Leben

Riads, Gärten und Traditionen Marrakesch, ein Kulturrausch

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Patio Principale - ein Innenhof, der Ruhe und Entspannung spendet.

(Foto: Lydia Toll)

Marrakesch ist 2020 die erste Kulturhauptstadt Afrikas. Tatsächlich vermischen sich in der "roten Stadt" die unterschiedlichsten Kulturen. Wer dort unterwegs ist, erliegt schnell ihrem Zauber.

Dass man sich in der Medina von Marrakesch mindestens einmal verläuft und das zu einem Besuch der "roten Stadt" schlicht und ergreifend dazugehört, steht in jedem Reiseführer und Blog. Doch bevor wir die Medina überhaupt erkunden können, wird unser Orientierungssinn schon auf die Probe gestellt. Erst ein Stockwerk runter, durch den Innenhof mit den Orangenbäumen, in der rechten Ecke wieder die Treppe hoch - und dann stehen wir nicht etwa an der Rezeption, sondern in einem weiteren hübschen Innenhof. Said, der Service-Mitarbeiter, kichert und bringt uns auf den richtigen Weg. Die linke Ecke direkt neben dem großen Gong wäre richtig gewesen.

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Eine Suite.

(Foto: Justin Macala)

17 Zimmer um sieben Patios, drei Salons und drei Alkoven, dazu eine weitläufige Dachterrasse mit Blick auf die Medina, das ist das Riyad el Cadi. Es besteht aus einem Riad und mehreren Dars. Kurze Fachkunde: Als Dar bezeichnet man ein gewöhnliches Stadthaus mit einem Innenhof. Das arabische Wort Riad derweil (Riyad ist die buchstabentreue Umschrift, durchgesetzt hat sich aber die Schreibweise Riad) bedeutet übersetzt Garten. Der Patio eines Riads beherbergt also traditionell einen Garten: vier rechteckige, mit Bäumen bepflanzte Flächen um einen Brunnen im Zentrum des Hofes.

Riads wurden mit Beginn des Islams populär und boten der Familie Schutz und Privatsphäre. Kleine Oasen, die sich zumeist hinter unscheinbaren Außenfassaden verstecken. Hunderte dieser Stadtpalais wurden in Marrakesch zu Gästehäusern umgebaut, von Backpackerhostels bis zu Luxusherbergen gibt es sie in allen Preisklassen. Viele von ihnen gehören Ausländern, so auch das Riyad el Cadi.

Die alte Architektur retten

Herwig Bartels, langjähriger Diplomat, Kenner der arabischen Welt und Kunstsammler, kam 1994 als deutscher Botschafter nach Rabat. "Er hat sich sofort in Land und Leute verliebt. Er mochte die warmherzige und großzügige Art der Marokkaner und wollte seinen Ruhestand in Marrakesch verbringen, also kaufte er das im 14. Jahrhundert erbaute Riad", erzählt seine Tochter Julia Bartels, die das Gästehaus seit seinem Tod weiterführt.

"Der Medina drohte damals der Zerfall, es war ein Arme-Leute-Viertel. Aber während die Marokkaner einen Neubau mit Klimaanlage und Parkplatz vor der Tür wollten, waren die Europäer begeistert von der alten Architektur. Als mein Vater beobachtete, wie die ersten Riads zu Gästehäusern umgebaut wurden, beschloss er auch sein Haus auf hohem Niveau zu restaurieren. Nach und nach kaufte er dann immer mehr angrenzende Häuser hinzu. Man kann schon sagen, dass die Medina heute vor allem Ausländern gehört - aber ohne die gäbe es sie vielleicht gar nicht mehr."

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Verzierte Fassaden geben vielen Unterkünften ihren Charme.

Zeit, sich selbst ein Bild zu machen. Wir tauschen das Plätschern des Brunnens und das Zwitschern der Vögel gegen den Trubel der Medina. Hupende Mopeds düsen durch die Gassen, die vor Menschen nur so wimmeln. Händler preisen ihre Waren an, Eselkarren versperren den Weg. Die Saadier-Gräber und der Bahia-Palast sowie die ehemalige Koranschule Medersa Ben Youssef, die nach aufwändigen Renovierungen demnächst neu eröffnen soll, gehören zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten von Marrakesch. Mindestens genauso toll ist es aber, sich einfach durch die Medina treiben zu lassen. In den Souks duftet es nach Kräutern und Gewürzen. Teppiche, Schuhe und Lampen werden genauso angeboten wie lebende Chamäleons oder Hühner. Dem bunten Treiben auf dem Platz Djemaa El Fna, wo Schlangenbeschwörer, Henna-Frauen, Künstler und Musiker ihrem Handwerk nachgehen, kann man stundenlang zusehen. Nicht umsonst ist Marrakesch 2020 erste afrikanische Kulturhauptstadt.

