Wohnen

Die richtigen Wandfarben wählen "Die Welt verträgt kein Weiß"

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Die Wände weiß zu streichen, ist keine gute Idee. Aber welche Farbe passt dann?

imago/Westend61

Die Wohnung neu streichen, bloß wie? Axel Venn erklärt im Gespräch mit n-tv.de, welche Farben einem Raum gut tun und welche nicht. Venn ist emerierter Professor für Farbgestaltung, Trendscouting und Wahrnehmungswissenschaften. Er forscht auf dem Gebiet der Farben, arbeitet als Designer und Farbkünstler.

n-tv.de: Wie finde ich heraus, was meine Lieblingswandfarbe ist?

Axel Venn: Man sollte sich einen einfachen Farbkasten mit 12 Farben besorgen, dazu Deckweiß und Pinsel. Und damit versucht man seine Vorstellungen auf Papier zu bringen. Das kann wirklich jeder. Man sollte sich nicht von vornherein auf eine Farbe festlegen, sondern ausprobieren und immer wieder neu mischen. Dieses Mischen ist besonders wichtig. Nur in Form dieses Prozesses findet man seine Lieblingsfarbe. Es ist ein Selbstfindungsprozess.

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Farben sind Axel Venns Steckenpferd, seit er "vier Jahre alt ist", verrät der Experte. Sein aktuelles Alter möchte er jedoch nicht verraten.

(Foto: Michael Schipper)

Wie viele Farbtöne sollte man in seiner Wohnung haben?

Man sucht sich am besten eine Skala von vier Farben aus. Und dann ist es immer gut, in einem Raum mit dem hellsten Ton zu beginnen und zum Schluss Akzente zu setzen. Die Deckenfarbe ist meist die hellste Tonlage und dann kommt in jedem Raum ein weiterer Ton hinzu. Beispielsweise kann die Wandfarbe in der Küche ein ganz sanftes, pastelliges Efeugrün sein und dann ein grauer Cremeton dazu. Und diese Farben sind dann auch die Grundlage für das Wohnzimmer und den Flur. Im Flur ist dann vielleicht der Grauton der helle Deckenton und es kommt noch ein Cremeton dazu. Und im Wohnzimmer findet sich dieser Cremeton dann an zwei Wänden wieder. Das ist dann die Seite der Beruhigung und dann kann man noch einen aufregenden Ton dazuwählen. Zum Beispiel würde ein sanftes, graues Bleu gut passen.

Wenn ich doch noch Schwierigkeiten mit der Farbwahl habe: Welche Farben gehören denn zu den Wohlfühlfarben?

Das sind die sogenannten Inkarnat-Farben. So nennt man die Farben der Haut und insbesondere des Gesichts. Inkarnat-Farben mögen wir immer. Sie besänftigen und beruhigen uns. Die Farben reichen von einem mittleren Creme bis zu einem leichten Bronzeton oder noch dunkler. Auch als Einrichtungsfarben sind Inkarnat-Farben besonders geeignet.

Das heißt, man wählt am besten Inkarnat-Farben als Grund und sucht sich dann noch einen Akzent dazu?

Richtig. Ein getönter Weiß-Grau-Ton ist zu Inkarnat auch sehr schick. Um den richtigen Akzent für sich zu finden, kann man auch wieder den Farbkasten zur Hilfe nehmen. Man probiert einfach aus, legt die unterschiedlichen Töne dann in einer Skala vor sich hin und wählt so aus.

Für Ihr Buch "Farben für Körper, Geist und Seele" haben Sie rund 60 Menschen um ihre farbliche Interpretation von Begriffen gebeten. Bekommt man da nicht völlig unterschiedliche Ergebnisse? Hat nicht jeder eine andere farbliche Vorstellung von Begriffen wie "frisch" oder "entspannend"?

Nein, eben nicht. Sie sind sich sehr ähnlich. Das liegt an evolutionären Entwicklungen. Man versucht nicht nur, den Einklang mit sich selbst zu finden, sondern auch mit verschiedenen Personen, die man kennt. Man fragt sich immer wieder: Was würde den anderen gefallen?  

Wenn man dann endlich eine Farbe gewählt und an die Wand gepinselt hat, besteht dann nicht die Gefahr, dass man diese Farbe schnell "über" hat?

