle. Ich hätte auch nie erwartet, dass mir ein griechischer Soldat seinen Pass gibt. Ich hätte es alleine nicht geschafft, über den Fluss zu kommen. Deswegen habe ich ihn gefragt, ob ich seinen Pass haben kann. Als ich auf der türkischen Seite in den Iran wollte, meinten sie, dass sie mich für Geld rüberbringen. Wenn ich das nicht habe, würden sie es mir auslegen. Die waren sehr freundlich. Vom Plan ist eigentlich nichts aufgegangen, bis auf, dass ich nicht gefroren habe.

Du bist sicher auch Flüchtlingen auf deiner Reise begegnet. Hat sich das Bild, was du aus den Medien kanntest, bestätigt?

Auf jeden Fall. Als ich von einem Soldaten aufgegriffen worden bin und er mich aus der Sperrzone herausgefahren hat, habe ich gesehen, wie eine Flüchtlingsfamilie aufgegriffen wurde. Das war ein Vater mit seinen Kindern. Die hatten kurze Kleidung an und das im Winter. Ihre ganzen Sachen waren in Plastiktüten. Im Vergleich zu mir hatten die nichts.

Wie war das erste Treffen mit deiner Mutter?

IMG_20180713_204522_1.jpg

Maturi traf auf seiner Reise auch viele Flüchtlinge.

(Foto: privat)

Es war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Erstmal bin ich bei meiner Tante - der Schwester meines Vaters - und ihrem Mann untergekommen. Es war eigentlich ausgemacht, dass meine Mutter das Wochenende drauf kommt und dann drei bis vier Tage bei mir und meiner Tante bleibt, damit wir uns kennenlernen können. Ein paar Tage später klingelte aber schon mein Telefon. Meine Mutter sei da. Ich stand im Stau, sodass sie drei Stunden mit der Tante verbringen musste, die die Entführung gedeckt hatte. Sie gab die ganze Zeit über nie eine Information weiter, ob es uns gut geht oder wir leben. Als ich ankam, umarmte ich meine Mutter. Meine Sachen waren schon gepackt. Ich sollte mit meiner Mutter in ihr Dorf fahren. Während der vierstündigen Fahrt in ihrem Auto konnten wir uns dann kennenlernen. Im Nachhinein bin ich froh darüber, dass es so gewesen ist.

Was ist deine Mutter für ein Mensch?

Sie ist genau das Gegenteil von dem, was mein Vater erzählt hat. Meine Mutter ist total liebenswürdig und gutherzig.

Was hat sie dir erzählt, was damals passiert ist?

Mein Vater hatte nicht gearbeitet, war aggressiv und schlug meine Mutter regelmäßig. Irgendwann fing er auch an, meine Geschwister zu schlagen - und zwar als Baby. Meine Schwester hatte er verdroschen, weil sie sich mit zwei Jahren noch in die Windeln gemacht hatte. Meine damals schwangere Mutter trennte sich daraufhin von ihm. Sie hatte das Sorgerecht für alle drei Kinder zugesprochen bekommen. Meine Geschwister kamen erst einmal bei der Oma unter. Mein Vater wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Als ich dann auf der Welt war, holte er mich mit dem Vorwand ab, für mich die Geburtsurkunde besorgen zu wollen. Das war das letzte Mal, dass meine Mutter mich gesehen hat. Als er nicht mehr wiederkam, machte sie sich auf die Suche nach mir und ist zu seiner Wohnung gefahren. Die Nachbarn sagten, dass er das Land verlassen habe. Sie wusste aber nicht, in welchem Land wir sind. Es gab zwar eine große Suchaktion, aber nur im Inland.

Hast du Gemeinsamkeiten mit deiner Mutter festgestellt?

Ich habe die Gelassenheit meiner Mutter. Die ist immer so entspannt. Eine Gemeinsamkeit ist auch jedem sofort aufgefallen. Bevor ich mir mit der Gabel was in den Mund stecke, rieche ich immer erstmal an der Gabel. Ich bin so ein Nasenmensch, also Düfte und Gerüche. Meine Mutter ist genauso. Die Verwandten haben das zum ersten Mal bei mir gesehen und sind in Gelächter ausgebrochen.

Dein Vater ist 2014 gestorben. Bist du wütend auf ihn?

Nein. Er hat uns die Mutter vorenthalten und war auch sehr kreativ, was Bestrafungen angeht. Trotzdem war es sein Verdienst, dass wir in Deutschland groß werden durften. Das einzige Gute, was er gemacht hat. Wenn ich an ihn denke, ist da aber kein Hass oder Trauer. Da ist einfach nichts. Ich habe gesehen, wie die Leute im Iran aufwachsen. Ich muss sagen, alles ist besser als das.

Die Reise war sicher auch eine Suche nach Identität. Fühlst du dich mehr als Deutscher oder als Iraner?

Wenn ich im Ausland gefragt wurde, habe ich immer gesagt, dass ich Deutscher bin. Deutsch ist meine Muttersprache. Hier in Deutschland bin ich zur Schule gegangen. Natürlich wusste ich, dass meine Wurzeln im Iran sind. Ich habe mich mit dem Iran verbunden gefühlt, aber jetzt kann ich viel mehr mit meinen Wurzeln anfangen. Ich kenne meine Herkunft und habe die Kultur kennengelernt.

Hast du schon Pläne, wann du deine Mutter wiedersiehst?

Es ist der größte Traum meiner Mutter, dass sie mal alle drei Kinder in ihrem Arm halten kann. Das werden wir ermöglichen. Wegen der politischen Situation gerade gibt es so gut wie keine Iraner, die ein Visum für Deutschland bekommen. Selbst vor dem Coronavirus war es nicht wirklich machbar. Wahrscheinlich müssen wir uns in einem Drittland wie Aserbaidschan oder Türkei treffen, einem Ort, wo wir alle entspannt hinreisen können.

Mit Mehdi Maturi sprach Isabel Michael

*Da die Reise illegal war, ist der Name Mehdi Maturi ein Pseudonym.

Quelle: ntv.de