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Montag, 14. März 2011

Unbeherrschbare Technologie: Die schwersten Atom-Unfälle

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Nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami kämpft Japan gegen die atomare Katastrophe. (Foto: Reuters)

Nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami kämpft Japan gegen die atomare Katastrophe.

Nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami kämpft Japan gegen die atomare Katastrophe.

Das Kernkraftwerk Fukushima 1 ist schwer beschädigt.

Auch wenn die Internationale Atomenergiebehörde IAEA den Vorfall auf ihrer INES-Skala mit 4 bewertet, wird Fukushima bereits mit dem katastrophalen Vorfall in Tschernobyl vor fast 25 Jahren verglichen.

Tschernobyl wurde damals auf der "International Nuclear Event Scale" mit 7 eingestuft.

Die Stufen der Skala reichen von 0 bis 7 und wurden Anfang der 90er Jahre erstmals angewendet. Man kann sie analog zu Richter-Skala bei Erdbeben verstehen.

Sie soll der Öffentlichkeit eine Orientierung zur Bewertung eines Zwischenfalls geben.

Die größte atomare Katastrophe von Tschernobyl von 1986 ist bis heute unvergessen.

Doch in den vergangenen Jahrzehnten kam es auch in Japan, den USA und Russland zu bedeutenden Störfällen in Atomkraftwerken. Ein Überblick:

29. SEPTEMBER 1957: Auf dem russischen Atomkomplex Majak im Ural kommt es zu einer Störung des Kühlsystems und einer Explosion, durch die 23.000 Quadratkilometer radioaktiv verseucht werden.

Nachträglich wird der Vorfall als schwerer Unfall der Kategorie 6 eingestuft.

OKTOBER 1957: Im britischen Kernreaktor in Windscale – ab 1983 Sellafield genannt – wird nach einem Brand eine radioaktive Wolke freigesetzt, die sich über Europa verteilt.

28. MÄRZ 1979: Im Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania kommt es zu einer teilweisen Kernschmelze, durch die im Reaktor Radioaktivität freigesetzt wird.

Es ist einer der ersten Atomunfälle, der weltweit Angst vor Strahlung auslöst. Auf der INES-Skala wird er mit der Schwere 5 eingestuft.

Die Ereignisse damals erinnern an den aktuellen Störfall in Japan: Zwei Kühlpumpen fallen aus, die Notabschaltung funktioniert zwar, aber der Reaktor bleibt weiter überhitzt.

Erst nach Stunden wird Technikern die Dimension des Störfalls bewusst und sie pumpen endlich neues Kühlwasser in den Reaktor. Dessen Kern war aber schon zum großen Teil geschmolzen.

Eine radioaktive Wolke steht über der Region und 200.000 Anwohner müssen ihre Häuser verlassen. Direkte Todesfälle gab es nicht - und laut einer Langzeitstudie auch keine Folgeerkrankungen.

Nur zwei Wochen vor dem Vorfall bringt in den USA der Film "Das China-Syndrom" mit Jane Fonda und Michael Douglas das Thema "unentdeckter Störfall im Atomkraftwerk" auf die Leinwand. In dem Film schmilzt der Reaktorkern "beinahe bis China durch".

AUGUST 1979: Aus einer geheimen Atomanlage nahe Erwin im US-Bundesstaat Tennessee tritt Uran aus. Etwa 1000 Menschen werden verstrahlt.

JANUAR bis MÄRZ 1981: Vier Mal tritt in dem Zeitraum Radioaktivität aus dem Atomkraftwerk Tsuruga in Japan aus. Nach offiziellen Angaben werden 278 Menschen verstrahlt.

26. APRIL 1986: Im ukrainischen Tschernobyl ereignet sich die bislang schwerste Reaktor-Katastrophe überhaupt:

Nach einer Explosion im Reaktor Nummer 4 wird eine riesige radioaktive Wolke freigesetzt. Der Unfall wird erst öffentlich, als in Nordeuropa erhöhte Radioaktivität gemessen wird.

Hunderttausende Menschen wurden nach Schätzungen verstrahlt, vor allem in den damaligen Sowjetrepubliken Ukraine, Weißrussland und Russland.