Eines ist immer wichtig: Man braucht immer zwei Farben in einem Raum. Eine Farbe dient der Beruhigung und die andere der Anregung. Man schaut in die eine Richtung, dort ist die Farbgebung sanft, man spürt die Farbe kaum und der andere Ton im Raum kann eine kleine Portion laut sein. So ist es richtig. Die Farben müssen ein Stimmungsbarometer erzeugen.  

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Die meisten Wohnungen, die man betritt, sind weiß gestrichen. Ist das eine gute Idee?

Das ist die schlechteste Idee, die es gibt. Der Mensch kann gut 9 Millionen Farben differenzieren. Und dann nimmt er gerade den Ton, der keine Farbe ist. Das verstehe ich nicht. Weiß ist langweilig und verblassend. Ich verstehe gar nicht, wie man in weißen Räumen kommunizieren kann.

Was macht Weiß denn mit uns?

Weiß ist nicht anregend. Wenn man diskutiert, ist man am liebsten in nett eingerichteten Restaurants. Man sitzt an einem Tisch, es sind warme Töne um einen herum und dann fließt das Gespräch. Im weißen Raum fließen keine Gespräche, es werden keine Fantasien entwickelt und es ist wenig emotional.

Warum sind dann so viele Wände weiß gestrichen?

Weiß war eine typische Welle. Vor allem in Berlin. In Berlin ist alles weiß, das ist schrecklich, das hat wohl noch was mit preußischen Tugenden zu tun. Möglichst sauber sollte es aussehen. Früher waren nur Kuhställe weiß, um Insekten fernzuhalten. Insekten mögen kein Weiß. Und irgendwann hat Weiß dann Einzug in die Wohnungen erhalten. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viel Weiß wie in Deutschland. Allerdings war es hierzulande auch lange so, dass Wohnungen beim Auszug geweißt werden mussten. Auch dadurch kam es zu dieser Weißbesetzung.

Aber wenn ich Bilder an die Wand hänge, dann ist das monotone Weiß doch unterbrochen. Ist das dann nicht okay?

Das ist tatsächlich etwas anderes. Große Bilder, eine Bibliothek oder ein Kamin machen einen Raum erlebnisreich. Dann ist eine weiße Wand okay. Dennoch denke ich: Es ist zu schade, weiße Räume zu haben. Weiße Wände können sogar Angst machen. Ich habe auch Farbkonzepte für Zahnarztpraxen entwickelt, speziell für Kinderzahnärzte. Da dürfen die Wände nicht weiß sein. Hier sind Farben wichtig, die beruhigen, also sanfte Inkarnat-Töne. Und im Wartezimmer stehen Korbmöbel, die mit Kissen besonders gemütlich sind. Damit entstresse ich die Welt und auch die Kinder.

Gibt es zeitlose Farben, die immer gehen?

Inkarnat-Farben natürlich und angenehme helle Grautöne, aber auch Himmelblau und Wolkengrau sind wunderbar zeitlose Farben. Dann sollte allerdings eine Seite im Raum in einer fast konträren Farbe, also in einer Komplementärfarbe gestrichen sein. Also zu Blau passt Grün, bei Grau sieht ein gedeckter Milchton wunderbar aus.

Welche Wandfarben werden 2019 Trend?

Farben der Befreundung sind im Kommen, stressbefreiende Töne auch. Oder Farben, die sanft und atmend sind, die uns Luft lassen. Also Blaubereich-Töne. Oder Töne, die minimalistisch sind. Helle Farben in unterschiedlichen Nuancierungen. Bleu bis Lichtgrau ist angesagt, aber auch Gelb, das etwas schärfer herausblitzen darf.  

Wie werden Farbtrends bestimmt?

Das hat etwas damit zu tun, wie unsere Welt gerade aussieht. Man fragt sich: Was brauchen die Menschen? Die Welt verträgt zum Beispiel eigentlich kein Weiß. Weiß ist zu anstrengend, zu sauber, zu rein. Stattdessen müssen die Farben entstressend und mit mehr Empathie besetzt sein. Sie müssen zum Wohlfühlen beitragen. Übrigens rund 75 Prozent der Zeit verbringt der Mensch in seinen vier Wänden. Das Ambiente und das Interieur benötigen viel mehr an sinnlichem Potential. Trends bestätigen dies: Das Naherholungsgebiet Nr. 1 ist das Zuhause.

Mit Axel Venn sprach Kira Pieper

Quelle: n-tv.de

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