Leben

In Vino Verena über die Kirche Wäre Gott (noch) Kirchenmitglied?

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Nur wer Kirchensteuer zahlt, ist ein guter Katholik. Wer keine zahlt, ist gar kein Katholik.

(Foto: imago images / Eibner)

Glaube ja, Kirche nein: Unsere Kolumnistin erlebte ihre DDR-Kindheit in einer katholischen Familie. Sie war sehr oft in der Kirche und glaubt, Gott wäre bei all dem Unrecht in seinem Namen längst aus selbiger ausgetreten.

"Mensch, die Kirchenglocken bimmeln ja schon wieder", sagte meine Mutter neulich ein bisschen genervt und ich erinnerte mich, wie ich mich mit meinem Vater, als er noch lebte, öfter über Gott und die katholische Kirche stritt und ihm besserwisserisch das zuvor aufgeschnappte Nietzsche-Zitat "Gott ist tot" um die Ohren pfefferte.

Dabei hatte ich zu Gott lange ein verdammt gutes Verhältnis (Ich überlege gerade, ob ich das Wörtchen verdammt wieder lösche). Lange Zeit war Gott mein Kumpel, besonders wenn ich mir als Zonenkind wieder irgendwelche blöden Sprüche anhören musste, weil meine Familie sonntags in die heilige Messe ging. Ich erinnere mich, dass ich einmal, das muss so in der zweiten Klasse gewesen sein, einem Mitschüler der mich wegen Jesus ärgerte, sagte: "Gott sieht, dass du mich ärgerst, dafür kommst du in die Hölle und da kriegst du vom Teufel jeden Tag eine reingehauen!" Er war dann ruhig, der freche Bengel.

Mein Gott, Kirche!

In der Kirche zu sein, fand die Regierung der DDR bekanntlich nicht sonderlich dufte, zumal die vorgeschriebene Laufbahn der Ost-Kinder eine andere war: Jungpionier, Thälmannpionier, danach in die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Engagement für den Staat war gern gesehen und durchaus erwünscht, aber all diese erstrebenswerten, hochangesehenen Ziele wegen eines Lebens mit Gott auszuschlagen? Das war für viele das sprichwörtliche rote Tuch. Na ja, müssen diese katholischen Sorben (denen meine Familie entstammt) ja selber wissen, wenn die sich die Zukunft verbauen, weil sie lieber beten, so der allgemeine Konsens der Führungsriege des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates.

Doch die werten Genossen hatten die Rechnung ohne meinen Vater, gemacht. Schon vor meiner Geburt hatte dieser beschlossen, mich nur sporadisch an diesen, wie er sie nannte, Spinner-Programmen teilnehmen und mich stattdessen lieber die Sakramente empfangen zu lassen.

Ohne Schaden zu nehmen besuchte ich religiöse Kinderwochen, Wallfahrten und den Religionsunterricht. Wenn man gesündigt hatte, ging es zur Heiligen Beichte, wo ich irgendwann den Dreh raus hatte und dem Pfarrer manchmal um Vergebung für Sünden bat, die ich noch nicht begangen hatte, wie etwa der ungeheuer magischen Anziehungskraft von Vaters Geldbörse nicht widerstehen zu können.

"Gott wohnt überall"

Ich erinnere mich noch ganz genau an eines der ersten Gespräche mit meinem Vater über Gott. Es war Sommer, ich war noch im Kindergarten, wir waren auf dem Balkon und Vater saß auf einer zum Hocker umfunktionierten alten Waschtrommel und qualmte eine.

Ich legte los: "Warum heißt Gott eigentlich Gott? Ist das sein Vor- oder sein Hintername? Und sein Sohn - der Jesus Christus? … Mm... Ist Gott mit Karel Gott verwandt?" So ging das in einer Tour. Mein Vater antwortete anfangs, irgendwann aber machte er ein Gesicht, als wolle er jeden Moment meine Mutter rufen, die ihm doch bitte das neugierige Kind vom Hals schaffen möge. Aber ich fragte immer weiter und weiter:

"Wo genau im Himmel wohnt Gott eigentlich?"

