Leben

Aus der Schmoll-Ecke Willkommen im Land der Blockwarte

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Mit einem Balkon lässt sich gut Sozialneid erzeugen, und klatschen kann man darauf auch.

(Foto: Thomas Schmoll)

Achtung, anderthalb Meter! Maximal zwei Personen! So tönt es überall auf der Straße und in Supermärkten. Gesunde Aufpasserei geht in Denunziantentum über. Der Blockwart feiert fröhliche Wiederauferstehung. Zum Glück gibt es einen sicheren Rückzugsort: den Balkon.

Meine Stammleser wissen inzwischen, ich bin ungefähr so exzellent wie Donald Trump. Meine Größe ist genauso grenzenlos, meine Bescheidenheit endet wie seine nicht an irgendeiner Mauer. Ich, der maximal tolerante Sehrgutmensch, habe ein Herz für Corona-Kranke im In- und Ausland, egal welcher Nation und Religion. Wäret ihr keine Träger des fiesen Virus, ich würde euch alle einzeln umarmen. Das geht aber nicht wegen des Reiseverbots und des Abstandsgebots von mindestens 1,5 Metern. Daher bleibe ich daheim in Quarantäne und denke fest an euch.

In dem Gefängnis, das sich freundlich als meine Wohnung tarnt, entdecke ich gerade neue Qualitäten in mir. Der Boden meines bescheidenen Daseins beginnt zu schwanken. Doch ich halte tapfer und mutig stand. Ich schwanke gerade auch, wie viel Zynismus und Sarkasmus ich mir dieser Tage erlauben darf, um das zu überstehen, was die Welt mit mir zusammen erlebt. Ich gebe zu, trotz meiner tadellosen Form und Gesinnung schreckhaft geworden zu sein. Als ich kürzlich eine Whatsapp erhielt, in der der Absender behauptete, ein Buch in einem Zug ausgelesen zu haben, dachte ich: Welch Leichtsinn! Auch wenn die Wagen leer sind dieser Tage und Wochen. Aber stundenlang in der Bahn zu sitzen - geht's noch?!

Keine Sorge, schlau wie ich bin, erkannte ich alsbald meinen Irrtum. Aber es zeigte: Die Panik hat mich erfasst. Nun halte ich mich umso mehr an das Ritual des Klatschens zur Selbstberuhigung. Jeden Tag trete ich 21 Uhr auf meinen Balkon und mach den Duracell-Hasen. Klatsch, klatsch. Manchmal eine volle Stunde lang, bis mir die Gliedmaßen schmerzen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn schon kein Blut, dann wenigstens Beifall zu spenden - das auch noch auf einem virengeschützten Balkon. Es ist wunderbar einfach, sich auf diese banale und feige Weise zurückzuziehen und andere machen zu lassen.

Zur Vorbereitung auf das Balkonritual habe ich eine einstündige Video-Trainingseinheit für 475 Euro absolviert: "Rhythmisches Klatschen als Mittel der Inneres-Kind-Meditation". Die Lehrerin, die sehr langsam sprach - ich vermute, um Zeit zu schinden - empfahl mir Entschleunigung. Den Rat konnte ich leider nicht annehmen, da mein Klopapier zur Neige geht. Ich wurde aufgefordert: "Du bittest das Universum, dich immerwährend mit seiner Liebe schützend zu umgeben." Okay, hab's getan. "Jetzt lässt du alles los, was du nicht mehr brauchst." Also doch aufs Klo? Meinetwegen.

Ich habe einen Balkon

Die Esoterik-Tante fuhr fort: "Es geht darum, alle Energiefelder zu berücksichtigen." He, was haben die Klatscherei und mein inneres Kind mit meinem Küchenherd zu tun? "Das Virus ist keine Gefahr. Pass nur auf, was du daraus machst." Wie bitte? Was soll ich denn aus dem Virus machen? Eine Lego-Figur? Die Lehrerin muss mich mit Drosten verwechselt haben. So viel Geld für solche Tipps. Nie wieder!

Ungeachtet dessen bin ich nun ein Meister des Klatschens ersten Grades. Ich trage den schwarzen Gürtel ums Handgelenk. Ich danke jeden Abend durch schnelles, entschlossenes, fortgesetztes Zusammenführen meiner Handinnenflächen den Medizinern und Pflegern für die geleistete Arbeit. Wenigstens ein bisschen. Eigentlich will ich den Leuten im Sozialbau direkt gegenüber meiner Wohnung nur zeigen, dass es mir besser geht als ihnen und wie toll es ist, einen Balkon zu haben. Denn sonst habe ich gerade nichts, was mich von anderen Menschen unterscheidet. Das fiese Virus betrifft uns ja alle und macht uns alle gleich. Im Grunde ist das fiese Virus ein Kommunist. Und Sozialdarwinismus ist meine Form des Protestes gegen die Ausbeutung von Kassiererinnen, Altenpflegerinnen und Krankenschwesterinnen. So kann ich mein mieses Gewissen beruhigen, dass mich deren Schicksal sonst nicht interessiert. Das gilt für fast 80 Millionen weitere Bundesbürger. Aber ich habe immerhin die Größe, es zuzugeben.

