Leben

Schnecken - melken oder essen? Schön durch Schneckenschleim

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Maria Gravilita liebt ihre Schnecken - Namen haben sie aber nicht.

Gut für die Entschleunigung und die "Bellezza": Seit sechs Jahren widmet sich Maria Gravilita der Schneckenzucht. Der Schleim der Tiere dient zur Herstellung hochwertiger Kosmetik. Entnommen wird er ihnen mit einer Art Kitzel-Taktik. Und dann ist da ja noch die leckere Knoblauchsoße.

Unter freiem Himmel, zwischen jungen Grashalmen, die gerade aus der Erde sprießen, tummeln sich die einen, andere zermalmen Soja- und Salatblätter, weitere ruhen noch, gemächlich in Trauben zusammengeschart, an den Wänden kleiner Holzkisten. Wobei das mit dem Tummeln nicht ganz richtig ist, immerhin ist hier von Schnecken die Rede. Da passt "tummeln" irgendwie nicht. Ich bin bei Maria Gravilita, einer 31-jährigen Schneckenflüsterin. Die aus Moldawien stammende Liebhaberin der Langsamkeit führt mich durch ihr Schneckenreich. Wobei hier eine kleine Richtigstellung vonnöten ist: Der Rundgang und das Gespräch finden wegen der geltenden Covid-19 Maßnahmen natürlich nur per Video statt.

Es sind über eine Million "Lumache felici", glückliche Schnecken, die Maria in Campo San Martino, einer Gemeinde in der Nähe von Padua, züchtet. Und "Lumaca felice" heißt auch das Unternehmen, das sie vor sechs Jahren zusammen mit ihrem Mann und den Schwiegereltern gegründet hat. Den Namen hat ihre heute neuneinhalbjährige Tochter ausgesucht. Sie und ihr zweieinhalbjähriger Bruder sind in die Tierchen vernarrt und ziehen, wann immer es geht, mit der Mutter durch das Schneckenfeld.

Der erste Misserfolg

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Und was machst du so beruflich?

Schnecken zu züchten, daraus einen Beruf zu machen - welch bizarre Idee. Oder? "Wir hatten im Fernsehen eine Sendung über Schneckenzucht gesehen" erzählt Maria ntv.de. Wie ihre Kinder hatte auch sie, die in ihrer Heimat ebenfalls auf dem Land aufgewachsen ist, schon seit klein auf ein Faible für die Tierchen. Die Doku hatte sie so fasziniert, dass sie beschloss, daraus einen Beruf zu machen. Sie schlug ihren Schwiegereltern vor, es auf einem Teil ihrer Felder zu versuchen. Die Familie sagte zu, was nicht weiter verwunderlich ist, denn mit ihrer warmherzigen, mitreißenden Art, würde Maria einfach alles gelingen. "In der Tat hielten uns viele Freunde und Bekannte für verrückt", erinnert sie sich. Sie glaubte aber fest daran.

Natürlich musste die Sache professionell angegangen werden. Und so begab sich die ganze Familie nach Cherasco, einer Gemeinde im Piemont. Den Weinkennern ist der Name sicher bekannt, aus dieser Gegend stammt nämlich der renommierte Dolcetto d'Alba. Hier befindet sich außerdem das Internationale Institut für Schneckenzucht, in dem die Familie einen Einführungskurs belegte. Man lernte das Wichtigste, "trotzdem überlebten unsere ersten 1500 Schnecken den Winter nicht", erzählt Maria. Man hatte ihnen gesagt, dass das Zudecken der Schnecken im Winter nicht zwingend nötig sei. Doch anscheinend war es ihren kleinen Bauchfüßern doch zu frostig gewesen. Maria ließ sich von diesem ersten Misserfolg aber nicht abschrecken und startete erneut. Mittlerweile stehen auf 6000 Quadratmetern 24 Gehege, in denen sich ihre "Helix aspersa", so heißt die Schneckenart, die sie züchtet, bewegen und fortpflanzen.

"Schnecken vermehren sich in Windeseile. Zum einen, weil sie vier Mal im Jahr Eier legen, und jedes Mal sind es 60 pro Tier. Bei 100 Schnecken ergibt das im Jahr die beachtliche Zahl von 24.000 Eiern. Außerdem sind sie Zwitter, das bedeutet, dass sie sich selbst befruchten können", erklärt Maria, während sie zwischen den Gehegen nach eventuellen Löchern in den Zäunen sucht, in die fremde Tiere hinein- oder die Schnecken hinausschlüpfen könnten. Ein Kontrollgang, der jeden Tag erfolgt. Überall erblickt man angenagte Karotten, Salatblätter, Kohlköpfe und weiteres Grünzeug, mit dem die Tiere gefüttert werden. Pro Woche verzehren die Tiere allein 1600 Kilogramm Karotten und 1500 Kohlköpfe. Den Großteil des Futters baut die Familie selbst an, die Karotten kommen wiederum aus Chioggia, denn die brauchen einen sandigen Grund. Aber immerhin sind sie ein Regionalprodukt.

Schnecken melken? Oder lieber aufessen?

Schnecken leben im Durchschnitt bis zu drei Jahre. Nach 18 Monaten sind sie ausgewachsen genug, um den Schleim, der viele besonders für die Haut wohltuende Nährstoffe beinhaltet, zu melken. Im kommenden Jahr hofft die Familie ihr eigenes Labor zu haben, damit wäre das Modell einer Kreiswirtschaft vervollständigt. Im Moment bringt sie die Schnecken noch nach Cherasco. "Das Institut hat ein Gerät entworfen, das 100 Prozent cruelty-free ist", erklärt sie.

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Man muss sie nur ordentlich kitzeln!

Um sich den Melkvorgang bildlich vorzustellen, kann man als Vergleich eine Sauna nehmen, die Schnecken werden mit einem Ozondampf "gekitzelt" und geben den Schleim ab. Mit dieser Methode würden sie weder gestresst noch erlitten sie Schaden, hebt Maria hervor. Danach kommen die Tiere zurück nach Campo San Martino, während der Schleim im Institut zu Kosmetikprodukten verarbeitet wird. Ihre Kosmetiklinie heiße "Bellezza Naturale", was auf Deutsch "natürliche Schönheit" bedeutet.

Und dann ist da noch die Gourmetsparte. Maria gibt zu, dass sie am Anfang damit, dass die Tiere gegessen würden, gehadert, sogar geweint habe. "Aber ist das nicht mit allen Zuchttieren so?" fragt sie. Die als Delikatessen geltenden Schnecken verkauft sie an Restaurants, Bistros und auf den Wochenmärkten in der Umgebung.

Ihr Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr morgens, die Kinder müssen zur Schule gebracht werden. Wenn Markttag ist, muss der Stand schon um 7.30 Uhr stehen, die Gehege müssen kontrolliert und die Schnecken versorgt werden. Ein Berg an Arbeit. "Das macht mir aber nichts aus", sagt Maria, sie sei hier glücklich, und Fleiß und Hingabe sind nun mal die Voraussetzung, um seine Träume zu verwirklichen. Sie hofft, dass ihr Beispiel auch den Kindern eine Lehre ist. Außerdem würde sie für nichts auf der Welt auf das Abendkonzert ihrer Bauchfüßer verzichten: "Besonders an den Sommerabenden, wenn die Schnecken, die tagsüber irgendwo im Schatten verkrochen waren, herauskommen und zu futtern beginnen,- von Dunkelheit und Stille umgeben, gibt es für mich keine schönere Musik."

Quelle: ntv.de

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