"Na überall!", sagte mein Vater.

"Ja, aber wo genau? Was ist, wenn einer mal zu Gott will, weil er 'ne Frage hat, der braucht doch die genaue Adresse im Himmel!"

"Gott wird ihn finden", brummte Vater. "Außerdem wohnt Gott nicht nur im Himmel."

"Nicht?"

"Gott wohnt überall auf der Welt."

"In unserer Kirche?"

"Mm. Aber auch bei Oma und Opa."

"Ja? Aber nicht in Opas Gewächshaus? Da ist immer sone Demse! Und ist Jesus wirklich der einzige Sohn vom lieben Gott?" Ich merkte, meine Fragerei begann, ihm allmählich richtig auf den Senkel zu gehen.

"Mm", machte er wieder, zog an seinem Glimmstängel und pustete den Qualm weit nach oben aus.

"Und der Heilige Geist? Wohnt der auch im Himmel? Ist das der Nachbar von Gott?"

"Aber der Heilige Geist ist doch Gott!"

"Hä?"

Keine Kirchensteuer, kein Katholik

Derlei Gespräche führten wir in meiner Kindheit öfter. Dann wurde es ruhig darum. Eines Tages starb Vater. Ich weiß nicht, ob Gott da bei ihm war. Kurz zuvor hatte er in seiner letzten Sonntagsmesse noch den Rosenkranz gebetet. Ich hätte ihn gern noch Vieles gefragt, etwa, was er wohl darüber denkt, dass immer mehr Mitglieder aus der katholischen Kirche austreten, allein im Jahre 2018 waren es mehr als 200.000.

Ich hätte auch gern gewusst, was er über die Kirche im Umgang mit der Aufarbeitung des mannigfaltigen, sexuellen Missbrauchs dachte. Oder auch über deren Haltung zu Homosexualität, zur Ehe für alle oder einfach nur darüber, dass man sich als Ärztin in kirchlichen Krankenhäusern nicht scheiden lassen kann, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Ich habe nie erfahren, was mein gläubiger und doch so rebellischer Vater über das Geprotze so mancher Bistümer mit goldenen Wasserhähnen oder über die Kirchensteuer gedacht hat. Für die sonntägliche Kollekte drückte er mir immer Geld in die Hand.

Erst viel später dachte ich darüber nach, wie wenig okay ich es im Grunde finde, in eine Konfession hineingeboren zu werden und dass man nur ein guter Katholik ist, solange man Kirchensteuer zahlt. Wer nicht zahlt, der ist kein schlechter Katholik, sondern gar keiner mehr.

Auf der anderen Seite kenne ich Leute, denen überhaupt erst klarwurde, dass sie eine Konfession hatten, als sie erstmals ihre Gehaltsabrechnung oder den Steuerbescheid in der Hand hielten. "Ach, stimmt, ich wurde ja getauft. Und das genügt schon dafür, dass ich blechen muss?" Weder sind sie gläubig noch praktizierende Christen, aber das ist ja der Kirche schnurz, so lange sie zahlen - die guten Katholiken.

Inzwischen bin ich, auch wegen all der oben genannten Punkte, aus der Kirche ausgetreten. Ich glaube, mein Vater hätte das okay gefunden, aber manchmal, wenn ich mich an die Gespräche als Kind mit ihm über Jesus, Maria und Josef in Bethlehem erinnere, denke ich, dass Vater mir Gott näherbrachte als es die Kirche oder irgendein Pfarrer je vermochte. Für mich ist Gott nicht tot, er lebt in meiner Erinnerung an meinen Vater. Dafür muss ich in keine Kirche. Dann lieber in Opas altes Gewächshaus.

Quelle: n-tv.de

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