Manchmal setze ich auf azyklisches Klatschen jenseits von 21 Uhr, um meine besonders formidable Haltung herauszustellen. Etwa um Mitternacht. Dann bin ich ganz einsam auf dem Balkon und genieße mein Alleinstellungsmerkmal, unter Kundigen USP genannt. Mitternächtlicher Applaus aus Dankbarkeit gibt mir das exquisite Gefühl, ein besonders edler Sehrgutmensch zu sein, einer, der sich selbst um seinen wohlverdienten Schlaf bringt, um anderen eine Freude zu bereiten. Ich glaube allmählich, ich bin sogar noch besser als Trump. Leider sehen das nicht alle so. Gerade um Mitternacht riskiere ich bitterböse Ordnungsrufe aus der Nachbarschaft: "Ruhe", könnte jemand brüllen: "Sie leiden hier nicht allein." Aber bisher schweigen alle, man lässt mich gewähren.

Die Sinnfrage des Flatterbands

Sie glauben mir nicht? Tue ich ja selbst nicht. Ungeachtet dessen werden Sie längst festgestellt haben, dass der Balkon ein wichtiges Zentrum meines Daseins geworden ist. Ich bin allerdings nicht der Einzige in Deutschland. Es gibt Zeitgenossen, die den Balkon oder das Fenster zum Hof in Hitchcockscher Manier zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben, nach Abstandsverbrechern Ausschau halten und dabei Abzählreime üben: eins, zwei, drei, Polizei! Ja, Menschenansammlungen von mehr als zwei Personen müssen gemeldet werden, um uns vor dem Untergang zu bewahren.

Schon ist von der Rückkehr des Denunzianten und Blockwarts die Rede. Ich habe eine sehr kluge Freundin, die - ich gebe zu, sie dafür zu beneiden - das köstliche Wort vom Abstands-Nazi erfand. Sie selbst war in einem Supermarkt Opfer eines solchen, weil sie es gewagt hatte, zur Abkürzung eines Weges (und nicht etwa zwecks Vordrängelns) unter einem Absperrband hindurchzuschlüpfen. Eine in der Schlange stehende Altkluge fühlte sich sofort dem Coronavirus - also dem Tod - nahe und wies besagte Freundin zurecht, dass doch das Flatterband nicht nur zur Zierde dort hänge, sondern seinen Sinn habe. Stimmt, alles im Leben hat einen Sinn.

Mir tut die Polizei leid, die nun immer bis drei zählen muss, ehe sie zuschlagen kann.

Der Bayerische Rundfunk meldete, dass Bergwanderer im Allgäu Anzeigen erhalten sollen. Die Kletterer sollen sich an einem gewissen Riedberger Horn "dicht gedrängt am Gipfelkreuz aufgehalten und dadurch gegen die festgelegte Abstandsregel von eineinhalb Metern verstoßen" haben. Das kann nur heißen, jeder sollte allein oder maximal zu zweit sein Kreuz machen. Und das möglichst daheim. Der Berg ruft halt nicht immer. Sollen die Bergsteiger lieber den Gipfel der Liedkunst erklimmen und ein weiteres Youtube-Video mit einem dieser beknackten "Please stay home"-Songs aufnehmen und ins Internet stellen. Ich glaube, in Kombination mit einer zünftigen Jodelei käme das gut an.

Selbst die armen Teufel, die Schildchen an Autoklinken klemmen mit der Aufforderung, den Wagen an XY zu verkaufen, könnten einen Beitrag im Kampf gegen das fiese Virus leisten. Ein Anruf bei der Polizei genügt: "Guten Tag, Hassan hier, ich laufe gerade durch Charlottenburg und möchte ein fremdes Kennzeichen melden, aus dem sich ein Wohnsitz außerhalb Berlins schließen lässt. Gehen Sie der Sache bitte nach." Denn nur, wenn wir uns alle solidarisch verhalten, schaffen wir das. Und da ist doch nicht zu viel verlangt, dass sich Hassan wie ein Deutscher verhält. Und momentan ist das Abstandsgebot eben noch ein bisschen wichtiger als das Reinheitsgebot für deutsches Bier.

Quelle: ntv.de