Leben

100 Jahre währende Leidenschaft Mailänder Perlen-Laden zieht magisch an

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Im Viganò gibt es Perlen in Hülle und Fülle.

(Foto: Andrea Affaticati)

Im Herzen von Mailand verbirgt sich eine wahre Schatztruhe: Seit 100 Jahren werden im "Viganò" Perlen jeder Art verkauft. Es ist ein Ort wie aus einer anderer Zeit mit einem Hauch "Belle Époque", der eine magische Anziehungskraft ausübt.

Mittlerweile ist es mindestens 30 Jahre her, seit die Autorin dieses Textes das letzte Mal in dem Geschäft "Viganò" nicht weit von der Mailänder Universität war. Doch nichts hat sich dort verändert. An die 100 Jahre ist die Innenausstattung alt. Die unzähligen und bis zur Decke reichenden alten Schubladenregale entlang der Wände geben dem Geschäft ein besonderes Flair. Noch faszinierender aber ist ihr Inhalt: Perlen aus Glas, Plastik, Bakelit, Ton, Holz, in allen Größen, Formen, Farben und aus aller Herren Länder.

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Die vielen Schubfächer laden die Kundschaft zum Stöbern ein.

(Foto: Andrea Affaticati)

Das "Viganò" gehört zu den historischen Geschäften Mailands, von denen es leider immer weniger gibt. Alleine das ist ein Grund, es zu besuchen und etwas über seine Geschichte zu erfahren. 1919 wurde es von Carlo Viganò eröffnet und ist heute ein faszinierendes Überbleibsel der Belle Époque. Die kunsthandwerklich angefertigten Halsketten, Armbänder und Ohrringe in den zwei Schaufenstern und der im Art-Déco-Stil dekorierte Eingang haben eine magnetische Anziehungskraft, die zum Eintreten einlädt, auch wenn man eigentlich nichts braucht. Und ist man erst einmal drinnen, möchte man gar nicht mehr hinaus. Man möchte in jede Schublade hineinsehen, als wären sie eine plastische Darstellung der Schachtelgeschichten von "Tausendundeiner Nacht". In jeder vermutet man ein neues Märchen.

Selbstgemachtes wieder in Mode

Einmal abgesehen vom Mundschutz stellt sich für einen Moment das Gefühl ein, sich wieder in einer heilen Welt zu befinden. Und das gilt nicht nur für die etwas betagten Damen, die wehmütig in die Vergangenheit zurückblicken. "Unsere Stammkundin ist um die 60, 70 Jahre alt", erzählt Laura Viganò beim Besuch von ntv.de. Sie ist die Urenkelin des Gründers und führt das Geschäft jetzt in vierter Generation. "Diese Kundinnen suchen besonders Rocailles-, Glas- und Kunststoffperlen, Pailletten, Strasssteine und Garnituren für Stickereien."

Mit der Pandemie scheint sich aber etwas geändert zu haben: Die junge Kundschaft nimmt wieder zu. "Viele wollen mit den Perlen ihre Handyschutzhüllen schmücken", erklärt Viganò. Selbstgemachtes ist im Laufe der Pandemie offenbar wiederentdeckt worden.

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Laura Viganò arbeitet seit acht Jahren im Familienunternehmen.

(Foto: Andrea Affaticati)

Zwar beliefert das Geschäft seit eh und je namhafte Mode- und Haute-Couture-Häuser, damit hat alles begonnen. Hinzugekommen sind im Laufe der Zeit aber Designer, Kunsthandwerker, Kostümbildner. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde das Geschäft dann den Studierenden der nahegelegenen Universität ein Begriff. Die Autorin selbst hat zwischen zwei Univorlesungen einen Sprung zu "Viganò" gemacht, um Perlen und Glitzersteine für eine Halskette, einen Haarschmuck oder für Stickereien auf Jeans und Jacken zu besorgen. Jetzt ist eine neue Generation am Zug und die 36 Jahre alte Laura Viganò der Beweis dafür, dass auch im digitalen Zeitalter gewisse Sachen nicht an Magie verloren haben.

Apropos 70er- und 80er-Jahre: "In diesen Schubladen hier haben wir noch viel Ware aus dieser Zeit", sagt Viganò. "Anders als heute hat man damals große Partien eingekauft, auch weil wir ja neben dem Einzelhandel schon immer auch Großwarenhändler sind." Die Vintage-Ware ist besonders bei den Stammkunden sehr beliebt und die Schubladen sind so etwas wie ein Archiv.

Eine Idee aus Paris

Ihr Urgroßvater würde sich sicher freuen, dass sein Lebenswerk, für das er Anfang des 21. Jahrhunderts den sicheren Posten bei einem Postamt aufgegeben hatte, noch immer besteht. Carlo Viganò war der Alltag zu eng geworden. Nur in der Freizeit seinem künstlerischen Talent nachzugehen, genügte ihm nicht mehr. Also machte er sich auf in die Modemetropole Paris.

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Carlo Viganò schloss 1919 mit dem Laden eine Marktlücke in Mailand.

(Foto: Andrea Affaticati)

Dort stieß er auf das Geschäft "Fried Frères". Die aus Wien stammenden Brüder Gustav und Otto Fried hatten es 1886 gegründet und zur wichtigsten Adresse für Stickereizubehör gemacht. Plötzlich ging Carlo Viganò ein Licht auf: So ein Geschäft fehlte in Mailand. Heute würde man sagen, dass er eine Marktlücke entdeckt hatte und beschloss, sie zu füllen. Also kehrte er nach Mailand zurück, übernahm ein Kurzwarengeschäft in der Via Paolo da Cannobio 39 und verwandelte es in das, was es bis heute ist.

Bei Laura Viganò hat sich die Leidenschaft erst später eingestellt. "Freilich fand ich die bunten und schimmernden Steinchen als Kind faszinierend und ich kann mich sogar daran erinnern, wie mich mein Opa, da war ich ein Jahr alt, auf die Waage setzte", erzählt Viganò. "Aber anders als bei manch anderen Kollegen, die im Familiengeschäft wortwörtlich aufgewachsen sind, nach der Schule ins Geschäft der Eltern kamen und im Hinterzimmer die Hausaufgaben machten, bin ich eher selten hergekommen." Sie hat Humanwissenschaft studiert, dann eine Zeitlang in einer Werbeagentur gearbeitet. In das Familienunternehmen ist sie vor acht Jahren eingestiegen, "dass ich aber tagtäglich im Geschäft bin, ist erst seit einem Jahr". Ihr Vater Giancarlo ist ja noch mit von der Partie.

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Zu der jüngeren Kundschaft zählen heute viele Studentinnen und Studenten der international renommierten Mailänder Modeschule Marangoni und des Europäischen Instituts für Design (IED). Hier besorgen sie sich das Nötige, um ihren ersten Kreationen etwas Besonderes beizufügen oder um sich inspirieren zu lassen und von Laufstegen zu träumen, auf denen vielleicht eines Tages ihre Kollektion zu sehen sein wird.

Doch wie lange kann so ein Geschäft noch überleben? "Solange man den Kunden etwas Außergewöhnliches zu bieten hat", antwortet Viganò. Und solange man selber dafür eine Leidenschaft habe. "Früher war es ein Unternehmen unter vielen, von dem man leben konnte. Heute braucht es die Leidenschaft. Wäre ich nicht mit Leidenschaft dabei, hätte ich einen anderen Weg eingeschlagen." Und dann heißt es, sich zu verabschieden und wieder in den Alltagstrubel einzutauchen. Das Wort Leidenschaft hallt aber noch lange nach.

Quelle: ntv.de

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