Leben

Thiel, Moerck, Wallander, Bones "Wir sind ein Krimi-Leser-Zuschauer-Land"

43400580.jpg

"Tatort" Münster: Boerne und Thiel sorgen für Traum-Einschaltquoten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der "Tatort" erzielt jede Woche Traumquoten im Fernsehen. Die Bestsellerlisten bei Büchern und Hörbüchern führen oft Krimis und Thriller an. Was macht sie so erfolgreich? Welche Rolle spielen die USA? Gibt es Kommissar Thiel wirklich? Medienexperte Stephan Weichert verrät es im n-tv.de Interview.

n-tv.de: Herr Weichert, von Hochglanz- bis Billigproduktion: Alles, was sich um Verbrechen und deren Aufklärung dreht, scheint im Medienland Deutschland erfolgreich - ob im Buch-, Hörbuch- oder TV-Markt. Woran liegt das?

Stephan Weichert: Bei Krimis wirken klassische Restriktionsmuster: Gut und Böse, Freund und Feind. Die Welt wird in sehr einfachen Schemata gezeigt. Verbrechen und deren Aufklärung sind schon immer auf großes Interesse gestoßen.

Also ist der Erfolg nicht einfach nur dem reinen Zeitgeist geschuldet?

Nein. Schon in den 1970ern und 1980ern gab es hierzulande erfolgreiche Krimiserien, die sehr beliebt in der Zuschauergunst waren, "Derrick" oder "Der Alte" beispielsweise, dann "Schimanski". Allgemeiner gilt: Deutschland ist schon immer ein Krimi-Lese-Zuschauer-Land gewesen.

Und dennoch hat man das Gefühl, dass Krimis vor allem im Fernsehen derzeit Überhand nehmen, vor allem im Öffentlich-Rechtlichen, aber auch teilweise bei den Privaten.

Ja, es gibt im Medienbereich Produktionszyklen. Früher waren es die Talk-Shows, jetzt sind es die Krimis, wo man als normaler Zuschauer denkt: Das Thema müsste sich doch längst totgelaufen haben. Aber vor allem durch den US-Serien-Einfluss gab es frisches Blut für das Krimi-Genre.

Inwiefern?

Unbenannt.jpg

Prof. Dr. phil. Stephan Weichert leitet den Masterstudiengang "Digital Journalism", das "Urban Storytelling Lab" und das "Digital Journalism Fellowship"-Programm an der Hamburg Media School (HMS).

(Foto: Stephan Weichert)

Das betrifft vor allem die Dramaturgie und das Storytelling: Das Tempo ist höher, es greifen mehrere Erzählebenen ineinander. Es wird beispielsweise in zeitlich anderen Abfolgen eine Art Puzzle erstellt, welches sich der Zuschauer dann selbst zusammensetzen muss.

Es wird also nicht mehr klassisch linear erzählt, der Mord passiert, dann wird ermittelt?

Genau. Der Zuschauer muss sich die Geschichte im Kopf selbst zusammensetzen, um zu begreifen, worum es eigentlich geht. Die Komplexität des Erzählens ist eine ganz andere als beispielsweise beim klassischen "Tatort" von vor 20 Jahren.

Hängt das mit den heutigen Sehgewohnheiten der Zuschauer zusammen?

Absolut. Die Zuschauer erwarten komplexere Handlungen und Erzählweisen. Der Anspruch ist einfach gestiegen. Der Zuschauer kann mehrere Erzählstränge verkraften, er fordert sie sogar teilweise ein. Das sind Neuerungen, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat und die auch viel mit dem Mut der Regisseure und Produktionsfirmen zusammenhängen. Angeregt wurde das Ganze durch den Erfolg amerikanischer Krimiserien hierzulande.

Es gibt mittlerweile auch deutsche Miniserien ...

Richtig, die sind auch dem Erfolg der amerikanischen Produktionen geschuldet. Da hat man sich einfach dem Netflix-Publikum angepasst - und plötzlich zeigt sich, dass auch in Deutschland der Zuschauer Interesse an guten seriellen Erzählformaten hat.

Worin bestehen die Unterschiede zwischen einem Krimi und einem Thriller?

Ein Thriller soll einen packen. To thrill: aufregen, anregen. Thriller sind actionreicher, haben eine schnellere Erzählweise, mehr Dynamik. Ein Krimi kann dagegen auch mal sehr, sehr gemütlich daherkommen, wie das Beispiel der Axel-Milberg-"Tatorte" zeigt.

Ein gutes Beispiel. Sind die deutschen Kommissare wirklich so? Bilden die Serien die Wirklichkeit ab?

(lacht) Nein, die Wirklichkeit bilden sie nicht ab, es ist immer Fiktion und sehr viel Stereotype. Journalisten beispielsweise sind in den "Tatort"-Filmen in der Regel Männer mittleren Alters. Sie tragen Lederjacken, haben immer Block und Kuli zur Hand und stören dann die Ermittlungsarbeiten der Kommissare. In Wirklichkeit ist das natürlich nicht so.

Und die Kommissare selbst?

Für die gilt das natürlich auch. Jeder von denen hat mindestens eine Macke, eine Besonderheit, die sie zu Karikaturen von echten Polizisten oder Ermittlungsbeamten machen. Man fragt sich dann als Zuschauer unwillkürlich immer: Hätte ein Kommissar Thiel beispielsweise überhaupt eine Chance im normalen deutschen Polizeidienst? Wahrscheinlich wäre so jemand schon längst des Dienstes enthoben. Ich kenne auch keinen Ermittler, der einen amerikanischen Oldtimer als Dienstwagen fährt und sich immer Currywurst essend am Kölner Dom aufhält.

Das macht sie aber eben sympathisch ...

Absolut. Ich glaube, das sind gewollte Brüche bei den TV-Charakteren, damit sie für den Zuschauer interessant bleiben. Aber: Die sympathische Darstellung der "Tatort"-Kommissare hat dazu geführt, dass sich viele Menschen bei der deutschen Polizei bewerben, um Kommissar zu werden.

Die Kommissar-Charaktere werden also überspitzt dargestellt. Sie sprachen von "Karikaturen". Gilt das auch für Storys selbst?

Meistens ja. Der Zuschauer sollte sich einfach einmal fragen: Passieren denn überhaupt so viele Morde in Deutschland? Auf Sylt? Im Taunus? Laufen sie so ab, wie im Fernsehen dargestellt? Die Antwort dürfte jeweils eindeutig ausfallen. Die Realität wird meist nicht abgebildet. Das Gleiche gilt aber übrigens für die Nachrichten.

Mit Stephan Weichert sprach Thomas Badtke

Am Sonntag, 26. August stellt n-tv.de Ihnen sechs Thriller-Hörbücher vor.

Quelle: ntv.de