Leben

In Vino Verena "Weiße sollten keine Dreadlocks tragen"

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Darf wegen ihrer Dreadlocks bei Fridays For Future nicht auf die Bühne: die Musikerin Ronja Maltzahn.

(Foto: Zuzanna Badziong)

Ronja Maltzahn ist sowohl Musikerin als auch "Friedenskünstlerin". Ihre Musik ist international. Doch aktuell spricht man über ihre Haare. Eine Weiße mit Dreadlocks! Unsere Kolumnistin hat mit ihr über Diskriminierung und den Vorwurf der "kulturellen Aneignung" gesprochen.

"Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern."

Eine junge Frau steht mit ihrem Cello in einem blühenden Rapsfeld und singt. Es ist die Musikerin Ronja Maltzahn. Ihr Lied klingt, als würde es die Zeit überdauern. Und tatsächlich: Es sind vertonte Verse von Hermann Hesses Gedicht "Stufen" aus dem Jahr 1941. Maltzahns Stimme ist eingängig und ausdrucksstark. Als Hörer ist man geneigt, sie mit einem der berühmtesten Verse Hesses zu beschreiben und zu sagen, ihr wohne "wie jedem Anfang ein Zauber inne".

Bis Mitte dieser Woche hatte ich von dieser Musikerin noch nie etwas gehört, und Sie, liebe Leser und Leserinnen, vielleicht ja auch nicht. Doch dieser Tage ist ihr Name in aller Munde. Dabei geht es leider nicht um die wundervolle Musik der 28-Jährigen, die sich selbst eine "Friedenskünstlerin" nennt, sondern - Achtung, halten Sie sich fest! - um ihre Frisur. Ronja Maltzahn ist eine weiße, noch dazu blonde Frau. Und sie trägt Dreadlocks. Was für ein Skandal! In den Augen von Fridays for Future ist das "kulturelle Aneignung". Was war geschehen?

Ronja Maltzahn, Gewinnern des Udo-Lindenberg-Panikpreises 2021, wollte zu gern bei einem Konzert der Organisation auftreten, vor allem, um "ein Zeichen für Frieden und gegen Diskriminierung zu setzen". Doch sie erhielt eine brüske Absage - wegen ihrer Haare! In höchst unsensiblem Tonfall wurde sie in vorauseilendem Gehorsam darüber belehrt, dass ihre Frisur rassistische Narrative bediene, sie solle sich doch bitte "damit auseinandersetzen". Man sei nicht gewillt, einer Weißen mit Dreadlocks ein Podium zu geben. Doch es wird noch unangenehmer: Wenn sich die Musikerin jedoch entschließen würde, "bis Freitag" ihre Dreadlocks abzuschneiden, dürfe sie auftreten. Das ist, man kann es nicht anders sagen, autoritär, wie es auch diktatorisch ist und nicht zuletzt ein Eingriff in die Privatsphäre. Doch obendrein ist es auch anmaßend und in seinen Grundzügen fast faschistoid. Denn man muss hier ganz deutlich fragen: Wo fängt Diskriminierung an, wo hört sie auf?

Einstehen für Respekt, Achtsamkeit und Toleranz

Viele Fragen wabern durch meinen Kopf: Wieso hat man sich die Künstlerin, der man wegen ihrer Frisur keine Bühne geben möchte, nicht vorher genauer angeschaut? Wenn dies nämlich geschehen wäre, wüsste man, dass es ihr, wie sie mir am Telefon erzählt, sehr am Herzen liegt, "mit ihrer Musik interkulturelle Brücken zu bauen und für eine offene Gesellschaft voll Freiheit, Respekt und Toleranz einzustehen."

Maltzahns Band und ihr gesamtes Team vereine "Menschen verschiedener Nationalitäten, musikalische und visuelle Künstler aus verschiedenen europäischen Ländern sowie aus Australien, Asien, Afrika und Südamerika", sagt sie und ergänzt: "Deshalb schreiben wir Musik in verschiedenen Sprachen mit unterschiedlichen stilistischen Einflüssen. Wir diskriminieren keinen Menschen aufgrund seiner kulturellen Herkunft und wollen vielmehr kultureller Vielfalt eine Bühne geben, sie wertschätzen und zelebrieren - für Gender Equality, Achtsamkeit und Toleranz einstehen."

All das erfahre ich, weil ich mir eine Minute Zeit genommen habe für den Menschen Ronja Maltzahn. Nur eine Minute für "die weiße" Musikerin mit den Dreadlocks. Sich gegenseitig zuhören. Lauschen. Hinsehen. Wer das nämlich macht, weiß sofort, dass ihre Dreadlocks eine Form der Wertschätzung und keine "kulturelle Aneignung" sind.

