Wohnen

Leben wie im 17. Jahrhundert So wohnt es sich in einem echten Palazzo

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Fresken an der Decke - das hat nicht jeder!

(Foto: Paola Mendola)

Wer würde nicht gerne in einem üppig dekorierten Palazzo leben? Was so adelig klingt, ist für Paola Mendola aus Palermo Alltag. Sie pflegt ihren kleinen Palast mit Hingabe und hält auch die Historie in Ehren.

Wer schon einmal in Palermo war, kennt vielleicht dieses leichte Schwindelgefühl, das einen manchmal überkommt. In der Altstadt begeistert das Kalsa-Viertel mit seinen vielen Reizen: barocke Bauten, der Vucciria-Markt mit seiner bunten Vielfalt und der Botanische Garten mit seinen Riesen-Urpflanzen, die schon Goethe zum Staunen brachten. Irgendwann folgt man eher dem inneren Trieb als dem Stadtführer. Mag sein, dass dies auch mit dem "Genio di Palermo" (dem Genius von Palermo) zu tun hat, einer mythologischen Figur. Der Genius, als alter Mann mit Krone auf dem Kopf dargestellt, ist einer der Schutzpatrone der Stadt. Er steht auch für den Eigensinn und die oft üppige Kreativität der Palermitaner.

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Mit Liebe zum Detail ist die Wohnung dekoriert.

(Foto: Paola Mendola)

So ein Genio ziert auch den Brunnen auf der Piazza della Rivoluzione. Gleich nebenan in der Via Garibaldi befindet sich ein kleiner Palazzo aus dem 17. Jahrhundert. Wer ihn betritt, bekommt gleich den Eindruck, dass der Genius selbst hier eingezogen sein könnte.

Denn der Palazzo ist voller Kreativität: Die Wände sind in unterschiedlichen warmen Farbtönen gestrichen. Bilder im Stil des Neorealismus, Fotos von Straßenszenen hängen darin; auf den Kommoden und Tischchen stehen Keramikfiguren, Katzen, Vasen, Kerzenständer und ein wunderschöner Fresko ziert die Decke des Salons. Man steht vor einem Panoptikum sizilianischer Lebensfreude.

In dieses Viertel traute sich niemand

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Besucher fühlen sich in eine andere Zeit versetzt.

(Foto: Paola Mendola)

Geschmackvoll eklektisch eingerichtete Häuser gibt es überall auf der Welt, weitaus seltener sind aber jene, die den drängenden Wunsch wachrufen, alles über dieses Haus und seine Geschichte erfahren zu wollen. Denn überall glaubt man Spuren zu entdecken, die nicht nur einen sehr persönlichen, eigensinnigen Geschmack verraten, sondern die Puzzlesteine eines Lebens darstellen.

"Diese Wohnung gehörte der Familie meines Mannes", erzählt die Besitzerin, Frau Paola Mendola, eine herzliche und zuvorkommende Frau Mitte 50. "Sie war aber seit Jahrzehnten nicht mehr bewohnt. Als mein Mann und ich uns entschlossen, daraus unser Zuhause zu machen, gab es nicht einmal Strom, geschweige denn Heizkörper. Genau genommen glich das ganze Viertel einer Favela. Anders als heute war von Touristen weit und breit nichts zu sehen. Die Gegend galt als zu gefährlich. Wir waren die Ersten, die sich trauten, hier zu wohnen."

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Ein Kronleuchter darf nicht fehlen.

(Foto: Paola Mendola)

Das war Mitte der 80er-Jahre, als sie und ihr Mann Maurizio sich an die Arbeit machten. Und zwar ganz alleine, denn Geld hatten sie keines. Sie arbeiteten sich von einem Zimmer zum anderen voran. Ganze zehn Jahre dauerte es, bis die Wohnung endlich fertig war. "Nebenbei führten wir auch ein kleines Restaurant, gleich neben dem Eingang des Palazzo Ganci, wo Luchino Visconti die Ballszenen für seinen Film 'Der Leopard' drehte."

Als die ersten zwei Zimmer fertig waren, zogen sie ein. Am Abend kümmerten sie sich um das Restaurant, tagsüber arbeiteten sie an der Sanierung der Wohnung. Die Eingriffe wurden auf das Allernötigste begrenzt. Dabei kam allerlei zum Vorschein: die Deckenfresken, die noch aus dem 17. Jahrhundert stammenden Holzbalken und die für Sizilien typischen bunt dekorierten Majoliken. Die Möbel sind zum Teil geerbt, andere wiederum auf dem Flohmarkt erstanden. Nur im Arbeitszimmer ist die Ausstattung aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Auch die zwei weißen Stühle von Joe Colombo sind aus derselben Zeit, Frau Mendola hat sie von ihrem Vater geschenkt bekommen. "Apropos Vater. Sein erster Besuch hier verlief ausgesprochen dramatisch. Er war gerade durch das Tor gelaufen, als ihm ein Mann ein Messer an die Kehle hielt. Mein Vater versuchte ihn zu beruhigen, zückte dann seine Brieftasche und gab ihm 200.000 Lire. So ging es damals hier zu."

Das Puzzle eines Lebenswerks

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Frau Mendola liebt ihre Kamera.

(Foto: Paola Mendola)

Frau Mendolas Mann ist vor knapp zehn Jahren gestorben, präsent ist er aber überall. Die Bilder an den Wänden sind von ihm. "Bei jedem einzelnen dieser Gemälde kann ich mich noch genau erinnern, wie es entstand." Neben den Bildern beschäftigte er sich auch mit Keramikobjekten. "Diese Katzen zum Beispiel, die gibt beziehungsweise gab es wirklich. Und zwar auf unserem Landgut."

Unzählige Nächte hatten sie und ihr Mann gemeinsam verbracht, um die richtigen Farbtöne für seine Bilder oder Figuren zu finden oder kleine Bühnenbilder anzufertigen. Seine Keramikfiguren seien gut angekommen, erzählt sie weiter. Doch wie es die Natur vieler Künstler ist, war auch er ein großer Chaot. "Irgendwann habe ich die Regie übernommen, und nachdem wir das Restaurant Ende der 90er-Jahre aufgegeben hatten, habe ich zwei Zimmer für das Bed & Breakfast eingerichtet. Immerhin war mittlerweile auch unser Sohn auf der Welt".

Neben dem B&B widmet sie sich heute auch ihrer großen Leidenschaft: der Fotografie. Die Bilder in der Wohnung sind von ihr. Straßenszenen gehören zu ihren Lieblingssujets, außerdem arbeitet sie ehrenamtlich für den Theaterverband "Positiv denken", der mit psychisch kranken Menschen Vorstellungen auf die Bühne bringt. Ihre Bilder dazu werden jetzt vom 14. bis 16. Mai, im Rahmen der Kulturwoche in Palermo, auf dem ehemaligen Industriegelände Zisa ausgestellt.

Immer wieder fügt Frau Mendola einen neuen Puzzlestein in ihrer Wohnung hinzu: Mal sind es Spuren, die Gäste hinterlassen haben - mal die einer kleinen Ausstellung, die sie in der Dimora organisiert - und bringt so ihren Palazzo zum Strahlen.

Quelle: n-tv.de

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