Die Zahl der Todesopfer ist umstritten. Nichtregierungsorganisationen gehen von hunderttausenden Todesopfern aus.

Alleine in der Ukraine gelten 2,3 Millionen Menschen offiziell als "von der Katastrophe betroffen", beispielsweise durch höhere Krebsraten.

Nach dem Atomunfall in Japan hat der russische Regierungschef Wladimir Putin nun wegen einer befürchteten nuklearen Wolke die Überprüfung der Notfallpläne für den fernen Osten des Landes angekündigt.

APRIL 1993: Durch eine Explosion in der geheimen Wiederaufbereitungsanlage Tomsk-7 in Westsibirien wird radioaktives Material freigesetzt, darunter Uran-235, Plutonium-237 und verschiedene andere Spaltmaterialien. Das Ausmaß der Schäden und Opferzahlen ist unbekannt.

NOVEMBER 1995: Beim Abbau von Brennmaterialien aus einem Reaktor in Tschernobyl wird Radioaktivität von großem Ausmaß freigesetzt. Erst nach Versuchen, den Vorfall geheimzuhalten, wird er doch öffentlich gemacht.

11. MÄRZ 1997: Nach einem Brand und einer Explosion in der japanischen Aufbereitungsanlage in Tokaimura im Nordosten von Tokio sind 37 Menschen Strahlung ausgesetzt. Teilweise werden die Arbeiten deshalb vorübergehend ausgesetzt.

30. SEPTEMBER 1999: Um Zeit zu sparen, geben Angestellte in Tokaimura zuviel Uran in einen Fülltank. Daraufhin ereignet sich der schwerste Atom-Unfall seit Tschernobyl, laut INES ein Unfall der Stufe 4.

Es ist zudem der bis dahin schwerste in der Geschichte Japans. Mehr als 600 Menschen werden verstrahlt. Rund 320.000 Menschen werden aus ihren Häusern in Sicherheit gebracht. Zwei verantwortliche Mitarbeiter sterben Monate nach dem Unglück.

AUGUST 2004: Einer der drei Reaktoren der Atomanlage in Mihama westlich von Tokio schaltet sich automatisch ab. Daraufhin tritt nicht verseuchter, aber extrem heißer Wasserdampf aus.

Vier Arbeiter werden getötet, sieben weitere erleiden schwerste Verbrennungen.

23. Juli 2008: In der südfranzösischen Atomanlage Tricastin entweicht bei Wartungsarbeiten radioaktiver Staub, rund hundert Mitarbeiter werden leicht verstrahlt.

Auch in Fukushima, dem Herzstück der japanischen Atomindustrie, gab es schon Vorfälle. 2006 tritt radioaktiver Dampf aus einem Rohr aus, 2002 werden Risse in Wasserrohren entdeckt.

Im Jahr 2000 muss ein Reaktor wegen eines Lochs in einem Brennstab abgeschaltet werden.

Im September 2002 räumt der Betreiber Tepco in einem Vertuschungsskandal ein, Berichte über Schäden jahrelang gefälscht zu haben.

Die dramatischen Vorfälle in Fukushima alarmieren auch in Deutschland die Regierung und Experten. Trotz aller Versicherungen der AKW-Betreiber bezweifeln Kritiker, dass ein derartiger Störfall in deutschen Atomkraftwerken ausgeschlossen oder im Notfall beherrschbar wäre.

Gefahren drohen hierzulande aber weniger durch schwere Erdbeben, als durch Blitzeinschläge, Terroranschläge oder Störungen der Stromversorgung.

Die Stromversorgung ist die Achillesferse eines jeden Atomraftwerks. Denn ein AKW produziert nicht nur viel Strom, sondern braucht ihn auch dringend selbst – etwa für den Betrieb der Kühlwasserumwälzpumpen.

Reaktoren verfügen für den Fall eines Zusammenbruchs des allgemeinen Stromnetzes zwar über Notfallgeneratoren, aber auch die können versagen.

In so einem Fall steigt die Gefahr einer Kernschmelze. Und die kann auch in Deutschland nie ganz ausgeschlossen werden.

17 Atomreaktoren sind in Deutschland am Netz, die neusten wurden in den 80er Jahren gebaut. (sla/AFP/dpa/rts)

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