Die Musikerin berichtet, sie habe sich nach der unsensiblen Absage "verletzt" gefühlt und finde es "schade", wegen äußerer Merkmale nicht singen zu dürfen. Die Absage der Organisation Fridays for Future veröffentlichte sie auf ihren sozialen Kanälen und löste damit ein "mediale Lawine" aus. So viele Fragen. So viel Kopfschütteln. So viel aufgestaute Wut.

Maltzahn selbst hofft, dass wir - die Gesellschaft - beginnen, eine Debatte über Diskriminierung zu führen und in den Dialog treten. Diese Belehrungen und Forderungen, die Haare zu schneiden, das muss aufhören! Ist es "kulturelle Aneignung", wenn weiße Menschen Dreadlocks haben? Und wissen jene, die sich über die Frisur empören, dass die tausendjährige Geschichte der Dreadlocks nicht nur auf die Rastafari zurückzuführen ist? Dürfen wir jetzt keine Tattoos mehr tragen, weil sie ursprünglich von indigenen Völkern stammen? Bin ich rassistisch, wenn ich mir einen Poncho überwerfe?

Kulturelle Aneignung vs. Diskriminierung

Manchmal denkt man, irrsinniger kann es nicht mehr werden. Aber dann kommt aus irgendeiner Ecke irgendeine selbst ernannte Aktivistin und empört sich wieder über etwas anderes. Zum Beispiel darüber, wie es weiße Menschen wagen können, Hummus-Rezepte umzuwandeln. Auch das sei "kulturelle Aneignung". Man solle weiße Menschen, die kulinarisch mit Hummus-Rezepten experimentieren, mit einem Shitstorm übersäen und ihre Produkte boykottieren.

Vor einigen Jahren war ich mit Leuten einer Hilfsorganisation in Kayamandi. Das ist ein Township in Südafrika, etwa 50 Kilometer von Kapstadt entfernt. In einem kleinen Laden kaufte ich Kissenbezüge und unterstützte damit die selbstständige Arbeit der Frauen, die am Rande des Townships einen Souvenirladen betrieben. Und ich frage mich: Sagt es nicht mehr über mein Gegenüber aus, das mich belehrt, die Kissen auf meinem Sofa seien "kulturelle Aneignung"? Darf ich mein Hummus-Rezept nicht abwandeln, weil ich damit das Land, aus dem der Hummus kommt, mit Füßen trete?

Das ist, mit Verlaub, so engstirnig und borniert, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme! Natürlich können Haare auch politisch sein. Aber man setzt kein Zeichen gegen Diskriminierung, indem man eine Musikerin diskriminiert, weil sie in den Augen von Fridays for Future die falsche Frisur hat. Welche sie sich, um der geforderten Norm zu entsprechen, schleunigst abschneiden lassen sollte, um doch noch auftreten zu dürfen! Das ist nichts anderes als radikales, übergriffiges Verhalten, das man als solches benennen muss, ohne dafür medial oder in den sozialen Netzwerken an den virtuellen Pranger gesellt zu werden.

Eine Weiße mit Dreadlocks, das sei für Fridays for Future "nicht vertretbar". Der Mensch, er sollte an seinen Taten gemessen werden. Und so hat man sich nach all der öffentlichen Entrüstung inzwischen bei der Musikerin für den unsensiblen Tonfall entschuldigt. Aber wieder eingeladen hat man sie nicht.

Das ist vor dem Hintergrund der Werte, die Ronja Maltzahn und ihre Band vertreten, vor allem eines: ein Trauerspiel für eine Organisation, die vorgibt, sich Toleranz und gegenseitigen Respekt auf die Fahne geschrieben zu haben.

Eine so facettenreiche Musikerin, die ihre Lieder in vielen Sprachen singt, sich für den Frieden engagiert und deren Musik geprägt ist von vielen musikalischen Stilen und Einflüssen, nicht auf einer Friedensdemo auftreten zu lassen, weil sie die falsche Frisur hat, ist diskriminierend!

Wenn die eigene Ideologie auf Pfaden wandert, auf denen man anderen Menschen vorschreibt, wie sie auszusehen haben, ist es dringend an der Zeit, sein eigenes Verhalten und seine Werte zu reflektieren. Man kann nur hoffen, dass niemand bei Fridays for Future Tattoos oder Jeans trägt, geschweige denn auf die Idee kommt, in seinen Hummus einen Schuss Balsamico zu träufeln.

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 26. März 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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