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Mittwoch, 09. September 2015

Windeln, Handy, Rosenkranz: Was Flüchtlinge retten konnten

Von Solveig Bach

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Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder sind in diesem Jahr aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten, Nordafrika und Südasien geflohen. (Foto: imago/Xinhua)

Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder sind in diesem Jahr aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten, Nordafrika und Südasien geflohen.

Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder sind in diesem Jahr aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten, Nordafrika und Südasien geflohen.

Selbst wer hoffte, einige Habseligkeiten mitnehmen zu können, wurde auf der Flucht oft eines Besseren belehrt.

Auf den Booten, die über das Mittelmeer fahren, ist kein Platz für Koffer oder Taschen.

So haben viele Flüchtlinge bei ihrer Ankunft oft nur noch einen Rucksack oder einen Beutel, in dem sich alles befindet, was sie besitzen.

Das International Rescue Committee fragte Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos nach dem Inhalt ihrer Taschen.

Der sechsjährige Omran kam aus der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Griechenland. Seine Familie ist auf dem Weg nach Deutschland zu Verwandten.

In seinem Rucksack sind noch: eine Hose, ein Shirt, eine Spritze für Notfälle, Marshmallows und Sahne (Omrans Lieblingssüßigkeiten), Seife, Zahnbürste und -pasta, außerdem Pflaster und Medikamente.

Da Omrans Eltern wussten, dass sie durch Wälder fliehen würden, um nicht entdeckt zu werden, haben sie Verbandszeug gegen Kratzer und Schnitte eingepackt.

Iqbal ist aus dem afghanischen Kundus geflohen, erst in den Iran, dann in die Türkei und vorn dort aus nach Lesbos. Ein Freund von ihm lebt in Deutschland, sein Bruder studiert in Florida.

"Ich will nicht, dass sie wissen, dass ich ein Flüchtling bin. Ich denke, dass jemand mich entdecken und die Polizei rufen könnte, weil ich ein Illegaler bin." Iqbals Besitz: eine Hose, ein T-Shirt, ein Paar Socken, ein Paar Schuhe Shampoo und Haargel, Zahnbürste und Zahnpasta, Hautaufhellungscreme Kamm, Nagelknipser, 100 US-Dollar, 130 Türkische Lira, Smartphone und Ersatz-Handy, SIM-Karten für Afghanistan, Iran und die Türkei.

Die 20-jährige Aboessa ist mit ihrem Mann und ihrer zehn Monate alten Tochter aus dem inoffiziellen Palästinenser-Camp Yarmouk südlich von Damaskus geflohen, als dort Kämpfe ausbrachen. Die türkische Polizei nahm ihnen den Motor ihres Flüchtlingsboots beim Übersetzen in Richtung Griechenland ab. Mit improvisierten Paddeln kämpften sie sich durch die Meeresströmungen bis nach Lesbos.

"Alles ist für meine Tochter, um sie vor Krankheit zu schützen. Als wir in Griechenland ankamen, gab uns ein netter Mann zwei Gläser Babynahrung. Ein anderer gab Kekse und Wasser, als er mein Baby sah." - Ein Hut für das Baby, eine Auswahl an Medikamenten, eine Flasche steriles Wasser, Servietten für das Wechseln der Windeln, ein Paar Babysocken, Schmerzmittel, Sonnencreme und Salbe gegen Sonnenbrand, persönliche Dokumente (inklusive des Impfpasses des Babys), Portemonnaie mit Lichtbildausweis und Geld, ein Handy-Ladegerät und ein gelbes Haarband.

Ein 34-jähriger Apotheker aus Aleppo ist auf dem Weg nach Deutschland. Dort hat sein Vater acht Jahre lang gelebt. So ein Leben voller Frieden und Hoffnung wünscht er sich auch. Mit seiner Familie floh er in die Türkei, ein Schlepper arrangierte dann seine Weiterreise. Nur mit einer Umhängetasche bestieg er ein völlig überfülltes Schlauchboot.

In der Tasche sind: eingewickeltes Bargeld, um es vor Wasser zu schützen, ein altes Handy (nass und unbrauchbar) und ein neues Smartphone, Handy-Ladegeräte und Kopfhörer (plus ein Extra-Akku), ein 16-GB-Speicherstick, der Familienfotos enthält. "Ich musste meine Eltern und meine Schwester in der Türkei zurücklassen. Ich dachte: 'Wenn ich an Bord dieses Bootes sterbe, sterbe ich wenigstens mit den Bildern meiner Familie bei mir.'"

Hassan besitzt die Kleidung, die er anhat, eine weitere Hose und ein Hemd. "Das ist alles, was ich habe. Sie sagten uns, wir dürften nur zwei Dinge mitbringen: ein Hemd und eine Hose zum Wechseln."

Nours Leidenschaft sind Musik und Kunst, in Syrien spielte er Gitarre und malte. Als die Kämpfe immer näher kamen, raffte er die wichtigsten Dinge zusammen und floh in die Türkei.

"Ich habe Syrien mit zwei Taschen verlassen. Aber die Schlepper sagten mir, ich könne nur eine mitnehmen. Die andere Tasche enthielt meine ganze Kleidung. Das hier ist alles, was mir geblieben ist." Eine kleine Tasche mit persönlichen Dokumenten, ein Rosenkranz (ein Geschenk eines Freundes, Nour lässt das Kreuz nicht den Boden berühren), eine kaputte Armbanduhr (ein Geschenk seiner Freundin), eine syrische Flagge, ein palästinensisches Amulett, silberne und hölzerne Armbänder, die ihm ein Freund geschenkt hatten, Plektren für Gitarren (eines davon ebenfalls das Geschenk eines Freundes), Handy und syrische SIM-Karte, Lichtbildausweis, ein Hemd.

"Ich hoffe, wir sterben. Dieses Leben ist nicht mehr lebenswert. Jeder hat uns die Tür vor der Nase zugeschlagen, es gibt keine Zukunft für uns." Als diese Familie Syrien verließ, hatte jedes Familienmitglied ein oder zwei Taschen bei sich. Auf der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland begann ihr Boot zu sinken. Sieben Frauen, vier Männer und 20 Kinder konnten nur eine einzige Tasche retten.

Sie enthält: Ein T-Shirt, eine Jeans, ein Paar Schuhe. Waschzeug, eine Windel, zwei kleine Tüten Milch und einige Kekse, persönliche Dokumente, Bargeld, Hygieneartikel und einen Kamm.

Was sie jetzt noch dabei haben, sind die letzten Dinge, die ihnen aus der alten Heimat geblieben sind.

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