Leben

Bedenke, dass du sterben wirst! Zu Besuch in der Wunderkammer

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Ein Blick in den menschlichen Körper, wie ihn sich die Menschen vor langer Zeit vorstellten.

(Foto: Rocco Thiede)

Vorläufer der heutigen Museen waren Wunderkammern, in denen in der Spätrenaissance allerlei Wunderliches ausgestellt war. In Berlin gibt es jetzt wieder eine solche Wunderkammer, in der man staunen kann.

"Mami schau mal, da ist das echte, riesige Horn vom weißen Einhorn", ruft das kleine Mädchen seiner Mutter zu. "Ups, und da, eklig - ein Schrumpfkopf", ergänzt ihr etwas älterer Bruder. Natürlich wissen die Erwachsenen, dass es das sagenumwobene Einhorn nicht wirklich gab und was hier zu sehen ist, gehörte tatsächlich zu einem Narwal. Es war mit über zwei Metern Länge sein Stoßzahn.

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Wer Fabelwesen sucht, wird hier fündig.

(Foto: Rocco Thiede)

Aber wird durch dieses exakte naturwissenschaftliche Wissen nicht auch der schöne Mythos zerstört? Geht dabei nicht ein wenig die schöne Welt der Sagen und Märchen verloren? Das Kind wird von seinen Eltern im Glauben belassen: "Ja, so muss es ausgeschaut haben, das Horn vom Einhorn", sagt der Vater augenzwinkernd. Nun gilt es noch den Schrumpfkopf aus Südamerika zu erklären, der hinter Glas in einer Vitrine liegt. Berlin hat seit einiger Zeit wieder eine Wunderkammer. Jung und Alt sind begeistert, staunen, entdecken Skurriles und wundern sich gern über die teils kuriosen Raritäten.

Thomas Olbricht, ein privater Kunstsammler, der sein Geld mit Wella-Produkten verdiente, erweckte die Tradition der Kunst- und Wunderkammern aus der Renaissance und dem Barock in Berlin zu neuem Leben. "Die Qualität der Objekte hier ist einzigartig und macht unsere Wunderkammer mit über 300 Exponaten zu einer der bedeutendsten Privatsammlungen ihrer Art", erklärt der junge Mann mit Zopf an der Kasse.

Wundern und Staunen

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Der Besuch ist gleichzeitig Zeit- und Weltreise.

(Foto: Rocco Thiede)

Die ersten Wunderkammern waren Sammlungsräume, in denen kostbare Kunstwerke (Artificialia), seltene Naturalien (Naturalia), wissenschaftliche Instrumente (Scientifica), Objekte aus fremden Welten (Exotica) und unerklärliche Dinge (Mirabilia) aufbewahrt wurden. Originale Kammern gibt es nicht mehr so viele in Deutschland. München besitzt eine, auch Landshut, Bamberg oder Halle an der Saale können mit Kunst- und Naturalienkammern aufwarten.

In Berlin baute Kurfürst Joachim II. in seiner Regierungszeit zwischen 1535 und 1571 eine Wunderkammer auf, deren Inhalt durch die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges fast vollständig verloren ging. Die noch erhaltenen Objekte sind heute auf verschiedene Museen verteilt.

Der Besucher erhält in dem neuen Museumsbau in der Auguststrasse in Berlin-Mitte einen Einblick in die Weltanschauung und den Wissensstand vergangener Jahrhunderte. Er soll zum Beispiel bei einem lichtdurchfluteten Bernsteinspiegel ins Staunen geraten, wenn das "Gold des Nordens" seine Geheimnisse offenbart. "Unser Ziel ist es, den Neugierigen in den Bann zu ziehen und zu einem tieferen Verständnis der universellen Zusammenhänge von Kunst, Natur und Wissenschaft beizutragen", doziert ein Führer.

Ein freundlicher Tod

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Der Tod hat viele Gesichter.

(Foto: Rocco Thiede)

Einen Schwerpunkt hat die Olbricht-Sammlung bei Vanitas-Motiven: "Bedenke, dass du sterben wirst!" sollen ihm Skelette, Chronos, der abgeschlagene Kopf von Johannes dem Täufer oder diverse Totenköpfe sagen. Doch der Tod war früher kein Angstmacher, sondern wurde seit dem Barock mit Andacht, Interesse und Humor in Szene gesetzt. Auch ein anatomisches Modell in Miniatur, aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, greift das Thema auf: Aus dem aufgebahrten Körper einer Schwangeren sind Organe und der Fötus herausnehmbar und machen das Versteckte auf fast spielerische Art sichtbar.

Eine Reihe religiöser Objekte sind auch unter den Ausstellungsstücken, wie ein Danziger Bernsteinhausaltar von 1650, ein sogenanntes "Fetzentödlein mit Sanduhr" aus dem süddeutschen Raum, aus Lindenholz "Der Mönch und der Tod" oder eine Kreuzuhr im Originaletui von Meister Nikolaus Schmidt d.Ä. aus Augsburg von 1620.

Unter den erst kürzlich erworbenen Werken befindet sich zum Beispiel der Humboldt-Pokal, der zwischen 1648 und 1653 entstand. Wie sein Name verrät, stammt er aus dem Besitz von Alexander von Humboldt und gehört zu den wenigen montierten Kokosnüssen mit geschnitzten Darstellungen von brasilianischen Kannibalen. Weltweit soll es nur vier vergleichbare Objekte in öffentlichen Sammlungen geben. In der Wunderkammer werden auch viele Objekte aus dem Bereich der "Exotica" ausgestellt, wie etwa ein Nilkrokodil mit 470 Zentimetern Länge und eine Seychellen-Riesenschildkröte. Das wertvolle Buch "Beytrag zur Naturgeschichte der Vögel" (1791-1792) von Joachim Johann Nepomuk Spalowsky mit vielen herausragenden Illustrationen in mehreren Bänden ist ebenso zu sehen wie ein Rochenhaut-Pulverhorn aus dem 17. Jahrhundert aus dem osmanischen Reich oder auch ein Turboschnecken-Pokal mit feuervergoldeter Kupfermontierung (um 1580). All diese Objekte stehen für Entdeckung, Erforschung, Neugierde, Abenteuerlust: von neuen Handelswegen, fremden Kulturen, exotischen Tieren und Pflanzen - und nicht zuletzt für die Sehnsucht nach Wissen.

Das von Olbricht, dem Eigentümer der Kunstwerke, konzipierte Ausstellungshaus firmiert übrigens unter dem Namen "me Collectors Room". Es ist mit seinen 1300 Quadratmetern Fläche eine der größten Privatsammlungen in der Hauptstadt. Seit 1985 hat der in Essen wohnende Sammler Kunstwerke von internationalem Format zusammengetragen. Neben der Wunderkammer werden auch wechselnde Ausstellungen mit moderner Kunst im "me", wie das Haus auch genannt wird, präsentiert. In einem Faltblatt heißt es dazu: "Dabei bekennt sich der Sammler zur subjektiven Sichtweise des Sammelns, was Überraschungen und Widersprüche einschließt."

Quelle: n-tv.de

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