"Marrakesch befördert Europäer angeblich in einen anderen Seinszustand, einen Taumel oder Traum, in eine andere, vorher nicht gekannte Welt und macht sie danach süchtig", schrieben Anton Escher und Sandra Petermann in ihrem Buch "Tausendundein Fremder im Paradies. Ausländer in der Medina von Marrakesch". Denn Herwig Bartels ist nicht der einzige Europäer, der sich in die Kultur Marokkos und speziell Marrakesch verliebte und dort sesshaft wurde.

Als André Heller Marrakesch verfiel

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Markttreiben in Marrakesch.

(Foto: Niels Bitsch)

Der österreichische Künstler André Heller kam 1972 das erste Mal nach Marokko. Seine anstehende Konzerttournee sagte er spontan ab und statt wie geplant drei Wochen blieb er viereinhalb Monate. Vor gut zehn Jahren erwarb er acht Hektar Brachland 30 Kilometer südlich von Marrakesch und schuf dort den Paradiesgarten Anima, der 2016 eröffnet wurde. Mit dem kostenlosen Busshuttle geht es vorbei an kleinen Orten und Feldern zum Fuße des Atlasgebirges. Der idyllische Garten ist eine tolle Alternative zu dem zwar wunderschönen, aber völlig überlaufenen Jardin Majorelle von Yves Saint Laurent.

Versteckte Wege führen vorbei an 250 botanischen Arten und Kunstwerken von Picasso und Keith Haring. Hängematten und Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein. Und manchmal trifft man beim Spaziergang sogar auf Heller selbst, denn der Anima Garden ist wirklich sein Garten. Er grenzt an sein Privathaus. "Ich habe mich bei der Gestaltung ausschließlich von meiner Herzensbildung beeinflussen lassen. In der spielt allerdings die marokkanische Kultur eine gewisse ernste Rolle", so Heller. "Ich habe die Schönheiten des Landes stets als ein Depot für Ermutigung empfunden. Von der Musik über die Speisen, von der Architektur über die Handwerkskunst entspricht alles meinen Vorstellungen von höchster Qualität."

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Blick in den Jardin Majorelle von Yves Saint Laurent.

(Foto: Niels Kristian Bitsch)

Andrea Bury kam vor zehn Jahren nach Marrakesch, um ein Riad zu renovieren und fühlte sich von der marokkanischen Kultur so inspiriert, dass sie ein neues Projekt auf die Beine stellte: ihr Fair-Trade-Accessoire-Label Abury. "Ich war fasziniert von dem kunsthandwerklichen Erbe und den Fähigkeiten der Marokkaner, erkannte aber, dass es für sie zunehmend schwieriger wurde, gegen Billigimporte aus China zu bestehen", erzählt sie. "Ich fing damals an, traditionelle, handbestickte Berber-Taschen zu sammeln, auf die ich in Deutschland immer wieder angesprochen wurde. So kam mir die Idee, eine Foundation zu gründen, die Taschen zu verkaufen und mit dem eingenommenen Geld Bildungsprojekte zu unterstützen." Heute arbeitet Bury mit rund 20 marokkanischen Frauen, die Taschen, Schuhe und Accessoires fertigen. Sie sind in 50 Geschäften in ganz Deutschland und natürlich in Andrea Burys Riad AnaYela erhältlich. Die Hälfte aller Gewinne wird über die Anury Foundation in soziale Projekte reinvestiert.

Marrakesch geht auch per Rad

Wer Marrakesch nach dem Einkaufsbummel auf etwas andere Art erkunden möchte, ist bei Cantal Bakker genau richtig. Die junge Niederländerin will das Fahrrad in Marrakesch salonfähig machen und hat vor drei Jahren das Projekt Pikala Bikes ins Leben gerufen. Mittlerweile beschäftigt sie über 30 junge Menschen, die Fahrräder reparieren oder Radtouren durch die Stadt organisieren.

Während der dreistündigen Touren geben die Guides einen Einblick in ihr ganz persönliches Marrakesch, zeigen einen Gemeinschaftsofen und ein öffentliches Badehaus. Es geht durch das historische Stadtzentrum, aber auch in die Neustadt. "Marrakesch eignet sich perfekt zum Radfahren: Die Gegend ist flach, es gibt kaum Autos in der Medina und meist scheint die Sonne. Außerdem ist die Stadt interessiert daran, mehr Aktivitäten im Bereich Ökotourismus anzubieten", so Bakker, die bei Gründung von Pikala Bikes gerade mal 24 Jahre alt war. "Marrakesch ist sehr überwältigend, charmant und dynamisch. Das ist sehr inspirierend und bietet viel Freiraum, um etwas auf die Beine zu stellen. Viele Dinge werden hier informell und spontan erledigt und die Gesellschaft ist so lebendig, dass Marrakesch ein Spielplatz für neue Konzepte ist."

Darüber denken wir nach, als wir am letzten Morgen mit einem frischen Minztee auf der Dachterrasse unseres Riads sitzen - durch die verwinkelten Treppen und Gänge können wir inzwischen im Schlaf navigieren - und den Sonnenaufgang beobachten. Kein Wunder, dass sich so viele Menschen in diese Stadt verlieben.

Quelle: ntv.de