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Jiří Georg Dokoupil gehört zu den ungewöhnlichsten Künstlern der Gegenwart.
Jiří Georg Dokoupil gehört zu den ungewöhnlichsten Künstlern der Gegenwart.
Mittwoch, 17. Oktober 2018

Postmoderner Provokateur : Das Kunst-Chamäleon Jiří Georg Dokoupil

Von Quirin Brunnmeier

Er stellt in den großen Galerien New Yorks aus und ist in den 1980er-Jahren ein Star. Doch Jiří Dokoupil lässt sich nie auf einen Stil festlegen. Als einer der wohl untypischsten Künstler der Gegenwart begeistert er mit immer neuen Techniken.

Seifenblasen als Farbträger, Muttermilch im Backofen karamellisiert auf Leinwänden und Peitschen als Pinsel: Jiří Georg Dokoupil bedient sich in seiner künstlerischen Praxis gerne unkonventioneller Methoden. Der neoexpressionistischer Maler nutzt seit 1986 keine Pinsel mehr für seine Bilder. In den Achtzigerjahren ist Jiří Georg Dokoupil der Star unter den Jungen Wilden, die damals gleichzeitig die Museen, den Kunstmarkt und Großausstellungen wie die documenta erobern.

Geboren wird Dokoupil 1954 in Krnov in der damaligen Tschechoslowakei. Im Zuge des Prager Frühlings verlassen seine Eltern 1968 das Land und kommen nach Deutschland. In den Siebzigerjahren beginnt er in Köln und Frankfurt Kunst zu studieren. In einem Hinterhofatelier im Haus Mülheimer Freiheit Nr. 110 formierte sich 1979 eine neue Gruppe neoexpressionistischer Maler, die sich nach der Adresse "Mülheimer Freiheit" nennt. Zusammen mit Hans Peter Adamski, Peter Bömmels, Walter Dahn, Gerard Kever und Gerhard Naschberger erprobt Dokoupil neue, pluralistische Formen der Kunst. Bereits 1984 löste sich die Gruppe jedoch wieder auf.

Form und Farbe als "Essenz der Kunst"

Sein Studium führte Dokoupil auch zu Hans Haacke an die Cooper Union in New York. Auf dem Höhepunkt der trockenen Konzeptkunst entscheidet er sich, Maler zu werden. "Die Menschen gehen in Museen und Galerien, um ein Form- und Farb-Erlebnis zu haben. Das ist und bleibt die Essenz der Kunst. Die Schaffung eines Gemäldes hat mit der Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Material zu tun und das weigert sich in der Regel, sich einem Konzept zu unterwerfen", sagte er später in einem Interview mit dem Magazin "032c".

Und dieser Schritt zahlt sich für ihn aus: Im Jahr 1982 nimmt Dokoupil an der Biennale in Venedig, der "documenta 7" und an der großen Ausstellung "Zeitgeist" in Berlin teil. Schon damals ist seine künstlerische Herangehensweise nicht eintönig. Dokoupil kultiviert eine sich ständig ändernde stilistische Bandbreite zwischen Neoexpressionismus und Konstruktivismus, barocker Verspieltheit und Pop-Art. Bald entwickelt er sich auch zu einem Liebling der Sammler. Ausstellungen bei Paul Maenz in Köln und Mary Boone, Leo Castelli und Ilenoa Sonnabend in New York erregen großes Interesse, die Bilder sind schnell verkauft. Doch ein Zusammenbruch des Kunstmarkts aufgrund einer Spekulationskrise 1990 bremst seine steile Karriere zunächst.

Muttermilch als Farbträger im Einsatz

Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, gefördert durch treue und einflussreiche Sammler und Galeristen, schafft sich Dokoupil als eine neue Identität. Er beginnt, nicht nur neue Stile und Themen, sondern auch neue Techniken zu erforschen. Er malt dunkle Kerzenbilder mit Ruß und nutzt eingefärbte Seifenblasen, die er auf seinen Leinwänden aufplatzen lässt. So entstehen mal düstere, mal zärtliche, fragile Arbeiten. Im Stil des Action-Paintings klatscht er Farbe mit Peitschen auf Leinwände, auch die besagte karamelisierte Muttermilch kommt als Farbträger zum Einsatz. Dokoupil will keiner festgelegten Stilrichtung zugeordnet werden. Er hat keine uniforme Handschrift, seine unterschiedlichen Serien könnten auch von unterschiedlichen Künstlern geschaffen worden sein. Dokoupil spielt mit neuen Techniken, erfindet Prozesse und nutzt unterschiedliche Materialien, mit denen er exzessiv experimentiert.

Dass dies in einem Markt, der auf berechenbare Stars und ikonische Motive setzt, problematisch sein kann, ist sich Dokoupil bewusst: "Sich anfällig für Misserfolge zu machen, ist hundert Mal produktiver, als weiterhin große, aufgeblasene Hunde zu produzieren. Den schwierigeren Weg zu gehen, ist interessanter", kommentierte er mit einem Seitenhieb auf Jeff Koons seine Haltung im Interview mit "032c".

Auch wenn die Karrieren anderer vielleicht geradliniger verlaufen, so gibt der Erfolg dem widerspenstigen Künstler dennoch recht. Seine Arbeiten sind in den Kunstsammlungen des Centre Pompidou Paris, des Museums Ludwigs Köln und dem National Museum of Contemporary Art in Seoul vertreten, er hat Lehraufträge auf der ganzen Welt und bekam 2012 den Lovis-Corinth-Preis verliehen. Der postmoderne Künstler, der sich jeglicher Klassifizierung widersetzt, hat für seine künstlerische Praxis eigene Regeln: "Es muss dir in den Magen schlagen. Zu viel Theorie steht nur im Weg."

"Inside Art: Jiří Dokoupil - Seifenblasen und Kerzenschein" mit Wolfram Kons auf n-tv

https://shop.geuer-geuer-art.de/jiri-dokoupil-opoku-bubbles

Quelle: n-tv.de